Erstellt am 29. Dezember 2015, 05:03

Die zehn wichtigsten Ereignisse im Jahr 2015. Von der Flüchtlingswelle über die Schließung von Voith Paper bis zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen am Domplatz und Diskussionen um den Lup.

Foto des Jahres: Ein Helikopter mit zwei Insassen stürzt im Juni auf ein Haus im Kastener Ortsteil Mittelfeld. Pilot Michael Speiser aus St. Margarethen erleidet bei dem Absturz schwere Verletzungen und wird mit dem Notarzthubschrauber ins Wiener AKH geflogen. Sein Fluggast, ein 37-Jähriger aus Zwentendorf im Bezirk Tulln, hat mehr Glück und ist nach dem Unfall ansprechbar. Er wird ins Universitätsklinikum St. Pölten eingeliefert. Auch das Haus von Michael Lugbauer, auf das der Leicht-Hubschrauber gekracht ist, wird in Mitleidenschaft gezogen, Teile des Daches sind zerstört. Dank einer soliden Betondecke bleibt es aber zum Großteil bewohnbar. Von dem kleinen Helikopter bleibt nur ein Haufen Schrott zurück. Dass ein technischer Defekt an dem Fluggerät den Unfall verursacht haben könnte, schließt die Kilber Firma, die den Helikopter vermietet hatte, aus.  |  NOEN, Einsatzdoku

Flüchtlingswelle in der Stadt

Mitte September erreicht die Flüchtlingswelle auch St. Pölten: Die ersten 300 Flüchtlinge, vorwiegend aus Syrien, dem Irak und Afghanistan, kommen in sechs Bussen nachts am Wirtschaftshof an. Betreut werden die Flüchtlinge von Caritas-Mitarbeitern, Helfern des Roten Kreuzes und des Arbeitersamariterbundes sowie dem Team des Wirtschaftshofs. In den nächsten Wochen kommen weitere 5.200 Flüchtlinge im Wirtschaftshof unter.

Zwischendurch wird das Quartier immer wieder für ein paar Tage zur Reinigung geschlossen. Die Spenden- und Hilfsbereitschaft der Zivilbevölkerung ist groß, die Caritas verfügt über eine Liste mit 350 einsatzbereiten Freiwilligen. Einige der Transit-Flüchtlinge suchen in St. Pölten um Asyl an: Anfang Oktober ist die Zahl der Asylwerber innerhalb eines Monats um 217 auf 979 angestiegen.

Ende Oktober wird das vorübergehende Transit-Quartier aufgelöst. Ein Problem bleibt: Nach ihrem Erstabklärungsgespräch in der Außenstelle des Bundesamts für Fremdenwesen und Asyl landen immer wieder Flüchtlinge auf der Straße. Der private Verein „Guarantee on tomorrow“ nimmt sich dieser Menschen an und bringt sie kurzfristig bei Vereinsmitgliedern unter. Zwischen Ende Oktober und Mitte Dezember werden so 250 Personen beherbergt. Der Ruf der Vereinsmitglieder nach einer organisierten Not-Unterkunft in St. Pölten bleibt bis Jahresende ungehört.
 

Campus-Ideen bei Voith und ÖBB

Gleich zwei Weichenstellungen sorgen dafür, dass das
Areal rund um den Alpenbahnhof in einigen Jahren gänzlich anders sein wird als heute. Auf der einen Seite entsteht auf dem TS-Werk-Areal der ÖBB-Bildungscampus, in dem künftig alle operativen Eisenbahn-Berufe für ganz Österreich ausgebildet werden. Auf der anderen Seite ein Gewerbecampus auf dem Voith-Areal.

Im Rennen um das ÖBB-Zentrum setzt sich St. Pölten gegen Wien, Linz und Kapfenberg durch. Die ÖBB investieren dafür mehr als 50 Millionen Euro, Baubeginn ist Ende 2016. Dabei ist es noch nicht lange her, dass die Schließung des angrenzenden TS-Werks im Raum stand.

Voith hingegen kündigt im Herbst an, dass das Betriebsareal für andere Firmen geöffnet wird – und damit zum modernen Gewerbe- und Industriecampus im Stadtzentrum werden soll. Leerstehende Hallen und Flächen hat der Heidenheimer Konzern am St. Pöltner Standort seit diesem Jahr einige mehr. Im Februar bestätigt die Konzernleitung eine NÖN-Exklusivmeldung, derzufolge der Paper-Standort geschlossen wird. Dass schließlich „nur“ 170 der 240 Mitarbeiter ihren Job verlieren, weil die anderen von der Paper-Servicegesellschaft aufgefangen werden, ist nur ein schwacher Trost.
 

