Erstellt am 15. September 2015, 07:37

von Mario Kern

„Flüchtlingshetze stimmt einfach traurig“. Stefan Schadenhofer leitet die Wohnbetreuung der

Stefan Schadenhofer: »St. Pölten könnte sicher hundert bis zweihundert Flüchtlinge mehr vertragen. Das ist machbar.«  |  NOEN, Mario Kern

Um gut 100 Asylwerber in 21 Wohnungen in St. Pölten kümmert sich das 14-köpfige Team der Wohnbetreuung der Diakonie. Diese Wohnungen konzentrieren sich in drei Wohnhäusern rund um das Zentrum der Landeshauptstadt. Damit ist in St. Pölten auch der Löwenanteil der Asylwerber, die von der Wohnbetreuung begleitet werden, untergebracht. Etwas mehr als 60 Flüchtlinge wohnen derzeit in Quartieren in Lilienfeld, Hainfeld, Kilb und Melk.

Die Wohnbetreuung, die im Frühjahr 2014 gegründet wurde, organisiert aber nicht nur Quartiere – aktuell warten 17 in ganz Niederösterreich auf Asylwerber –, sie begleitet auch die Personen in Grundversorgung und organisiert Dolmetscher, Arzttermine und Deutschkurse.

„Genau da haben Asylwerber natürlich große Probleme und benötigen Hilfe“, weiß Stefan Schadenhofer, Leiter der Wohnbetreuung. Die wird einerseits von der Mobilen Beratung der Diakonie, die in der Josefstraße stationiert ist, gewährleistet. Andererseits aber auch vom Team der Wohnbetreuung. „Das ist unser wesentlicher Anspruch, für diese Menschen da zu sein.“

„Das ist einfach nur traurig, wie menschenverachtend man in Österreich öffentlich eigentlich sein darf.“ Stefan Schadenhofer, Diakonie

Den größten Anteil der betreuten Flüchtlinge stellen mit gut einem Drittel Syrer, mit jeweils einem Fünftel Afghanen und Iraker, so Schadenhofer. Der Rest verteilt sich auf weitere Nationalitäten aus dem Nahen Osten. Während bei syrischen Flüchtlingen der Familienanteil höher ist, sind unter Irakern fast ausschließlich Männer.
Eine „schwierige“ Gruppe sei laut Schadenhofer jene der jugendlichen Flüchtlinge, die nicht mehr schulpflichtig sind. „Was sollen die den ganzen Tag machen?“

Für schulpflichtige Kinder besteht auch in Österreich die Schulpflicht. Für Ältere gebe es aber keine Angebote. Da wären gesicherte Bildungsangebote vonnöten, ist Schadenhofer überzeugt. „Ein Deutschkurs mit ein paar Einheiten in der Woche reicht längst nicht aus.“ Zusätzlich ortet der St. Veiter fehlende Unterstützung für Lehrer: „Da gibt es sprachliche Barrieren, wenn Flüchtlingskinder in St. Pölten den Unterricht besuchen.“

„Man ist emotional nah dran an den Werbern“

Im persönlichen Umgang mit Menschen aus den Kriegsgebieten bekommen die Mitarbeiter der Diakonie viele berührende Schicksale zu hören. „Man ist da natürlich sehr dran, auch emotional.“ Womit sich Schadenhofer aber nie abfinden will, ist die „politisch organisierte Hetze“ – „Das ist nur traurig, wie menschenverachtend man in Österreich öffentlich sein darf.“ Die Vorurteile in der St. Pöltner Zivilbevölkerung etwa würden allerdings nur an mangelnder Information liegen, betont Schadenhofer. „Angst vor etwas, was einem zunächst fremd ist, ist ja an sich verständlich.“

Oft sei aber auch zu beobachten, dass sich nach ersten Begegnungen mit Flüchtlingen die Einstellungen vieler ändern. „Da hat die Politik generell allerdings eine große Verantwortung, aktiv daran zu arbeiten.“

Viele Hilfsangebote aus der Bevölkerung

Was den Leiter der Wohnbetreuung besonders freut, sind die vielen Hilfsangebote aus der Bevölkerung. Mit unzähligen Sachspenden, für deren Sortierung und Zuweisung Schadenhofers Team auch viel Zeit aufwendet. „Da müssen wir erst an Struktur nachbauen, um diese großartige Hilfe bewältigen zu können.“

Angebote gibt es in der Landeshauptstadt aber auch, was Wohnraum anbelangt. „Wir haben konkrete Wohnungsangebote. In St. Pölten wird aber betont, man müsse derzeit erst mit den Angeboten für die bestehenden Flüchtlinge nachziehen“, so Schadenhofer.

„Dabei könnte St. Pölten sicher auch zwei Prozent Flüchtlingsanteil verkraften. Hundert oder zweihundert Asylwerber mehr würden niemandem auffallen. Auch wenn ich natürlich die Position des Bürgermeisters verstehe, dass endlich auch andere Gemeinden konsequent Flüchtlinge aufnehmen sollen.“ Wohnraum werde aber dringend benötigt, denn: „Die Flüchtlingswelle ist noch längst nicht vorbei!“

Stadt hatte Ende August 1,43 Prozent Asylquote

Mit Ende August waren in St. Pölten 762 Asylwerber in Grundversorgung gemeldet. Damit ist man mit 53.145 Hauptwohnsitzern (mit Anfang Juni) bei 1,43 Prozent Asylwerber-Anteil – knapp unter den 1,5 Prozent Asylquote, deren Erfüllung ab 1. Oktober per Verfassungsgesetz von allen Gemeinden in Österreich verlangt wird. Die Quote könnte allerdings mit den aktuellen Asylwerber-Zahlen in St. Pölten bereits erfüllt sein.
Hinsichtlich der 1,5 Prozent oder auch einer höheren Asylquote plädiert Bürgermeister Matthias Stadler weiterhin für eine „gerechte Verteilung in Niederösterreich, Österreich und Europa“. „In Niederösterreich gibt es wenige Gemeinden mit einer ähnlichen Quote, wie wir sie St. Pölten hat“, betont Stadler. Rathaussprecher Martin Koutny ergänzt, dass mehr Wohnraum auch logistische Arbeit bedeute: „Wir arbeiten daran, die Menschen mit Plätzen in Kindergärten und Schulen bestmöglich zu versorgen. Sie kurzfristig hier wohnen zu lassen ist eine Seite, sie langfristig zu betreuen die andere.“

Generell ist Bürgermeister Matthias Stadler überzeugt, der Notstand hinsichtlich der Flüchtlingswelle in Österreich liege nicht an der absoluten Anzahl der Flüchtlinge, sondern „an der fehlenden Fähigkeit von Bund und Ländern, für eine gerechte Aufteilung zu sorgen“. Zudem sei das Asylgesetz das falsche Instrument zur Bewältigung der Flüchtlingssituation. „Dieses Verfahren behandelt die Verfolgung einzelner. Die aktuelle Situation ist ganz anders.“