Erstellt am 09. März 2016, 05:49

von Birgit Samer

Flüchtlinge - "Ängste sind unbegründet". 34 Schutzsuchende beherbergt das Haus Jamal. Wer sind die großen Unbekannten? Ein Lokalaugenschein verrät mehr über das Leben der jungen Männer in Lanzendorf

Nicht sofort ist der Erfolg sichtbar - aber nach ein paar Jahren sind die Ergebnisse dann umso schöner. Teamleiter Rezart Shkreli ist stolz auf seine Schützlinge und ihre positive Entwicklung  |  NOEN, Samer

Stimmgewirr und klirrendes Geschirr vermengen sich zu einer Klangwolke. Der Duft von Essen strömt durch die Gänge. Donnerstag-Nachmittag im Haus Jamal. Die meisten der Bewohner waren am Vormittag im Unterricht. Einige von ihnen kochen jetzt gemeinsam. Immer wieder lachen sie. Andere haben es sich in ihren Zimmern gemütlich gemacht. Eine familiäre Atmosphäre ist spürbar.

Das aus blauen Containern errichtete Haus Jamal befindet sich auf dem weiträumigen Caritas-Areal. Die Flüchtlingsunterkunft selbst besteht aus drei Trakten. Jeder dieser Trakte ist mit einer Küche ausgestattet. Die Bewohner teilen sich jeweils zu zweit ein Zimmer.

Die Caritas-Einrichtung bietet insgesamt 34 jungen männlichen Flüchtlingen ein neues Zuhause. Konkret setzen sie sich folgendermaßen zusammen: 28 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und sechs Erwachsene. Unten den 28 Plätzen sind vier für betreutes Wohnen reserviert. Diese betreuten Plätze stehen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen zu, die 17 Jahre alt sind. Sobald sie ihr 18. Lebensjahr erreichen, müssen sie ausziehen. Es wird daher ein besonderes Augenmerk darauf gelegt, dass sie eine gewisse Selbständigkeit entwickeln, wie Rezart Shkreli, Teamleiter des Haus Jamal, betont.

Caritas-Gelände als ideales Umfeld

Auch die Kombination von Plätzen für Minderjährige und Erwachsene ist durchdacht. Oft kommen minderjährige Flüchtlinge mit ihren erwachsenen Brüdern nach Österreich. Um die Familien nicht auseinanderzureißen, gibt es im Haus Jamal eben dieses Kontingent für Erwachsene. Shkreli freut sich, dass man hier in Lanzendorf diese Möglichkeit anbieten kann. „Es gibt nur selten Einrichtungen, wo Erwachsene und Minderjährige zusammenwohnen können“, zeigt er sich im NÖN-Gespräch stolz.

Auch über den Standort selbst ist der Teamleiter glücklich. Inmitten eines großen Parks können die Burschen ihre Freizeit auch im Freien verbringen. „Uns verbindet eine gute Kooperation mit den anderen Caritas-Einrichtungen vor Ort“, freut sich Shkreli außerdem. Auf dem Areal befinden sich neben der Flüchtlingsunterkunft auch eine Behinderteneinrichtung und eine Tagesstätte. Genau diese „Mischung der Einrichtungen“ schätzt Shkreli. Man könne auf gemeinsame Ressourcen zurückgreifen. Außerdem werden die Flüchtlinge im Areal sehr herzlich aufgenommen. Man werde zu allen Veranstaltungen eingeladen, erzählt Shkreli. Einmal waren die jungen Männer beispielsweise bei einer Geburtstagsparty eines Seniors dabei.

Weitere Kooperationen geplant

Darüber hinaus sind weitere Kooperationen geplant. Die Asylwerber sollen gemeinnützigen Tätigkeiten nachgehen können. Shkreli kann sich darunter beispielsweise die Arbeit in den Werkstätten oder mit Menschen mit Behinderung vorstellen. Ein weiteres Projekt ist nach Ostern bereits fixiert: ein gemeinsamer Garten auf dem Areal.

Neun schulpflichtige Kinder besuchen die IMS Lanzendorf. Auch für die anderen kommt die Bildung nicht zu kurz. Sie sind von neun bis etwa halb ein Uhr vormittags im Deutschkurs. Die Räumlichkeiten im Volkshaus stellt die Gemeinde unentgeltlich zur Verfügung. Nach dem Unterricht geht es ans Kochen und Putzen. Rainer, Hauswirtschafter und gelernter Koch, steht den Burschen dabei mit Rat und Tat zur Seite.

Stressiger Job mit nachhaltiger Wirkung

Die Betreuer bemühen sich außerdem, den jungen Männern ein Freizeitangebot zu bieten. Die Organisation gestaltet sich oftmals schwierig, muss man doch mit zehn Euro Freizeitgeld pro Person und Monat auskommen. Einen monatlichen Ausflug gibt es dennoch. Der letzte ging zum Parlament nach Wien. Als Nächstes steht das Naturhistorische Museum auf dem Programm.

Doch wie ging es den jungen Männern bei Ihrer Ankunft in Lanzendorf? „Natürlich ist jeder Anfang schwierig“, betont Shkreli. Es bedürfe einer gewissen Zeit zum Einleben– seien die Burschen doch lange auf der Flucht gewesen. „Dann hast du Leute vor dir, die du nicht verstehst“, führt er weiter aus. Zudem wird nun ein gewisses Maß an Selbständigkeit von den Burschen gefordert: Sie müssen kochen, putzen und bügeln. Auch emotional müssen sie ankommen. So ein Container könne sich zuerst schon „kalt“ anfühlen. Jeden Montag gibt es daher ein Kunstprojekt, um Leben in den vormals schmucklosen Container zu bringen.

Von einer negativen Einstellung der Bevölkerung gegenüber dem Haus Jamal hat Shkreli „nichts mitbekommen“. Acht bis zehn ehrenamtliche Gemeindebewohner verbringen zudem Zeit mit den Flüchtlingen. Spieleabende und Spaziergänge stehen meist am Programm.

Tag der Begegnung ist für 8. April geplant

„Es ist sehr wichtig, mit den Burschen auf Augenhöhe in Kontakt zu treten“, begrüßt der Teamleiter die Aktivitäten. Eventuelle Sorgen aus der Bevölkerung will er mit einem Tag der Begegnung am 8. April in Haus Jamal endgültig ausräumen – denn „Ängste sind unbegründet“.

Shkrelis Arbeit ist nicht einfach. „Der Job ist stressig und es stehen kaum Ressourcen zur Verfügung“, betont er. Warum er nicht schon aufgegeben hat? „Erfolg ist in meiner täglichen Arbeit nicht sofort sichtbar. Doch dann nach zwei bis drei Jahren zu sehen, dass aus den Burschen etwas geworden ist, das ist für mich das Schönste“, ist er sich sicher, erzählt er mit funkelnden Augen.

Info Haus Jamal

Die Bewohner stammen aus folgenden Nationen:

Syrien (12), Afghanistan (19), Somalia (2), Pakistan (1)

Das Team des Hauses Jamal besteht aus elf Personen. Sieben Betreuer sind im Raddienst – 24 Stunden, sieben Tage die Woche - tätig.