Erstellt am 09. August 2016, 05:45

von Daniel Lohninger

NÖGKK-Chef Hutter: „Der Wahlarzt ist wesentlich“. Krankenkasse und Ärzte in der Stadt lehnen SP-Vorstoß für Abschaffung der Refundierung einhellig ab.

Andreas Barnath: „Wahlärzte sind nicht besser. Sie haben aber mehr Zeit für Patienten.“  |  NOEN, Heumesser

„Weg mit dem Kostenersatz für den Wahlarztbesuch!“ Diese Forderung von SP-Gesundheitssprecher Erwin Spindelberger sorgt für Diskussionen. Zumindest in St. Pölten herrscht unter Ärzten und Kassen-Vertretern aber Einigkeit: Ohne Wahlärzte wäre das Gesundheitssystem noch teurer.

„Antiquarische“ Kataloge anpassen

„Das Kassensystem muss so gestaltet werden, dass die Menschen nicht in die Privatmedizin getrieben werden“, meint Bezirksärztevertreter Andreas Barnath. Konkret heiße das, dass die „antiquarischen Einzelleistungskataloge“ der Sozialversicherungen den Bedürfnissen der Zeit angepasst und die Zahl der Kassenstellen erhöht werden müssten.

„Der Zuwachs an Kassenstellen hält leider mit dem Bevölkerungszuwachs nicht Schritt“, meint Barnath. Daraus resultiere, dass vor allem Facharztpraxen mit Kassenvertrag massiv überlaufen seien – und für Patienten dadurch manchmal zu wenig Zeit bleibe.

Barnath: „Diese Zeit für den Patienten hat der Wahlarzt. Es ist aber nicht so, dass Wahlärzte besser sind als Kassenärzte.“

Falsch sei auch die Vorstellung, dass die Krankenkasse 80 Prozent der Wahlarztrechnung übernehme: Tatsächlich seien es 80 Prozent des Kassentarifs, der bei etwa acht Euro brutto pro Arztbesuch liege. Bei einer 50-Euro-Arztrechnung werde also nur ein Bruchteil refundiert.

Drittel der Patienten reicht nicht ein

Bernhard Angermayr: „Das derzeitige System muss Ärzte und Patienten frustrieren.“  |  NOEN, www.foto-kraus.at

Gut ein Drittel der Patienten würde gar nicht erst eine Refundierung beantragen, weiß Bernhard Angermayr (Foto links), Leiter der „Ärzte im Zentrum“ – mit 32 Ärzten das größte Wahlarztzentrum

Österreichs. Der SP-Vorschlag sei deshalb „absurd und weltfremd“. Vielmehr sollte die Politik überlegen, wie man ein effizientes, hochwertiges und kostenloses ambulantes Versorgungssystem schafft. Das aktuelle Kassensystem habe keine Zukunft, meint Angermayr.

Im Schnitt behandle ein Kassenarzt pro Tag mehr als 100 Patienten. „Man braucht kein Experte zu sein, um zu erkennen, dass das derzeitige System Ärzte und Patienten frustrieren muss“, betont Angermayr. Viele Ärzte würden deshalb ihre Verträge kündigen oder sich auf offene Stellen nicht bewerben.

Generell ortet Angermayr einen Trend zur Privatversicherung – etwa jeder vierte Patient bei den „Ärzten im Zentrum“ habe eine. Eine Abschaffung der Wahlarztrefundierung würde diesen weiter verstärken. „Die Schere zur Zwei-Klassen-Medizin würde noch weiter aufgehen“, so die Analyse von Angermayr.

NÖGKK steht zum Prinzip der Wahlfreiheit

Bei der NÖ Gebietskrankenkasse betont man, dass die Zahl der Kassenstellen in und um St. Pölten sehr wohl zugenommen habe. So gebe es heute 127 Ärzte mit Kassenverträgen in Stadt und Bezirk – um neun mehr als vor zehn Jahren. Die NÖGKK stehe aber zum Prinzip der Wahlfreiheit der Patienten.

NÖGKK-Obmann Gerhard Hutter  |  NOEN, E. Koch

„Der Wahlarzt ist ein wesentlicher Bestandteil der ärztlichen Versorgung“, betont NÖGKK-Obmann Gerhard Hutter. 17 Millionen Euro seien im Vorjahr an Wahlarztrechnungen rückerstattet worden.

„Würde die Refundierung abgeschafft, müssten alle Menschen zum Vertragsarzt gehen. Damit würden wir uns nichts ersparen – im Gegenteil“, führt Hutter aus.

Das Verhältnis der Kassenstellen zu den Wahlarzt-Praxen ist in jedenfalls deutlich gekippt. Den 127 Kassenärzten in Stadt und Bezirk stehen insgesamt 276 Wahlärzte gegenüber.

Für diese Entwicklung weiß Andreas Barnath einen möglichen Grund: die neuen Dienstzeitregelungen bei den Spitalsärzten. „Viele Ärzte machen eine Wahlarzt-Praxis auf, damit sie sich das Hobby Spitalsarzt leisten können.“

Umfrage beendet

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