Erstellt am 17. Februar 2016, 16:30

von Claus Stumpfer

Sergej Bubka: "Jugendliche in richtige Richtung lenken". Anlässlich seines Lillehammer-Aufenthalts hatte NÖN-Sportredakteur Claus Stumpfer die Gelegenheit, mit Sergej Bubka, dem Vorsitzenden der Athletenkommission des IOC (seit 2004) und Vizepräsidenten der IAAF (seit 2007) zu sprechen.

Journalisten im Gespräch mit Sergej Bubka anlässlich der Jugendspiele in Lillehammer.  |  NOEN, ÖOC, GEPA

Was sind Ihre Eindrücke hier von den Jugendspielen in Lillehammer?
Sergej Bubka: Sehr positiv, es ist wirklich nett hier. Die jungen Athleten, die hier teilnehmen, genießen es sichtlich, profitieren auch von den zahlreichen Kultur- und Erziehungsprogrammen, die es für Sie hier gibt. Die Organisation ist großartig, das Athletendorf, das Essen dort, einfach alles ist perfekt. Das Feedback, das ich von allen bekomme, bestätigt mir das zu hundert Prozent.
 
Sie waren schon als junger Athlet sehr erfolgreich, aber hier heißt es, man soll in der Berichterstattung die Ergebnisse nicht in den Vordergrund stellen. Medaillenbilanzen der Länder werden überhaupt nicht gerne gesehen. Aber geht es nicht immer ums Gewinnen im Sport? Wie beurteilen Sie das als einstiger Vollblutathlet?
Man sollte niemals Athleten dieses Alters dem Zwang aussetzen, für Ihr Team erfolgreich sein zu müssen – davon bin ich überzeugt. Die Trainingsprogramme, die man mit Sportlern im Alter von 16, 17 Jahren durchläuft, sind einfach anders. Die Resultate in diesem Alter sind nicht so wichtig, man muss  anders auf die richtige Karriere, die noch kommen soll, schauen. Ich stimme auch mit dem IOC-Strategie-Team überein, welches diese Jugendspiele entworfen hat, dass es hier nicht primär um Resultate geht, sondern um Kultur und Erziehung. Man muss die Jugendlichen in die richtige Richtung lenken. Sie können hier andere Sportler und Kulturen kennenlernen. Darauf legen wir ja in der ganzen Olympischen Bewegung sehr großen Wert. Es geht auch darum, die Jugendlichen schon vorzubereiten auf ihr Leben nach dem Sport. Und Sport ist für mich nicht in erster Linie Unterhaltung, wie viele glauben, sondern das Herausbilden von Persönlichkeiten. Man muss als Sportler die richtigen Entscheidungen treffen, strategisch planen, Trainingsabläufe einhalten – lauter Dinge, die für eine erfolgreiche Sportkarriere notwendig sind, aber auch darüber hinaus für das Leben wertvoll sind.
 
Es gibt derzeit viele Konflikte in der Welt. Denken Sie, dass Spiele wie diese dafür sorgen können, dass die Wertegemeinschaft in der Welt näher zusammenrückt? Es sind ja wirklich viele Länder hier vertreten!
Die Olympische Bewegung ist diesbezüglich einzigartig! Sie bringt alle zusammen! Es gibt keine bessere Werbung dafür, gemeinsam in Frieden zu leben. Das ist die Kraft und der Wert von Sport. Lassen wir die Politik draußen, lassen wir religiöse Fragen draußen! Jugendliche sind Jugendliche, sie sind alle gleich, hängen zusammen ab, teilen zusammen eine Leidenschaft, gewinnen und verlieren zusammen, trösten sich gegenseitig. Auch wenn einer verliert, erfährt er Respekt vom Sieger. Und so müssen wir die Welt erziehen! Ich bin überzeugt, dass diese Jugendlichen hier Botschafter des Sports sind, Botschafter des Friedens und der Olympischen Werte.
 
