Purkersdorf

Erstellt am 10. August 2016, 05:23

von Martin Gruber-Dorninger, Daniel Lohninger und Marlene Trenker

Wahlarztbesuche: „Der Vorschlag ist absurd“. SPÖ-Abgeordneter sorgt mit Vorschlag, den Kostenersatz für Wahlarztbesuche abzuschaffen für Verwunderung bei den Ärzten.

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Weg mit dem Kostenersatz für den Wahlarztbesuch! Mit dieser Forderung sorgt SP-Gesundheitssprecher Erwin Spindelberger für heftige Diskussionen, auch parteiintern. Die Ärzte der Region Purkersdorf sehen die Anregung mit gemischten Gefühlen. Einig ist man sich aber in einem Punkt: Ohne Wahlärzte wäre das Gesundheitssystem noch teurer. „Es handelt sich bei dem Vorstoß gegen die Abrechnungsberechtigung für Wahlärzte um eine persönliche Initiative von Erwin Spindelberger und nicht um die Parteilinie der SPÖ, was sich in einer entsprechenden innerparteilichen Diskussion gezeigt hat“, sieht der Mauerbacher Arzt Karl Diehl die Diskussion noch gelassen.

"Eine höchst wertvolle Win-win-Situation für alle Beteiligten"

Diehl ist auch Bezirksärztevertreter in Tulln, wo der Urologe seine Praxis hat. „Für mich, der ich zwar seit 25 Jahren Kassenarzt bin, aber vorher auch das Wahlarztdasein kennengelernt habe, ist die Idee nur insofern von positivem Interesse, als eine gezielte, wenngleich nicht schrankenlose Vergabe von zusätzlichen Kassenverträgen, vor allem in Mangelbereichen, sicher zu begrüßen ist“, so Diehl weiter. Dies dürfe aber keinesfalls im Tausch gegen eine Abschaffung der wahlärztlichen Rückverrechnungsmöglichkeit gehen, „da diese eine höchst wertvolle Win-win-Situation für alle Beteiligten darstellt“, ergänzt Diehl.

Der Purkersdorfer Allgemeinmediziner und Kassenarzt Harald Ruth sieht in der Forderung von Erwin Spindelberger einen Ansatz, wieder mehr Ärzte zu einem Kassenvertrag zu bewegen. „Es ist mühseliger mit einem Kassenvertrag. Die vielen Kontrollen erschweren das Leben ungemein“, sagt Harald Ruth. Ohnehin würden nicht sehr viele Wahlarztrechnungen eingereicht, da die Höhe der Refundierungen oftmals sehr gering sei. Das bestätigt auch Bernhard Angermayr, Leiter der Ärzte im Zentrum in St. Pölten – mit 32 Ärzten das größte Wahlarztzentrum Österreichs. Gut ein Drittel der Patienten würde demnach gar nicht erst eine Refundierung beantragen.

„Es ist mühseliger mit einem Kassenvertrag. Die vielen Kontrollen erschweren das Leben ungemein.“

Harald Ruth,Allgemeinmediziner

„Für die Krankenkasse bedeutet das einen Verwaltungsaufwand. Wenn für den Wahlarztbesuch keine Kosten mehr ersetzt werden, wird angenommen, dass die Patienten wieder vermehrt zu Kassenärzten gehen“, ist Harald Ruth überzeugt.

Wahlärzte sind, laut Diehl, eine wichtige Ergänzung unseres Gesundheitssystems. „Sie verrechnen kassenkonform, obwohl sie nicht die Vorteile des vertragsärztlichen Daseins genießen und beispielsweise von den Sozialversicherungsträgern keinen Ordinationsbedarf beigestellt bekommen“, fährt Diehl fort, der Wahlärzte teilweise auch als wichtige Nischenanbieter sieht. Für den Purkersdorfer Wahlarzt Wolfgang Grünzweig ist der Vorschlag Spindelbergers absurd. „Ohne Wahlärzte geht es nicht“, ist Grünzweig sicher. „Es gibt einen Grund, warum sich viele gegen einen Kassenvertrag entscheiden. Das Kassenärztesystem müsste komplett reformiert werden“, meint Grünzweig.

Auch der Bezirksärztevertreter von St. Pölten-Land, Andreas Barnath ist ähnlicher Meinung: „Das Kassensystem muss so gestaltet werden, dass die Menschen nicht in die Privatmedizin getrieben werden.“ Konkret heiße das, dass die „antiquarischen Einzelleistungskataloge“ der Sozialversicherungen den Bedürfnissen der Zeit angepasst werden und die Zahl der Kassenstellen erhöht werden müssen. „Der Zuwachs an Kassenstellen hält leider mit dem Bevölkerungszuwachs nicht Schritt“, erklärt Barnath. Daraus resultiere, dass vor allem Facharzt-Kassenpraxen massiv überlaufen seien – für die Patienten dadurch manchmal zu wenig Zeit bleibe. Barnath: „Diese Zeit für den Patienten hat der Wahlarzt. Es ist aber nicht so, dass Wahlärzte besser sind als Kassenärzte.“ Falsch sei auch die Vorstellung, dass die Krankenkasse 80 Prozent der Wahlarztrechnung übernehme: Tatsächlich seien es 80 Prozent des Kassentarifs, der bei etwa acht Euro brutto pro Arztbesuch liege.

„Der Wahlarzt ist ein wesentlicher Bestandteil der ärztlichen Versorgung“

Bei der NÖ Gebietskrankenkasse betont man, dass die Zahl der Kassenstellen in und um St. Pölten sehr wohl zugenommen habe. So gebe es heute 127 Ärzte mit Kassenverträgen – um neun mehr als vor zehn Jahren. Im Bezirk Wien-Umgebung gibt es derzeit 91 Ordinationen mit Gebietskrankenkassen und 237 Wahlarztordinationen.

Die NÖGKK stehe aber zum Prinzip der Wahlfreiheit der Patienten. „Der Wahlarzt ist ein wesentlicher Bestandteil der ärztlichen Versorgung“, betont NÖGKK-Obmann Gerhard Huter. 17 Millionen Euro seien im Vorjahr an Wahlarztrechnungen rückerstattet worden. „Würde die Refundierung abgeschafft, müssten alle Menschen zum Vertragsarzt gehen. Damit würden wir uns nichts ersparen – im Gegenteil“, führt Hutter aus.

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