Domplatz

Tatsächlich gebaut wird am Domplatz zwar erst 2018, dennoch sorgt er seit Jahren verlässlich für hitzige Diskussionen. 2015 im Mittelpunkt steht neben der obligatorischen Debatte über die Stellplätze die Archäologie. Und das aus zwei Gründen. Zum einen empört die Dauer der 2010 gestarteten Grabungen die Opposition zunehmend, zum anderen sorgen die Kosten für Unmut: 1,3 Millionen Euro sind es 2015.

Mit Transparenten versucht die Stadt, darauf hinzuweisen, dass die Grabungen gesetzlich vorgeschrieben sind. Dass die Arbeit der Archäologen und Anthropologen zugleich auch spannende Erkenntnisse über Stadt und Leben bringt, ist mittlerweile zumindest in internationalen Wissenschaftskreisen unbestritten: Anhand von am Domplatz gefundenen Skeletten wurden bereits viele Rätsel des mittelalterlichen Alltags gelöst.

So weiß man dank der St. Pöltner Funde, dass die Syphilis nicht nach Christoph Kolumbus aus Amerika eingeschleppt wurde, sondern schon lange davor in Europa die Menschen plagte. Auch Gehirnhautentzündung, Darmkrebs, Brustkrebs und Prostatakrebs raffte bereits im Mittelalter die Menschen dahin – und das oft bereits als 25-Jährige.
 

Kritisierter und verbesserter Lup

Im Dezember präsentiert Bürgermeister Matthias Stadler das verbesserte Bus-System, „mit dem alle großen Wünsche der Bevölkerung erfüllt werden“: 10-Minuten-Takt auf der Nord-Süd-Achse, die neue Linie 13 nach Ragelsdorf und Weitern, Anbindung der Living City an das Lup-Netz, eine beschleunigte Linie 7 nach Ratzersdorf. Und: Ein Sonntagsbetrieb wird ausgeschrieben.

Findet sich ein Anbieter, fährt der Bus auf einigen Linien ab 2017 auch an Sonn- und Feiertagen. Schon früher, nämlich ab 1. Jänner 2016, wird es das Shopping-Monatsticket um 19 Euro und Vergünstigungen beim Anrufsammeltaxi geben.  Das fährt für Dauerkartenbesitzer dann um 2 Euro. Nicht kommen wird das von der ÖVP mit Unterstützung von 1.000 Unterschriften geforderte 200-Euro-Jahresticket. Rund 4,8 Millionen Fahrgäste nutzen pro jahr den Lup, es gibt rund 500 Jahreskartenbesitzer.
 

Todeskreuzung wird mit Brücke entschärft

Einige Todesopfer haben die Eisenbahnkreuzungen entlang der Leobersdorfer Bahnstrecke im Süden St. Pöltens bereits gefordert. Lösungsansätze aus einer Machbarkeitsstudie von Stadt, ÖBB und Land werden Ende September präsentiert. Acht Bahnkreuzungen werden entschärft.

Für die Kreuzung in der Wolfenbergerstraße soll eine Straßenbrücke über die Schienen und die B 20 führen. Ebenso sicherer wird die Kreuzung mit der Ochsenburger Straße, hier soll eine Unterführung kommen. Die Projekte kosten rund elf Millionen Euro. Herzog- und Schubertstraße bekommen einen Schranken.
 

Sicherheit

Das Gefühl der Unsicherheit wächst – obwohl die Zahl der angezeigten Delikte sinkt. Die Polizei bemüht sich, das Sicherheitsempfinden zu stärken: „Wir nehmen das sehr ernst“, so Stadtkommandant Franz Bäuchler. Mit Unterstützung der Politik: In seiner Novembersitzung verabschiedet der Gemeinderat eine Resolution, in der mehr Polizisten für die Landeshauptstadt gefordert werden – zum wiederholten Mal.

Die langjährige Forderung nach einem Polizeistützpunkt für den Bahnhof wird bereits am 1. Mai erfüllt: Seither sind in der Außenstelle der Rathausinspektion zwei Polizisten stationiert. Parallel dazu wird die Sozialarbeit rund um den Bahnhof intensiviert.

Nicht den St. Pöltner, sondern den Wiener Westbahnhof wollte ein 14-jähriger gebürtiger Türke in die Luft sprengen. Der St. Pöltner Sonderschüler und Jung-Dschihadist musste sich im „Prozess des Jahres“ vor einem Schöffensenat wegen Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung verantworten und auch, weil er seinen 12-jährigen Freund für den Dschihad rekrutieren wollte. „Er suchte nach Anerkennung“, sagt Staatsanwalt Michael Lindenbauer über den Jugendlichen, der zu zwei Jahren Freiheitsstrafe, acht Monate davon unbedingt, verurteilt wird.
 