Glauben Sie, dass das, was zuletzt bei der IAAF passiert ist, die Freude am Sport nachdrücklich gefährden kann?
Es wird immer welche geben, die die Regeln befolgen, und solche, die sie verletzen. Aber wer sie verletzt, muss den Preis dafür zahlen! Wir haben Regeln, und wir müssen diese konsequent durchsetzen. Aber so ist das Leben. Wir müssen auch Änderungen vornehmen, das ist klar, aber generell gilt, wenn jemand die Regeln bricht, muss er auch die Konsequenzen tragen. Für den Regelbruch gibt es keine Entschuldigung!
 
Sie waren einer der größten Leichtathleten aller Zeiten. Haben Sie Sorge, was die Zukunft „Ihres“ Sports betrifft?
Es wird ja dagegen gesteuert! Die Jugendspiele sind schon ein Teil davon: Hier gibt es Vorbilder vor Ort, die mit den Jugendlichen reden, die Ihnen den richtigen Weg zeigen. Wir promoten hier den richtigen und fairen Sport.
 
Sie haben also nicht die Befürchtung, dass die Dopingvorfälle rund um die Leichtathletik den Geist der Sommerspiele von Rio heuer gefährden?
Vom ersten Moment an, seit Rio de Janeiro als Ausrichter der Olympischen Spiele feststeht, habe ich vollstes Vertrauen, dass es großartige Spiele werden, weil die Brasilianer, ja alle Lateinamerikaner, den Karneval des Sports zelebrieren. Die Atmosphäre dort wird unvergesslich und begeisternd sein. Ja, es werden großartige Spiele!
 
Glauben Sie, dass Russland in Rio teilnehmen wird?
Das hängt von den Russen ab. Ob sie sich den Regeln unterwerfen, wie sie jetzt handeln, und sich weiterentwickeln. Aus heutiger Sicht ist das schwer zu sagen. Wir werden erst am 11. März Informationen erhalten, wie es weitergeht.
 
Jetzt ist natürlich Russland stark in der Diskussion. Aber glauben Sie wirklich, dass Doping nur ein Problem Russlands ist?
Sie wissen genauso gut wie ich, dass es ein globales Problem ist. Und es ist ja auch kein Problem, das jetzt erst auftaucht. Das IOC hat bereits 1966 eine Initiative gestartet, indem es Dopingtests eingeführt hat, und seit damals bekämpft man Doping. Aber nichts gefährdet den Sport so sehr im 21 Jahrhundert wie Doping. Der Missbrauch ist schwierig zu bekämpfen, aber seit 1990, als die WADA etabliert wurde, und die Regierungen Partner wurden, ist viel passiert. Als Sportorganisation allein ist es fast unmöglich den Kampf gegen Doping erfolgreich zu führen, wir benötigen dazu Wissenschaftler, die Expertise von Professoren und Doktoren, aber auch Interpol muss involviert sein. Das ist ein globales Problem und wir müssen es gemeinsam angehen, um immer erfolgreicher dabei zu sein. Ich gebe zu, wir sind nicht glücklich, und sie sicher auch nicht, dass es immer wieder positive Dopingtests gibt, aber es zeigt auch, dass wir in unserem Kampf immer stärker und effizienter werden.
 
Zurück zu den Olympischen Winterspielen: Für die Spiele 2022 gab es nicht viele Kandidaten, die diese überhaupt austragen wollten, letztlich blieben nur China und Kasachstan über. Was denken Sie, kann das IOC tun, um mehr internationale Verbände speziell aus traditionellen Wintersportnationen wie Norwegen, die Schweiz oder auch Österreich dafür zu begeistern, sich erneut um die Spiele zu bewerben?
Wir haben die Agenda 2020, wo wir uns genau die existierenden Anlagen anschauen, die verwendet werden können, um künftig die Kosten zu reduzieren. Aber es gilt auch aufzuzeigen, wie viel Geld das IOC in die Ausrichterstaaten investiert, denn es wird immer mehr, was wir von den TV-Rechten, dem Sponsoring zurück in die Staaten fließen lassen. Aber natürlich ist es extrem wichtig, dass sich Staaten bewerben, für die keine unnötigen zusätzlichen Kosten entstehen. Auch bei den Jugendspielen hilft übrigens das IOC mit Mitteln, um diese ausrichten zu können.
 
