Wenn die Ehrwürdige Mutter des Karmel St. Josef in Mayerling sich außerhalb der Klausur Zeit nimmt für ein langes Gespräch, jenseits jenes Gitters also, durch das sie sonst mit den seltenen Besucherinnen und Besuchern spricht, dann ist das eine besondere Auszeichnung. Wir wissen sie zu würdigen.
Und wir wissen zu schätzen, dass sie überhaupt mit Fremden spricht, über den Karmel und ein bisschen auch über sich, obwohl sie sich das strikt verboten hat. Die Ehrwürdige Mutter Regina ist in Altötting auf die Welt gekommen, im berühmten deutschen Marien-Wallfahrtsort. Viel mehr erzählt sie nicht über ihre Kindheit und Jugend, über Eltern und Geschwister. Nur so viel: Der Spiritual der Schwestern des Karmel in Mayerling, also deren geistlicher Begleiter, habe ihr die Anregung gegeben, in den Karmel einzutreten.
23 Jahre war sie alt gewesen, sehr jung für eine Entscheidung, wie sie radikaler kaum zu denken ist. Wer in einen Karmel eintritt, wie ihn die heilige Theresa von Ávila gegründet hat, beginnt tatsächlich ein anderes Leben. Nie verlassen die Schwestern die Klausur (nur wenn der Papst kommt, natürlich auch bei Arztbesuchen und Behördenwegen). Urlaub gibt‘s keinen und kein Fleisch bei den Mahlzeiten. Der Fernseher läuft nur, wenn der Heilige Vater Messe feiert, Radio und Internet findet man nicht. Der Tagesablauf wird bestimmt von der heiligen Messe in der Früh, vielen Gebetszeiten und der Arbeit im Kloster.
Ich wollte Gott mein junges Leben schenken 23 Jahre war sie also alt, für Regina kein Problem. „Ich wollte etwas Radikales tun, mich Gott ganz schenken, statt mich selbst zu verwirklichen. Und ich wollte Gott mein junges Leben schenken, kein verbrauchtes; eine frische Blume, keine verwelkte.“ Acht Schwestern leben im Karmel St. Josef, den der Kaiser gestiftet hat; die Schwestern sollten immerwährende Sühne leisten für den gewaltsamen Tod von Mary Vetsera und Kronprinz Rudolf am 30. Jänner 1889, also vor fast genau 121 Jahren. „Acht Schwestern, das ist eine gute Zahl, wir sind vier ältere und vier jüngere.
Der Karmel ist immer eine kleine Zahl, die heilige Mutter wollte höchstens 21 Schwestern in einem Karmel. Denn sie sollen alle Freundinnen sein und keine Gruppen bilden.“ Zum zweiten Mal schon wurde Regina zur Priorin ihres Karmel gewählt. Mit dem Leitungsamt einer ehrfurchtsgebietenden Äbtissin hat das nur wenig zu tun. „Unser Amt, das ist ein Amt des Dienstes, des mütterlichen Dienstes. Ich mache auch alle Arbeiten, die zu tun sind.“ Eine Priorin wird für drei Jahre gewählt. Es ist kein Amt auf Dauer. „Man gibt es wieder ab und tritt in die zweite Reihe. Es ist die größte Ehre, wenn man das Ziel erreicht, alles wieder loszulassen, damit man frei bleibt, verfügbar für den Herrn.“ Mayerling ist ein historisch bedeutsamer Ort. Er ist den Karmelitinnen ein großes Anliegen.
Wir beten für alle, für die sonst niemand betet „Unser Karmel ist keine gewöhnliche Gründung, das ist uns bewusst. Mary und Rudolf stehen für alle Menschen mit tragischem Schicksal. Aber weil wir ihre Not und die Not der Welt unentwegt vor Gott bringen, ist es ein erlöster Ort. Das spüren alle, die hierher kommen. Wir beten für alle Menschen, für die vor allem, für die niemand betet. Der liebe Gott nimmt unser Gebet ja nicht nur konkret für Mary und Rudolf und für keinen anderen. Es braucht nicht viele Worte. Unser Beten ist anders. Wenn ich Gott sehr gut kenne, versteht er mich auch so. Der Herr schaut einfach in mein Herz, es ist nicht nötig, ihm alles vorzutragen.“
13.000 Karmelitinnen gibt es weltweit. Sie geben Zeugnis, dass man radikal für Gott leben kann, ohne Urlaub, immer in der Klausur, jenem streng verschlossenen Bereich, der nur den Schwestern zugänglich ist. Jede hat eine kleine Kammer mit einem Bett, einem Tisch, einem Schemel und einem bloßen Kreuz, das sie daran erinnert, dass jede von ihnen ihr Kreuz dem Herrn nachträgt. „Das heißt aber nicht, dass wir die Welt ablehnen, Man muss die Welt lieben, um sie verlassen zu können. Versager sind auch im Kloster nicht glücklich. Wir sind besser dran als andere, weil wir keine Kompromisse schließen. Wenn ich mein Leben verschenke, dann, bitte, ganz. Ich will nichts Halbes, Lauwarmes.“
Mit dem Gebet unterstützen die Schwestern die Priester in ihrer seelsorglichen Tätigkeit und die Menschen in seelischer Not. „Wir sind das Wasser, das die erhärtete Erde aufweicht, damit das Wort Gottes wie ein Same aufgehen kann.“ Das Gebet sei ihr keine Mühe. „Wenn ich jemanden lieb habe, denke ich möglichst oft an ihn. Deshalb schweigen wir auch bei der Arbeit, um so oft es geht mit dem Herrn verbunden zu sein.“ Es ist heiliges, heilbringendes Schweigen, das Mutter Regina für uns unterbrochen hat …
FOTOS: ERICH MARSCHIK
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