Rechtsstreit um Stockerhütte

Seit Juli ist das beliebte Ausflugsziel, das den Naturfreunden gehört, geschlossen. Grund dafür ist der Rechtsstreit zwischen den Naturfreunden und dem Besitzer der umliegenden Forststraßen, Landwirt Gerald Schmalzl.

Er lässt über Anwalt Stefan Gloss das Befahren seiner Forststraßen endgültig verbieten, was vor allem Schutzhütten-Pächter Andreas Edlinger trifft. Er ist von der Versorgung abgeschnitten, gibt nach drei Jahren auf und verlässt im Juli die Hütte. Derzeit laufen einige Prozesse. Ob die Schutzhütte wieder geöffnet wird, ist unklar. Die Naturfreunde geben nicht auf, suchen nach einem Pächter.
 

Neue Verkehrsader nimmt Form an

Im Budget 2015 hält die Stadt zwei Millionen Euro für die Kerntangente Nord bereit. Anfang des Jahres sollten die Arbeiten für die neue Verkehrsader beginnen. Das Behördenverfahren nimmt aber mehr Zeit in Anspruch, vor allem weil der Magistrat als Baubehörde Lärmschutzwände für die vierte Traisenbrücke im Stadtgebiet vorschreibt. Der für 2013 geplante Spatenstich verzögert sich schlussendlich bis Anfang Oktober.

Seitdem wird an der 165 Meter langen und 14 Meter breiten „Sechsfeldbrücke“ – inklusive Geh- und Radwegen – gearbeitet. Experten rechnen künftig mit täglich 11.500 Fahrzeugen auf der neuen Ost-West-Achse. Stadt und Land teilen sich die Errichtungskosten von 5,7 Millionen Euro. In Betrieb gehen soll die insgesamt 800 Meter lange Tangente voraussichtlich Anfang 2017.
 

Nestroy für Theaterstück „Glanzstoff“´und Frequency-Jubiläum

Theaterfans und Glanzstoff-Nostalgiker sehen Ende April und Anfang Mai das von Felix Mitterer geschriebene Stück „Glanzstoff“. Im Stationentheater vor Ort agieren fast 60 Laienschauspieler und lassen den traditionsreichen St. Pöltner Industriebetrieb auferstehen. Unter der Regie von Renate Aichinger tauchen die Besucher ein in vergangene Streiks, Kriege und Wirtschaftskrisen und bekommen Einblicke in die Lebenswelt der Angestellten des Viskosegarn-Herstellers. Die Leistung bleibt nicht unbelohnt: Das Landestheater bekommt im November für „Glanzstoff“ den ersten Nestroy verliehen.

Zwischenzeitlich entscheidet sich eine fachkundige Jury für Marie Rötzer als Nachfolgerin von Theater-Intendantin Bettina Hering. Die 47-jährige Mistelbacherin wird ab Sommer 2016 künstlerisch das Schauspielhaus leiten.

Weiterer kultureller Höhepunkt ist das 15-Jahr-Jubiläum des Frequency-Festivals in St. Pölten. 125.000 Besucher sind heuer im August am VAZ-Gelände mit dabei. Als Headliner sorgen Linkin Park, The Chemical Brothers und The Prodigy für Stimmung.
 

AKNÖ, SVA und IKEA kommen

St. Pölten statt Wien heißt es für die 300 Mitarbeiter der Arbeiterkammer NÖ und des Landes-ÖGB, die im kommenden Februar in das neue ArbeitnehmerInnenzentrum in der Herzogenburger Straße einziehen. Bereits 2015 erfolgt die Fertigstellung des Gebäudes.

Im Dezember dann die nächsten guten Nachrichten für St. Pölten: Die Sozialversicherung der gewerblichen Wirtschaft (SVA) entscheidet, die Landesstelle mit etwa 100 Mitarbeitern nach St. Pölten zu verlegen – fast zeitgleich wird bekannt, dass IKEA im Traisenpark den zweiten NÖ-Standort eröffnen wird. Als Draufgabe kündigt der Autozubehör-Händler Forstinger an, seine Zentrale von Wien nach Traismauer zu übersiedeln.
 

