Erstellt am 16. Juni 2016, 05:30

von Daniel Lohninger

Auf Spuren der Vorfahren in St. Pölten. Mehr als 90 Nachfahren aus aller Welt kommen Ende Juni nach St. Pölten, um sich ein Bild von der Stadt zu machen, in der ihre Familien einst lebten.

2018 - 80 Jahre nach der Verwüstung – könnte die ehemalige Synagoge bereits Teil des "Hauses der Geschichte" sein.  |  NOEN, Lohninger

Etwa 400 Juden lebten Anfang 1938 in St. Pölten. Ende 1939 war die Stadt "judenfrei" 67 Jahre später treffen einander Ende Juni die Nachfahren der vertriebenen jüdischen Familien wieder in jener Stadt, aus der sie stammen. Mehr als 90 Teilnehmer haben bereits zugesagt. Sie kommen aus ganz Europa, Israel, Argentinien und Mexiko. Den Kontakt zu ihnen stellte der Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus her.

Interesse an Vorfahren ist enorm

„Vor allem das Interesse der Jungen ist enorm. Sie wollen sehen, wo ihre Vorfahren gelebt haben, bevor sie vertrieben worden sind“, weiß Initiatorin Martha Keil vom Institut für jüdische Geschichte Österreichs. Auf dem Programm stehen neben Empfängen bei Bürgermeister und Landeshauptmann auch Besuche der jüdischen Friedhöfe in St. Pölten und Neulengbach sowie ein Gottesdienst in der ehemaligen Synagoge. Hier werden die Nachfahren ihrer Familienmitglieder gedenken. Insgesamt 310 der 400 St. Pöltner Juden wurden in der Shoa ermordet, nur einzelne Überlebende kehrten nach 1945 wieder zurück.

„Die Jungen wollen sehen, wo ihre Vorfahren gelebt haben, bevor sie vertrieben worden sind.“ Martha Keil, Institut für jüdische Geschichte Österreichs

Durch die Stadt werden die Gäste von Schülern des BORG und des Gymnasiums Josefstraße geführt. Sie haben im Rahmen eines „Sparkling Science“-Projektes, begleitet von Experten des Instituts, die Schicksale jüdischen St. Pöltner Familien erarbeitet und werden die Nachfahren an die Orte führen, wo ihre Familien vor 1938 lebten.

Geht es nach Keil, kann dieses Treffen zur Dauer-Einrichtung werden. „Unser Ziel wäre es, mit diesem Impuls eine dauerhafte Vernetzung der Nachfahren zu erreichen“, erklärt Keil.