Erstellt am 06. Dezember 2017, 01:02

von Claus Stumpfer

Helmut Tschellnig: „Habe gefroren wie noch nie“. Der erste Weg nach seiner Rückkehr vom Patagonien-Abenteuer RacingThePlanet führte den Purkersdorfer Helmut Tschellnig in die NÖN-Redaktion. Teil 2: Rund ums Rennen.

Helmut Tschellnig kochte beim Rennen in Patagonien sein eigenes Süppchen. Am 25. Jänner erzählt er davon auch in der Bühne.  |  NOEN, privat

NÖN: Sie fürchteten die Flußdurchquerungen, von denen Sie kurz vor dem RacingThePlanet erfahren hatten. Waren die dann ein Problem?
Helmut Tschellnig (lacht): Wasser ist das Schlimmste für mich, und schon zum Start mussten wir mit einem schlingernden Kahn. Als uns die Organisatoren Schwimmwesten gereicht haben, war ich nicht begeistert. Die anderen haben sich gebogen vor Lachen. Aber ich Laufe aus gutem Grund Wüstenrennen, als Wasserratte wäre ich Triathlet geworden!

Haben Sie sich die Kälte in Patagonien so arg vorgestellt?
Die letzten Meldungen des Veranstalters hatten es befürchten lassen, aber diese sechs Tage entpuppten sich wettertechnisch als echter Wahnsinn. Wir haben permanent gefroren. Nach der Königsetappe hat unser Zelt die ganze Nacht gezittert, weil es alle vier Männer darin so geschüttelt hat. Die Nässe von den Flussdurchquerungen bei neun Grad Wassertemperatur kriegt man nicht mehr aus der Kleidung, die Kälte dringt in jede Pore des Körpers.

Das RacingThePlanet werden Sie also nicht mehr bestreiten?
Es war ein Abenteuerurlaub, wie er im Buche steht, und ich bereue nichts. Die Landschaft raubt einem streckenweise den Atem, aber oft läuft man auch nur durch ein Meter breite Trails im dichten Wald. Gut für mich ist, dass die Strecke ständig festen, steinigen Boden zum Laufen bietet. Trotzdem werde ich nicht mehr teilnehmen, auch wenn alle sagen, dass es heuer eine arge Ausnahme war, sonst um diese Jahreszeit frühsommerliche Temperaturen herrschen. Dankbar bin ich, sensationelle Typen nicht nur unter den Athleten, sondern auch den Einheimischen kennengelernt zu haben. Überall stehen Wildpferde rum, und auch sonst gibt‘s Getier, das man sonst nirgends findet. Natürlich habe ich auch das beste Steak meines Lebens gegessen.

In Argentinien? Wie kam’s?
Das wird wohl ein Sketch bei meinem Kabarettabend über das Rennen, den ich für die Bühne (25. Jänner) plane. Nach dem Rennen bin ich mit ein paar anderen Athleten nach San Carlos reingefahren. Dort haben wir nicht das am besten aussehende Restaurant gewählt, sondern eher ein „Loch“. Dort hat dann aber eine Frau auf der Gitarre Neil Young-Songs zu spielen begonnen, so schön, dass ich gekniet bin. Und das Steak schmeckte nach übereinstimmender Meinung einfach köstlich, nicht nur, weil wir alle so ausgehungert waren.

Und das war keine Halluzination?
Die Geschichte geht sogar weiter. Bei der Heimfahrt vom Restaurant war es blöd mit dem Taxi, weil wir zu fünft waren. Und da kam ein Typ aus dem Lokal und ging zu seinem Pick-up. Er hat uns hinten aufsitzen lassen und ins Hotel gebracht. Das macht bei uns niemand mehr! Schon der Taxler, der mich vom Flughafen ins Hotel gebracht hat, war ein Original. Die Straßen haben dort viele Schlaglöcher, und er fuhr mit Vollgas drüber, dabei immerzu „Mad Max“ rufend, während er sich zu mir umgedreht hat. Ich dachte nur: „Mann, Mad Max hatte aber keinen Hyundai!“

Umstellungsprobleme in puncto Akklimatisation hatten Sie keine?
Ich bin frühzeitig angereist, und das hat gut gepasst. Auch war die Hinreise, abgesehen vom fehlenden Koffer, unproblematisch. Die Rückreise dauerte aber 42 Stunden, weil wir beim Zwischenstopp in Rom den Anschlussflug verpasst haben. Also habe ich die Nacht am Flughafen verbracht. Als mich dann der Zöllner in Wien aus der Schlange zur Gepäckkontrolle herausgefischt hatte — den ewigen Berufsjugendlichen erwischt‘s immer — dürfte ich etwas genervt gewirkt haben. Mein Hinweis, dass ich 42 Stunden unterwegs sei, von der Südspitze Argentiniens käme, machte ihn neugierig. Was ich dort getan hätte, fragte er. Meine knappe Antwort „Ultralauf, 250 Kilometer“, ließ ihn mitleidig lächeln: „Fahren‘S heim und legen‘S ihna nieda!“ Daheim auf der Waage habe ich festgestellt, dass ich 4,5 Kilogramm abgenommen habe, nur noch 66 Kilogramm wiege. Erstmals seit meiner Jugend als Radprofi bin ich untergewichtig!

Wird man Sie nochmals bei einem Ultramarathon sehen? Die Wüste Gobi fehlt Ihnen ja noch!
Wüste Gobi, das hieße vom Regen in die Traufe. Ich habe mit etlichen gesprochen, die die Gobi hinter sich haben, und alle sagen „nie wieder“. Patagonien bietet eine atemberaubende Landschaft — Gobi, das ist nur Dreck, Kälte und Laufen im tiefen Sand. Ein klares „Nein danke“ meinerseits, brauch ich nicht! Überhaupt plane ich für 2018 keinen Auslandsstart. Ich will bei den großen heimischen Ultras — Ötscherlauf und Veitsch — meine Form äußerln führen. Ich rechne mir jetzt Chancen aus, in der M 60 vorn mitzumischen. Aber es gibt auch einen neuen Ultramarathon, der im Februar 2019 erstmals in Indien stattfinden wird. Eine Wüste, die 45 Grad verspricht, das klingt für mich gerade jetzt richtig einladend.

Zum Aufwärmen!
Genau! Da muss ich gleich an die Schokolade denken, die wir beim RacingThePlanet auf der Königsetappe beim Checkpoint 5 bekommen haben. Ich habe mich wie ein Kleinkind gefreut über den warmen Kakao! Und apropos Kakao. Die Atacama-Wüste hat für mich auch diesen wohligen Anflug von Kakao. Dort zieht‘s mich vielleicht nochmals hin. Dann gibt es noch einen Ultra auf alten Inka-Pfaden, der bis fast 4000 Meter hinaufführt. Da wird’s zwar sicher auch kalt, aber diese Seehöhe auszutesten, lässt mich vielleicht nochmals mit den Zähnen klappern.

Sie haben mit dem Marathon des Sables als 50-Jähriger begonnen. Können Sie sich vorstellen, dort Ihre aktive Karriere zu beenden?
Noch ein klares Nein! Das kommerzielle Drumherum beim Saharalauf stößt mich ab. Wenn Afrika, dann eher nochmals die Kalahari! Aber ein junger Deutscher, mit dem ich jetzt Freundschaft schloss, hat von einem neuen Lauf am Kilimandscharo erzählt, der ihm irrsinnig getaugt hätte. Auch der wäre eine Option. Ans Aufhören denke ich jedenfalls nicht. Ich bin in der Form meines Lebens!