Zitate des Jahres

„Ich bin kein Kabarettist, ich bringe gewiss niemanden zum Lachen, aber das tun die Künstler.“    
Bühne-im-Hof-Gründerin Mimi Wunderer vor ihrem Abschied

„Ich habe im Jahre 1970 zwar die Fahrschule besucht, aber niemals eine Prüfung abgelegt. Eine Kontrolle der Polizei hat es in diesen 45 Jahren niemals gegeben.“
St. Pöltner, der nach 45 Jahren ohne Führerschein erwischt wurde

„Seit ich das Frequency-Festival mache, gibt es jedes Jahr Gerüchte, dass es im darauffolgenden Jahr irgendwo anders stattfinden soll. Wir sind aber glücklich in St. Pölten.“
Frequency-Veranstalter Harry Jenner nach dem Festival

„Für uns kam so eine Drohung zum ersten Mal. An so etwas hätten wir vorher niemals im Traum gedacht.“
Veranstalterin Brigitte Schlögl nach der Bombendrohung gegen das KiJuBu-Festivals, das deshalb abgesagt wurde

„Jede Form von Oberflächlichkeit verzerrt das wissenschaftliche Ergebnis. Daher ganz oder gar nicht.“
Stadtarchäologe Roland Risy zu den Domplatzgrabungen

„Je älter man wird, desto lieber ist man auf der Welt.“
Die Pottenbrunnerin Leopoldine Hötzl, die heuer ihren 107. Geburtstag feiert

 



2015 nahmen wir Abschied von ...

 

... Vinzenz Höfinger aus St. Pölten. Im Jänner verstirbt mit Vinzenz „Zenz“ Höfinger im 87. Lebensjahr einer der einst einflussreichsten St. Pöltner VP-Politiker. Höfinger war Gemeinderat, Landtagsabgeordneter, Präsident der damaligen NÖ-Handelskammer, Wirtschaftslandesrat, Bezirksobmann und an der Landeshauptstadtwerdung beteiligt.

... Alois Wegscheider aus St. Pölten. Im Jänner stirbt Alois Wegscheider im 98. Lebensjahr. Er war Präsident der Tierärztekammer, Präsident des Lions-Clubs St. Pölten und Mitinitiator von „Essen aus Rädern“ in St. Pölten.

... Erich Altenriederer aus St. Pölten. Kurz vor seinem 51. Geburtstag verscheidet Ende März der langjährige NÖ-Pressehaus-Betriebsrat Erich Altenriederer nach langem Leiden.

... Johann Billeth aus St. Pölten. Im März ist der stadtbekannte Notar in seinem 93. Lebensjahr friedlich entschlafen.

... Elfriede Unterberger aus St. Pölten. Im Mai verstirbt die Unternehmerin Elfriede Unterberger im 79. Lebensjahr. Neben einer Tankstelle leitete sie auch das Café Unterberger.

... Gerhard Stoiber aus St. Pölten. Der Direktor der NÖGKK verunglückt im Juni bei einem tragischen Unfall kurz vor seinem 55. Geburtstag.

... Paul Weiland aus St. Pölten. An einem akuten Herzversagen verstirbt im August der evangelische Superintendent in seinem 66. Lebensjahr. Unter seiner Führung wurde St. Pölten zum Sitz der NÖ Superintendentur.

... Rudolf Grübl aus Pottenbrunn. Von 1960 bis 1972 war Rudolf Grübl letzter Bürgermeister von Pottenbrunn. Der ehemalige Kommunalpolitiker stirbt im August im 95. Lebensjahr.

... Josef Karner aus St. Pölten. Nach langer schwerer Krankheit verstirbt Wasserrettungs-Pionier Josef Karner im August im 87. Lebensjahr. Karner war ab 1959 als Rettungsschwimmer tätig und von 1987 bis 2001 Präsident des NÖ Landesverbands der Wasserrettung.

... Johann Teufner aus St. Pölten. Im September verunglückt der 69-jährige Inhaber des Hotels Alt Wien Johann Teufner beim Schwimmen in der Türkei tödlich.

... Erich Steininger aus Kirchbach/St. Pölten. Im November stirbt Erich Steininger im 76. Lebensjahr. Von 1995 bis 2009 war Steininger Leiter des Dokumentationszentrums für Moderne Kunst (DOK) in St. Pölten.

... Josef Eichinger aus St. Pölten. Nach schwerer Krankheit stirbt Prälat Josef Eichinger im Dezember im 88. Lebensjahr. Eichinger war Mitglied des Domkapitels. Von 1978 bis 2014 war er Obmann des Pressvereins der Diözese St. Pölten und in dieser Zeit auch Herausgeber der NÖN, von 1983 bis 2014 war er Vorsitzender des Aufsichtsrates des NÖ Pressehauses. Bis zuletzt leitete er die Kirchenzeitung „Kirche bunt“.