Noch eine Frage zu den Olympischen Jugendspielen: Sie waren einst einer der erfolgreichsten Athleten der Welt , aber ohne respektlos sein zu wollen: Werden Sie von den jungen Athleten noch erkannt, speziell hier bei den Winterspielen? Sie waren ja als Stabhochspringer ein Sommersportler.
Ja, doch, ich werde von den meisten Jugendlichen hier erkannt, auch wenn ich meine größten Erfolge hatte, als Sie gerade geboren wurden! Ich denke, wer den Sport liebt, beschäftigt sich damit, und will darüber Bescheid wissen, also informiert er sich umfassend.
 
Mit welchen Fragen werden Sie von den Jugendlichen konfrontiert? Was wollen die von der Sportlegende wissen?
Wichtig für Sie ist die Frage, wie sie den Stress bewältigen können.  Für sie ist das hier in Lillehammer ja ihr bisher größter Wettbewerb. Ich sprach erst gestern rund zwei Stunden mit  den Jugendlichen, und natürlich wollen sie wissen, wie man sich während des Wettkampfs verhält, wie man den Stress bewältigt. Das ist eine Erfahrung, die man weitergeben kann und das hilft ihnen auch. Ich versuche Ihnen auch zu erklären, dass ich nicht als Champion geboren wurde. Und ich erinnere auch an Wettkämpfe, die ich verloren habe, weil ich den Stress nicht bewältigen konnte. Und ich sage: „Seit unbesorgt, jeder der hierher kommt, hat Stress, aber seid selbstbewusst, und macht das, was ihr immer macht.“
 
Aber was genau ist das Geheimnis von Sergej Bubka? Wie genau haben Sie den Stress bewältigt?
Wenn man zu viel an den Wettkampf denkt, wird es schwer. Man muss sich ablenken. Man kann die Anspannung nicht tagelang hochhalten. Du darfst nur tatsächlich beim Wettkampf im Wettkampfmodus sein, aber nicht, wenn du im Hotel bist. Dort musst Du Dich mit anderem beschäftigen. Lies ein Buch, schau Fernsehen, aber denke nicht an den Wettkampf. Für viele der Jugendlichen hier ist alles neu. Sie testen sich gerade selbst, und jeder muss gemeinsam mit dem Team die Lösung finden, wie er das handhabt. 
 
Ein letztes noch: Sie wissen ja, dass die Stabhochspringerin Kira Grünberg Österreicherin ist. Was ging durch Ihren Kopf, als Sie von Ihrem Trainingsunfall hörten, der eine Querschnittlähmung zur Folge hat?
Das ist eine ganz traurige Sache, zumal noch ihr Vater der Trainer ist. Und mich hat das ganz tief getroffen. Aber man kann nur versuchen, psychologische Unterstützung zu geben. So ein Unfall ist richtig hart. Ich kann nur hoffen, dass Sie bestmöglich genesen wird und wünsche Ihr alles Gute.
 
Waren Sie sich als Athlet selbst immer bewusst, dass Sie da so einen riskanten Sport ausüben, der im Extremfall sogar das Leben kosten kann, oder war das total ausgeblendet?
Das Risiko ist uns Stabhochspringern immer bewusst. Wenn die Stange abrutscht oder bricht, und man schon eine gewisse Höhe erreicht hat, dann hat man keine Kontrolle mehr über den Sprung. Vor allem vor dem Brechen des Stabs hat jeder Springer Respekt. Man schaut sich vor jedem Sprung die Stange nochmals genau an, ob keine Haarrisse zu sehen sind, aber trotzdem weißt Du nicht, was passiert. Deshalb ist auch die Qualität der Trainer ganz wichtig, und eine perfekte Technik. Wenn man die richtige Technik anwendet, ist man etwas sicherer. Eine Regel in unserem Sport lautet: „Lass niemals den Stab aus, Du brauchst immer etwas in der Hand, mit dem Du noch handlungsfähig bist. Was immer auch schief geht, trenn Dich nicht vom Stab! Wenn Du ihn zu früh los lässt, dann bist Du in höchster Gefahr!“ Aber es ist auch ganz wichtig, dass der Trainer Gefahren erkennt, und sie von den Athleten abwendet. 

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