Erstellt am 20. Mai 2016, 06:14

von Mario Kern

Dauereinsatz für Fernwärme. Jahrzehntealtes St. Pöltner Netz soll bis 2036 erneuert sein. Investiert werden dafür 50 Millionen Euro.

Das Fernwärmenetz, wie hier in der Berta-von-Suttner-Gasse, wird laufend repariert und erneuert. Bis 2036 soll das gesamte Netz mit neuen Rohren inklusive Leckwarn-Drähten versorgt sein. Fotos: privat  |  NOEN, privat
Nach der Großstörung der Fernwärme – die NÖN berichtete, siehe unten – ist der Großteil der kaputten Rohre bereits repariert. An kleineren Problemen in der Ofnergasse und in der Kremser Gasse werde noch gearbeitet, berichtet Anton Waxenegger, der technische Leiter der St. Pöltner Fernwärme. „Wir haben immer noch Wasserverlust im Netz, werden das aber bald in den Griff bekommen“, erklärt Waxenegger.

Der Grund für das Gebrechen ist leicht erklärt: Gut die Hälfte des 75 Kilometer langen Fernwärme-Netzes in der Stadt stammt noch aus den 1950er-Jahren. Die andere Hälfte setzt sich aus Netz-Erweiterungen in den letzten 60 Jahren sowie bereits erneuerten Rohren zusammen – dafür wurden alleine in den letzten fünf Jahren 12 Millionen Euro ausgegeben.

Fernwärme startete mit einem Kesselhaus

Das Netz ist historisch gewachsen: Den Anfang machte das 1949 eröffnete Kesselhaus am Mühlweg zur Beheizung des Krankenhauses. Daraus ist 1955 das Fernheizwerk Nord entstanden, das bald darauf das mit 3,3 Kilometern längste Fernleitungsnetz Österreichs versorgte und heute 25 Prozent der Wärmeversorgung bereitstellt. Zehn weitere Prozent kommen vom Fernheizwerk Süd, das 1968 in der Leopold-Figl-Straße errichtet wurde.

Seit 2000 speist die Firma Salzer ihren Abwärme-Überschuss aus dem industriellen Prozess ins Netz. Der EVN-Standort Dürnrohr leitet seit 2009 aus seinem Müllverbrennungsprozess Abwärme bis zum St. Pöltner Fernheizwerk Nord – damit hat die Wärme aus der 31 Kilometer langen Leitung mit 60 Prozent den Löwenanteil für warme Wohnungen in der Landeshauptstadt.

Das Netz versorgt mittlerweile 11.000 der insgesamt 26.000 St. Pöltner Haushalte, rund 20 öffentliche Gebäude und 200 Klein- und Mittelunternehmen. Diese Kunden beziehen jährlich 250 Gigawattstunden Dampf und Heizwasser.

„Die Arbeiten am Netz müssen mit
Rücksicht auf die Anrainer, den
Verkehr und die Arbeiten anderer
Einbautenträger geschehen.“
Anton Waxenegger


Um schneller undichte Stellen orten zu können, wird seit 2000 in neu verlegte Leitungen ein Leckwarn-System eingebaut: Zwei Drähte stellen Nässe im Isolierungsmantel fest und schlagen automatisch Alarm. Mit speziellen Messgeräten werden die Unregelmäßigkeiten ausfindig gemacht. „Damit können wir Fehlerstellen auf einen Meter genau orten.“

Bis 2036 soll der gesamte Fernwärme-Altbestand erneuert sein. Dafür fehlen noch gut 30 Kilometer. Jährlich sollen so 1,5 Kilometer erneuert werden. In diese Arbeiten investiert die Fernwärme in den nächsten
20 Jahren geschätzte 50 Millionen Euro. „Das muss aber natürlich mit Rücksicht auf die Anrainer, den Verkehr und auch die Arbeiten anderer Einbautenträger geschehen“, ersucht Waxenegger um Verständnis für den langjährigen Prozess.

Eine flächendeckende Erweiterung der Fernwärme sei ohne horrende Mehrkosten nicht umsetzbar, betont Waxenegger. „Das macht nur punktuell Sinn, etwa im Norden bei der Glanzstadt oder in Form einer Verdichtung in der Innenstadt.“ Hier sollen etwa alle geplanten Genossenschaftsbauten angeschlossen werden.

Älteste Leitungen auf Liste ganz oben

Bei der steten Erneuerung wird systematisch vorgegangen: Die jeweils ältesten Leitungen – sie haben eine ungefähre Lebensdauer von 50 Jahren –  landen ganz oben auf der Prioritätenliste. „Verdachtsflächen werden natürlich vorgezogen. Aber erst wenn sie einen kritischen Bereich überschreiten, besteht akuter Handlungsbedarf“, erklärt Anton Waxenegger.

Dieser kritische Bereich lässt sich bei Thermoscans – die sinnvollerweise in den kalten Wintermonaten durchgeführt werden –  feststellen: Erreichen bestimmte Straßen-Stellen 20 Grad Oberflächentemperatur, liegt wohl ein kaputtes Rohr darunter.

Vorgezogen können Arbeiten auch, sobald andere Einbautenträger neue Leitungen oder Rohre beziehungsweise Reparaturen planen. „Diese Synergieeffekte versuchen wir natürlich nach Möglichkeit zu nutzen.“


Daten und Fakten zur Fernwärme

  • Am 1. Jänner 2008 wurde die Fernwärme St. Pölten GmbH gegründet. Eigentümerinnen sind zu 51 Prozent die Stadt und zu 49 Prozent die EVN. Seit 1957 produziert die Fernwärme Strom. Heute liefert sie auch Dampf und Fernkälte für das Universitätsklinikum.

  • Durch die Wärmeenergie aus Dürnrohr konnte der CO2-Ausstoß um 40.000 Tonnen auf 30.000 Tonnen jährlich reduziert werden. Die Primärenergie für das Wärmenetz liefert zu einem Drittel Erdgas und zu zwei Dritteln Abwärme.

  • Netz-Erneuerungen 2016: Demnächst werden die Sensengasse/ Birkengasse und die Kremser Landstraße in Angriff genommen, im Sommer Teile der Renner-Promenade, der Neugebäudeplatz, die Fuhrmannsgasse, davor noch die Doktor-Ofner-Gasse. Zudem werden die Leitungen in der Schneckgasse und in der Porschestraße erneuert.