Erstellt am 03. Mai 2016, 03:14

von Stefan Berndl

Der Traum von Rio droht zu platzen. Die Sommerspiele in Brasilien werden ohne Manfred Dollmann stattfinden. Es wäre die achte Teilnahme gewesen.

 |  NOEN, Berndl
„Geht schon, Mandi, reiß dich zusammen!“ Mandi heißt eigentlich Manfred Dollmann, ist 51 Jahre alt und Tischtennisspieler. Und Manfred Dollmann sitzt im Rollstuhl. Seit knapp 36 Jahren. Tischtennis spielt er nun fast genauso lange. Wenn Dollmann trainiert, feuert er sich auch schon mal selbst an.

In diesem Falle nutzen die selbstmotivierenden Worte aber nichts, sein Trainingspartner Dieter Sarma siegt knapp mit 3:2 in Sätzen. Sarma ist im Gegensatz zu Dollmann körperlich unversehrt. Er spielt aktuell für Spillern und trainiert regelmäßig mit Dollmann. „Er weiß schon genau, wie ich spiele“, sagt Dollmann. „Es ist normalerweise sehr ausgeglichen.“

Es ist ein warmer Donnerstagvormittag. Das Duo trainiert knapp zwei Stunden in einem eigens dafür eingerichteten Raum in Dollmanns Haus. An einer Wand ein Regal mit zahlreichen Trophäen und Medaillen. Dollmanns Ausbeute in den letzten Jahrzehnten als aktiver Spieler. Auf dem Boden verteilt rollen Tischtennisbälle umher. Dollmann und Sarma liefern sich schnelle Ballwechsel.

Während Sarma sich hinter dem Tisch hin und her bewegt, ist Dollmanns Rollstuhl fest fixiert. In jeder kurzen Pause kontrolliert er die Bremsen, die passende Ausrichtung des Rollstuhls und seine eigene Sitzhaltung. Ist er unzufrieden, wird diese korrigiert. Sarma wartet geduldig. Obwohl hier zwei körperlich ungleiche Konkurrenten aufeinandertreffen, gestaltet sich das Match der beiden sehr ausgeglichen.

National weiterhin ein Erfolgsgarant

Trainiert wurde indiesem Fall für die österreichischen Team-Staatsmeisterschaften, die am 23. und 24. April stattfanden. Dollmann sicherte sich wieder den Sieg mit der Mannschaft. Das ist mittlerweile zur Gewohnheit geworden. Es war der vierte Erfolg in Serie. Dollmann, der für Oberösterreich antritt, feierte gemeinsam mit Langzeitpartner Egon Kramminger und Rafaele Lis einen Start-Ziel-Sieg. „Wir haben ganz klar gewonnen“, freute sich der Straßer danach. Das Trio verwies die Mannschaft aus dem Burgenland auf den zweiten Rang, auf Platz drei folgte die Steiermark.

Die Staatsmeisterschaften sind eines seiner Highlights der heurigen Saison. Gezwungenermaßen. Denn eigentlich lag Dollmanns Fokus auf den Paralympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro. Es hätten seine achten Paralympics werden sollen. Vielleicht auch seine letzten. Drei Medaillen, je eine Gold-, Silber- und Bronzemedaille, hat er schon.

Doch die Reise nach Rio ist wohl gestrichen. Das hat mehrere Gründe. Zum einen ist da eine Schulterverletzung, die Dollmann bereits seit rund vier Jahren plagt. Nach einem privaten Unfall ignorierte er die Schmerzen lange, nun wird eine Operation immer drohender. „Wenn ich operiert werde, bin ich für sechs Wochen ein Pflegefall“, weiß der Straßer.

"Ein schwerer Schlag"

Für einen Rollstuhlfahrer, der auf seine Hände und Arme angewiesen ist, ist eine Schulterverletzung ein schwerer Schlag. Da eine Operation nicht nur sein Privatleben, sondern auch die sportliche Karriere maßgeblich beeinflussen wird, hofft Dollmann noch darauf, sich eine Operation ersparen zu können. „Natürlich denke ich da auch über ein Karriereende nach“, sagt er.

Die Paralympics in vier Jahren sind jedenfalls wohl keine Option mehr. Das hat auch mit dem Behindertensport selbst zu tun, der sich laut Dollmann „verändert hat. Das geht meiner Ansicht nach in die Richtung, dass jene Spieler mit einer schwereren Behinderung auf der Strecke bleiben“. Auf keinen Fall will er noch mit 66 Jahren an der Tischplatte stehen, so wie das sein langjähriger Teampartner Egon Kramminger aktuell macht. Da soll der Tischtennis-Sport „nur noch privat eine Rolle spielen“.

„Ich habe bereits  damit abgeschlossen“

Kramminger wird, im Gegensatz zu Dollmann, in Rio mit dabei sein. Er wird auch, sollte sich in den nächsten zwei Monaten nicht doch noch etwas ändern, der einzige Österreicher in der Klasse drei bleiben. „Ich habe aber eher schon damit abgeschlossen“, sagt Dollmann. „Ich möchte nicht zwei Monate voll trainieren, um dann erst recht auf der Strecke zu bleiben.“

Zum Stichtag der Qualifikation, zu Beginn des neuen Jahres, war Dollmann auf Rang 22. Eigentlich eine Platzierung, die für eine Teilnahme gereicht hätte. Eigentlich. Denn ausschlaggebend war schließlich, dass mit dem Schweden Viktor Sjöqvist die Nummer 49 der Welt ein Ticket erhielt, damit dessen Landsmann Alexander Ohgren einen Teampartner zur Seite hat. Gut für die beiden Schweden, schlecht für Dollmann, der damit auf den Wartelistenplatz abrutschte. „Das war für uns nicht nachvollziehbar.“

2012 war wohl das letzte Mal

So werden die Paralympischen Spiele in London 2012 wohl die letzten Dollmanns gewesen sein. Ein sehr bitterer Schlussstrich unter dieses Kapitel. „Olympische Spiele sind immer etwas Besonderes, für jeden Sportler. Das kann man nicht kaufen“, sagt Dollmann. Sieben Mal durfte er das bis jetzt erleben.

Brasilien wäre sicher auch besonders geworden. „Er hätte es sich verdient“, sagt auch Trainingspartner Dieter Sarma. Denn „Mandi“ hat nun zwei Jahre auf den Bewerb in Rio de Janeiro hintrainiert. Zwar nicht mehr mit der Intensität, die er noch vor ein paar Jahren an den Tag legte, aber „das war auch rein körperlich nicht möglich.“ Erst im letzten Jahr wurden dann die Schmerzen in der Schulter immer schlimmer. Und dann auch noch der Ärger mit den Schweden.

Trainiert wird dennoch weiter. Denn noch ist Dollmann nicht bereit, sich in den sportlichen Ruhestand zu verabschieden. Paralympics hin, Paralympics her.