Erstellt am 18. Juli 2017, 05:41

von Daniel Lohninger

Spuren von 600 Zwangsarbeitern in St. Pölten. 1943 bis 1945 waren Ukrainer in der Austraße interniert. Ihre Geschichte wird erforscht, bevor hier Wohnungen entstehen.

Ronald Risy, Volker Lindinger, Robert Hahn und Matthias Stadler (von links) mit den ersten Fundstücken, die die Geschichte des Zwangsarbeiterlagers in der Austraße dokumentieren.  |  NOEN, Daniel Lohninger

„Warst wieder in Korea?“ St. Pöltner, die im Norden der Stadt aufgewachsen sind, kennen diese Frage ihrer Eltern noch aus der Kindheit. Korea, das war im Volksmund das Barackenlager im Auwald östlich der Glanzstoff. Bis in die 1960er-Jahre hatten an der Traisen arme St. Pöltner ein dürftiges Dach über dem Kopf.

 |  NOEN

„Wer aus ‚Korea‘ kam, war in der Schule noch mehr stigmatisiert, als wenn er aus einem Barackenviertel in der Herzogenburger Straße oder in Spratzern kam“, erinnert sich Bürgermeister Matthias Stadler. Die dunkle Vorgeschichte dieses Fleckchens Erde war damals wohl nur wenigen der Baracken-Bewohner bewusst: In den sechs Holzhallen waren von 1943 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges mehr als 600 Zwangsarbeiter interniert, vor allem aus der Ukraine. In der Glanzstoff-Fabrik, einem „kriegswichtigen“ Betrieb, waren sie als billige Arbeitskräfte eingesetzt. Über ihre Lebensumstände und ihre Geschichten ist heute nicht viel bekannt.

„Archäologie beschäftigt sich nicht nur mit Kelten, Römern und dem Mittelalter, sondern auch mit Zeitgeschichte.“ Bürgermeister Matthias Stadler

Archäologische Grabungen sollen jetzt helfen, diesen dunklen Fleck in der Geschichte der Stadt etwas besser zu beleuchten und neue Erkenntnisse über das Leben der Zwangsarbeiter zu gewinnen. „Archäologie beschäftigt sich nicht nur mit Kelten, Römern und dem Mittelalter, sondern auch mit Zeitgeschichte“, betont Stadler.

Dunkler Fleck in der Geschichte der Stadt

Vor der Errichtung eines Quartiers mit 500 bis 800 Wohnungen auf dem Areal wurden in den vergangenen Wochen die ersten beiden der sechs Baracken freigelegt. Auch die ersten Fundstücke wurden schon zutage gefördert.

„Bereits im Zuge dieser ersten Arbeiten wurden zahlreiche Konstruktionselemente und Gegenstände des täglichen Gebrauchs gefunden, die Einblicke in die Lebensbedingungen der Lagerbewohner geben“, erklärt Grabungsleiter Volker Lindinger. Neben Unmengen an Stacheldraht wurden auch Dachziegel aus Görlitz, Geschirr, eine Flak-Granate sowie Gewehr-Patronen gefunden.

Links ist eine der Baracken, die vom Grabungsteam bereits freigelegt wurde. Hundert Zwangsarbeiter lebten auf diesen paar Quadratmetern. Rechts zusehen ist eine Luftaufnahme aus dem Jahr 1945, auf der sechs Baracken im Zwangsarbeiterlager dokumentiert ist.  |  NOEN, Medienservice der Stadt St. Pölten

Einblicke erwarten sich die Archäologen aber nicht nur in die Zeit, als die Baracken als Zwangsarbeiterlager genutzt wurden – auch Funde aus der Besatzungszeit, in der die Russen hier Nazis und Kriegsgefangene inhaftiert hatten, sowie dem Armen-Lager seien zu erwarten.

Ziel der Grabungen ist es, das gesamte Lager freizulegen und zu dokumentieren. „Wir rechnen damit, dass wir mit den Arbeiten noch in diesem Jahr fertig werden“, erwartet Stadt-Archäologe Ronald Risy.

WWE will 2018 mit Bauarbeiten beginnen

Der Wohn- und Wirtschaftspark Entwicklungsgesellschaft (WWE), die das Areal zum Wohngebiet entwickelt, sei bereits im Vorfeld bewusst gewesen, dass die Ausgrabungen notwendig sein werden, betont WWE-Geschäftsführer Robert Hahn: „Uns war von Anfang an die Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit ein Anliegen.“ Das sei bereits in der Ausschreibung des Architektenwettbewerbs, dessen Ergebnis im Vorjahr präsentiert wurde, festgehalten worden. In welcher Form diese Vergangenheit in die Gestaltung des neuen Stadtteils einfließen wird, steht noch nicht fest – dass sie einen dauerhaften Platz einnehmen wird, sei aber unstrittig.

„Wir wollen einen Neubeginn für das gesamte Gelände mit urbanen, lebenswerten Wohnformen im Einklang mit der Natur. Offene Fragen aus der Vergangenheit zu klären, ist die Voraussetzung dafür“, so Hahn. Er rechnet damit, dass im Herbst 2018 die erste Bau-Etappe auf dem acht Hektar großen Areal in Angriff genommen wird. Die Sorge, dass der Auwald dem Projekt zum Opfer fällt, zerstreut Hahn: „Die Hälfte des Geländes bleibt als Wald erhalten und wird in das Quartier integriert.“

Bevor mit dem Bau begonnen werden kann, muss aber noch eine andere Altlast bereinigt werden – die Schadstoff-Altlast, die unter der Erde schlummert.