SIZILIEN / Der Ätna prägt die Bilderbuchlandschaft
an der Ostküste
Siziliens und auch die dort lebenden
Menschen.
VON BEATE STEINER
Sinnliches Sizilien. Die Insel duftet nach Orangen, Zitronen, Yasmin. Tiefblau leuchtet das Meer unter den sattgrünen Hängen, getupft mit rotschattierten Bougainvillea, rosa Oleander, gelben Mimosen. Meersalzig schmeckt die Luft, und über allem „schwebt“ der dunkle Ätna, garniert mit weißer Schneehaube und rauchender Spitze. Denn er „brennt“ noch immer, der mächtige Vulkankegel, wie schon zu Zeiten, als die Indogermanen auf der 25.426 Quadratkilometer großen Insel lebten und dem aktivsten Vulkan Europas den Namen Aid-na – „die Brennende“ – verpassten.
Auch in unserem Jahrtausend hat der Ätna die Landschaft an der Ostküste immer wieder verändert. Im Jahr 2006 spuckte der Berg Lava bis hinunter in stärker besiedelte Gebiete und zerstörte auch Teile der Zufahrtsstraße, die von Catania bis in etwa 2000 Meter Höhe führt. Etwa 3323 Meter hoch ist der Vulkan – zurzeit. Denn die Höhe des Sizilien und die Sizilianer prägenden lebenden Bergs kann sich quasi täglich ändern. Die Leute hier leben mit dem „Grande Padre“, verehren ihn, er wird beruhigt und „gefüttert“ mit Pasta und Wein – immerhin sorgt die Erde seiner fruchtbaren Flanken für köstlichen Wein, süße Mandeln und aromatische Früchte. Zu erleben und zu erwerben etwa auf dem bunten riesigen Markt in Catania. „La Pescheria“ ist genauso alt wie die Stadt selbst. Unzählige Fischer bieten hier jeden Tag ihren frischen Fang an, Bauern ihr Gemüse, Obst, Oliven.
Bei Sizilien-Schmankerln lässt Afrika grüßen Weiter veredelt munden diese regionalen Grundprodukte als „caponata“, „pasta con le sarde“, „involtini alla siciliana“ oder auch als „aranzini“, frittierte, gefüllte Reisbällchen. Kommissar Salvo Montalbano, Held aus Andrea Camilleris Krimiserie, ist ein bekennender Liebhaber dieses Gerichts. Genossen werden kann die köstliche ländliche Küche Siziliens, bei der man den Einfluss vom nur 180 Kilometer entfernten Afrika schmeckt, etwa in der „Agricultura Murgo“ am Fuße des Ätna, die für Liebhaber und Genießer des süffigen Weins auch Übernachtungsmöglichkeiten anbietet.
Einzigartige Landschaft, einzigartige Geschichte Nicht an den Ätna, aber an den Monte Tauro schmiegt sich das Touristenstädtchen Taormina an, von dessen Bilderbuchpanorama sich schon Oscar Wilde inspirieren ließ. Heutzutage lockt Taormina zwar weiterhin mit Natur und Kultur (einem griechisch-römischen Theater, Palästen, Kirchen, Patrizierhäusern), aber auch mit der mit edlen Shops bestückten Flaniermeile „Corso Umberto“. Nicht zum Shoppen, sondern zum Seele baumeln lassen vertauschte Johann Wolfgang von Goethe 1787 das kühle Weimar mit dem „Land, wo die Zitronen blühen“. Für den Dichterfürsten stand seit damals fest: „Italien ohne Sizilien macht gar kein Bild in der Seele.“
Dionys, der Tyrann, und das New York der Antike Goethes Kollege Friedrich Schiller verewigte Sizilien in seiner „Bürgschaft“ in weniger lieblichen Bildern: „Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich Damon, den Dolch im Gewande: Ihn schlugen die Häscher in Bande. Da schimmern in Abendrot Strahlen, von Ferne die Zinnen von Syrakus.“ Der Tyrann lebt weiter als Namensgeber einer in den Fels gehauenen Höhle, dem „Ohr des Dionysos“ im „Parco Archeologico della Neapoli“, das sind monumentale Reste des „antiken New Yorks“. Denn die ungefähr 700 vor Christus von Korinthern gegründete Stadt Syrakus war das wirtschaftliche, politische und wissenschaftliche Zentrum der Antike.
Das Überleben sicherte den antiken Bewohnern von Syrakus die „Quelle der Arethusa“ auf der Altstadt-Insel Ortigia. Der Sage nach verwandelte sich die griechische Nymphe Arethusa mit Hilfe der Göttin Artemis in eine Quelle, um sich den Nachstellungen eines Jägers zu entziehen, und entsprang auf Ortigia. Der Jäger Alpheios verwandelte sich daraufhin in einen Fluss und erreichte, ohne sich mit dem Meer zu vermischen, die Insel Ortigia, um sich mit Arethusa zu vereinen. Das Süßwasser fließt tatsächlich unter dem Meer und unter der Hafenbucht hindurch. Einzigartig, zumindest in Europa, sind auch die wilden Papyrusstauden rund um die Arethusa-Quelle.
Noch vor Syrakus haben die Griechen die Ostküste bei Naxos entdeckt und sich dort niedergelassen. Naxos, jetzt mit Giardini zusammengewachsenes Seebad am Fuße Taorminas, war damit die älteste griechische Siedlung Siziliens. Die Insel war also immer schon eine exzellente Urlaubsdestination. Nicht nur wegen der einzigartigen Landschaft mit kilometerlangen Sandstränden, die sich zum Beispiel bei Giardini Naxos „entlangnudeln“, wie Dario, Deutsch-Sizilianer und sympathisch-kompetenter Reiseführer, treffend formuliert.
Die Sizilianer kommen immer wieder zurück Sizilien ist auch unwiderstehlich für die Sizilianer. Denn typisch für die auf der größten Insel des Mittelmeers Geborenen ist nicht nur ihr herzlicher Charakter und ihre Gastfreundschaft. Typisch für die Sizilianer ist auch ihre Heimatverbundenheit, weiß Dario: „Sie kommen immer wieder zurück, auch die Enkel und Urenkel. Denn die Sizilianer haben Wurzeln hier.“
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