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Das schafft nur jeder Hundertste

FOLGE 375 / Gery Seidl, Kabarettist, in Höflein bei Klosterneuburg: „Das Größte ist, sich Zeit zu nehmen.“

VON THOMAS JORDA

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  • Es gibt ein paar Sätze, die Eltern ein Lebtag lang nicht hören wollen. Einer davon lautet: Mama, ich muss dir was sagen, Papa, ich werde Kabarettist!
    „Meine Eltern haben nicht direkt ablehnend reagiert“, erinnert sich Gery Seidl, „sie haben nur gefragt: ,Und wovon wirst du leben?‘ Diese Frage steht heute noch im Raum. Und manchmal frage ich mich das selbst.“
    Dabei ist Seidl auf der Erfolgswelle unterwegs, und er kann auf eine ganze Reihe von Auszeichnungen hinweisen, den Grazer Kleinkunstvogel, den Kärntner Kleinkunstdrachen, den Münchner Kabarettkaktus und bereits zwei Mal den Österreichischen Kabarettförderpreis, 2005 gemeinsam mit seinem Kabarettpartner Gerhard Walter, 2008 für sein erstes Soloprogramm „Wegen Renovierung offen“.
    Und am 20. Jänner feiert er mit seinem zweiten Soloprogramm – „Spaghetti mit Ohne“ – die Premiere im Wiener Kabarett Niedermair.

    Fast hätten ihn die elterlichen Existenzsorgen aber auf ganz andere Wege getrieben. „Sie haben mich motiviert, die HTL zu besuchen. Ich bin nämlich ein leidenschaftlicher Techniker und Bastler, auch heute noch. Mein Bruder und ich haben sechzehn alte Fahrräder zusammengebaut und restauriert, aber nie ein neues gefahren.“
    Seidl absolvierte also eine HTL mit dem Lehrgang Hochbau – und war dort sehr unglücklich.

    Die schrecklichste Zeit des Lebens – die Schule!
    „Das war die schrecklichste Zeit in meinem Leben. Die völlige Unterwerfung, die verlangt wurde, das ist nicht meins. Ich möchte die Dinge hinterfragen und sie verstehen. So war es aber nicht vorgesehen. Mein Mathematikprofessor hat mir zum Beispiel erklärt, dass ich es nie näher als 0,03 Punkte auf eine positive Note bringen könnte. Aber nach sieben Jahren war ich dann doch positiv! Am Schluss hab‘ ich schon z‘Fleiß die Matura gemacht.“
    Dann begann er zu arbeiten. „Mein erster Job war, mit Kalk einen Grundriss aufzuzeichnen. Da bin ich dann am Stadtrand von Wien bei strömendem Regen allein auf einem Grundstück mit meterhohem Unkraut gestanden, der Plan war völlig durchnässt, der Kalk total klumpig, ich hab‘ keine Ahnung gehabt, wo Norden ist – und weit und breit kein einziger Lehrer, der mir zeigt, was ich tun soll!“

    In den sechs Jahren, die Seidl als Abschnittsbauleiter tätig gewesen war, ließ ihn der Wunsch nicht los, Kabarettist zu werden, um dem inneren Drang nach der Schauspielerei nachzugeben.
    „Ich habe ja schon in der dritten Klasse HTL versucht, mich beim Max-Reinhardt-Seminar zu bewerben. Die haben mich aber nicht genommen. Ich habe bald erkannt, dass ich meine Liebe zur Schauspielerei nur befriedigen kann, wenn ich als Kabarettist auftrete. Denn ein Theater nimmt mich nicht – und außerdem kann ich dann spielen, was ich selbst will.“
    Also kündigte Seidl. „Mein damaliger Chef hat gesagt: ,Ich habe gehört, Sie wollen Kabarettist werden. Das schafft aber nur jeder Hundertste.‘ Und ich habe ihm gesagt: Dieser Hundertste steht vor Ihnen!“ Und er begann, bei Herwig Seeböck Schauspielerei zu lernen.

    Auf der Bühne erfüllt sich der Traum von Gery Seidl
    Auf der Bühne zu stehen, sein Publikum mit einer gut erzählten und noch besser gespielten Geschichte abzuholen und nicht mehr loszulassen, das ist der Traum, den sich Seidl erfüllt.
    „Da muss sich jemand eine Karte kaufen, den Parkschein lösen, sich zwei Stunden Zeit nehmen und gerade mir zuhören, bei gezählten 72 Kabarettisten in Wien – das ist das Größte!“
    Geld ist noch kein Thema für einen jungen Kabarettisten. „Die Freiheit, auf der Bühne zu stehen, die ist mir schon was wert. Reich werde ich damit sicher nicht. Aber was heißt schon: reich? Es reicht, wenn es reicht.“

    Familiäre Vorläufer hat er keine. „Höchstens mein Urgroßvater. Der war bei der Eisenbahn und nebenberuflich ein Stummfilmgeiger. Er ist vier Mal in der Woche von Höflein zu Fuß nach Wien in sein Kino gegangen und in der Nacht wieder retour. Von ihm hat es immer geheißen: Er trägt nie mehr Holz heim, als in sein Geigenkofferl hineinpasse. Er war jedenfalls sehr oft am Schmähbankerl unterwegs.“
    Während Seidls Eltern, der Vater ist Beamter der NÖ Landesregierung, dauernd in Höflein wohnen, so beschränkt sich Gery aufs Wochenendhaus in der Heimatgemeinde. „Ich liebe Höflein, aber ich brauche halt auch die Großstadt. Sonst wird Höflein zur Leere, die dein Leben bestimmt. Da wirst‘ deppert.“
    Eigentlich heißt Gery ja Gerald. „Meine Eltern mögen den Namen immer noch. Und mir gefällt er immer noch nicht. Aber das dürfen S‘ nicht schreiben, das weiß meine Mutter nicht.“
    Ob sie das überhaupt schrecken kann? Bei einem Kabarettisten als Sohn?

    FOTOS: FRANZ GLEISS



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