Erstellt am 15. November 2015, 12:16

von Daniel Lohninger

"Gestank dank mir weg". Rechtsanwalt Stefan Gloß sorgte dafür, dass die Republik Österreich in Straßburg verurteilt und die Glanzstoff geschlossen wurde. Leiser treten will er auch mit 75 noch nicht.

"Den Menschen vor Übergriffen des Staates schützen." Das nennt Stefan Gloß als Haupt-Beweggrund für seine Anwalts-Tätigkeit.  |  NOEN, zVg

Der St.Pöltner Rechtsanwalt Stefan Gloß feiert in diesen Tagen seinen 75. Geburtstag und das 50-jährige Promotions-Jubiläum. Ans Aufhören denkt er noch nicht, wie er im NÖN-Interview verrät.

NