Erstellt am 22. Juni 2016, 05:05

von Mario Kern

"Die Quote wird steigen“. AMS-Bezirksleiter Thomas Pop im NÖN-Gespräch über Trends und Chancen am Arbeitsmarkt.

 |  NOEN, AMS

Die NÖN sprach mit Bezirkschef Thomas Pop über die AMS-Bilanz seit Jahresbeginn.

NÖN: Wie schätzen Sie generell die Situation in der Stadt und im Bezirk ein?
Thomas Pop:
Wir hatten im Mai 5.766 Arbeitslose. Das bedeutet eine Arbeitslosenquote von 8,2 Prozent. Die Arbeitslosigkeit steigt leider weiter an. Allerdings weniger stark als im ersten Halbjahr 2015.

Worauf führen Sie diese weiterhin angespannte Lage am Arbeitsmarkt zurück?
Ein Problem ist das Wirtschaftswachstum, das sich im Vorjahr zwischen 0,5 und 1,0 Prozent bewegt hat. Da kann ich keine Arbeitslosen reduzieren, da findet nur ein Austausch statt. Ein positiver Ausreißer war die Neuausrichtung des Traisenparks. Dafür wurden im April 100 Arbeitsplätze über uns besetzt. Für 2016 wurde ein Wachstum von 1,6 Prozent prognostiziert. Da merkt man mittlerweile schon, dass der Arbeitsmarkt anspringt.

Was prognostizieren Sie?
Die Arbeitslosenquote wird weiterhin steigen. Experten rechnen damit, dass dieser Trend erst 2018 oder 2019 stoppt. Der Plafond ist also sicher noch nicht erreicht. Das Problem ist prinzipiell ein bundesweites Problem und kann nur auf dieser Ebene effizient gelöst werden. Die Politik könnte etwa ins öffentliche Wohnbauprogramm investieren und damit im Baugewerbe und im Baunebengewerbe für mehr Beschäftigung sorgen. Die Industrie ihrerseits hält sich mit Investitionen zurück, weil die Rahmenbedingungen der Bundespolitik noch nicht passen.

Wer ist von Arbeitslosigkeit am meisten betroffen?
Nach wie vor unsere „Problemgruppen“. Das ist zum einen die Generation 50 plus. Zum anderen sind das Personen ohne Qualifizierung. Während qualifizierte Fachkräfte von der Wirtschaft dringend benötigt werden, fallen Anlern-Berufe durch neue Technologien immer mehr weg. Sie sind die „Opfer“ der Industrie 4.0. Qualifizierung ist ein großes Thema: Von den 5.766 im Mai arbeitslos Gemeldeten haben 2.721 nur einen Pflichtschulabschluss. Dabei ist Berufsausbildung wichtig: Die 587 offenen Stellen sind überwiegend Qualifizierungsjobs.

„Qualifizierung ist ein großes Thema. Von den 5.766 im Mai arbeitslos Gemeldeten haben 2.721 nur einen Pflichtschulabschluss.“ Thomas Pop

Wie ist es um die jüngeren Arbeitssuchenden bestellt?
Die Jugendarbeitslosigkeit ist im ersten Halbjahr im Vergleich zum Vorjahr erfreulicherweise gesunken. Die Politik hat Ausbildungsprogramme entwickelt, die sich positiv auswirken.

Im Mai waren 606 Asylberechtigte beim AMS gemeldet. Was halten Sie vom subjektiven Gefühl mancher, dass diese Personen Österreichern die Jobs wegnehmen?
Von den gut 600 Personen sind 122 unter 25 Jahren, 441 zwischen 25 und 50. Das ist ein Riesenpotenzial an Fachkräften. Die Angst ist unbegründet, weil es ausschließlich um die Qualifizierung geht. Alle haben eine Chance auf diese Jobs.

Wie laufen die Kompetenzchecks für Asylberechtigte? Gibt es da erste Erkenntnisse?
Seit dem Start in April hatten wir 28 Personen, die meisten davon Syrer. Das System ist sehr gut, weil wir damit analysieren, was sie wirklich können und sie so gezielt vermitteln. Ein paar machen bereits eine Tourismusausbildung.