Erstellt am 24. Mai 2016, 05:12

von Beate Steiner

Anwältin half Amokfahrer. Pielachtaler, der in Friseurladen krachte, ist jetzt nicht mehr wegen versuchten Mordes angeklagt.

Foto des Jahres: Ein 44-jähriger Hofstettener rast mit dem Geländewagen in den Frisörsalon »Schnittpunkt« von Daniela Enne - genau zu dem Zeitpunkt, als sie auf der Polizeiinspektion Anzeige gegen den Mann wegen Stalking erstattet. Von der Exekutive lässt er sich widerstandslos festnehmen und gesteht die Tat. Enne bekommt für die Weiterführung des Geschäfts ein Ausweichlokal zur Verfügung gestellt. Die St. Pöltner Staatsanwaltschaft ermittel wegen versuchten Mordes, gefährlicher Drohung und schwerer Sachbeschädigung: Jetzt ermittelt die St. Pöltner Staatsanwaltschaft.  |  NOEN, FF Hofstetten-Grünau

Der Vorfall schockierte das ganze Pielachtal: Am 1. Dezember 2015 fuhr ein Mann mit seinem Geländewagen absichtlich in einen Frisiersalon in Hofstetten-Grünau, zerstörte das Interieur. Eine Friseurin und ihre Kundin verschanzten sich in Panik auf der Toilette, riefen die Polizei. Der Amokfahrer ließ sich dann widerstandslos festnehmen. Der Mann wurde wegen versuchten Mordes und gefährlicher Drohung angeklagt. Mitte April sollte der Fall vor Gericht abgehandelt werden.

Sollte, denn die Anklage wurde teilweise zurückgezogen: „Die Mordversuch-Anklage fällt weg, es bleibt eine Anzeige wegen gefährlicher Drohung, der Fall kommt vor kein Schwurgericht“, berichtet Anwältin Martina Haag, die gemeinsam mit ihrem Kollegen Josef Gallauner diese Wende herbeigeführt hat: „Das hat es meines Wissens noch nicht gegeben, dass die Staatsanwaltschaft eine Mordanklage zurücknimmt.“

Gutachten bestätigt Aussagen des Täters

Die St. Pöltner Anwältin des nach einem Unfall frühpensionierten Pielachtalers wurde aktiv, weil sie ursprünglichen Aussagen über den Unfallhergang nicht glauben wollte. Haag gab ein Sachverständigen-Gutachten in Auftrag, das klar bewiesen hat, dass der Angeklagte nur mit geringer Geschwindigkeit durch die Glasscheibe des Frisiersalons gefahren sein kann, und er daher nicht die Absicht hatte, jemanden zu verletzen, sondern aus Zerstörungswut handelte. „Er wollte Angst verbreiten, weil er sich ungerecht behandelt gefühlt hatte“, sagt Martina Haag. „Damit ist bestätigt, was mein Mandant angegeben hat. Es ärgert mich, dass ihm sofort der Stempel ‚Idiot‘ aufgedrückt wurde und seine Aussagen nicht ernst genommen wurden.“

Die zuständige Richterin hat daraufhin ein eigenes Gutachten erstellen lassen, das „noch dezidierter bestätigt, was das erste Gutachten aussagt: Mein Mandant hat mit 20 Stundenkilometern die Glasfront durchbrochen und sein Fahrzeug durch eine Vollbremsung rechtzeitig vor dem Podest mit den beiden Frauen zum Stillstand gebracht“, so Martina Haag. Die Anwältin wehrt sich auch gegen Gerüchte, dass ihr Mandant exhibitionistisches Verhalten gezeigt habe: „Das war nie Gegenstand einer Anzeige.“

„Das war das erste Mal, dass eine Mordanklage zurückgenommen wurde.“ Martina Haag, Anwältin

Der Pielachtaler war als Fernfahrer in einen Verkehrsunfall in Frankreich verwickelt, ist monatelang im Koma gelegen. Er hat Probleme mit seinem Kurzzeitgedächtnis, ist etwas beeinträchtigt: „Mein Mandant ist durch seinen Unfall anders, aber er ist auch Opfer unserer Gesellschaft – diese trampelt auf einen am Boden Liegenden herum.“

Michaela Obenaus, Sprecherin der Staatsanwaltschaft, bestätigt, dass die Mordanklage fallen gelassen wurde und dass ein verkehrstechnisches Gutachten eine andere rechtliche Beurteilung des Falls ergeben hat. Warum wurde erst jetzt ein Sachverständiger beauftragt? „Vorher gab es dafür keine Anhaltspunkte.“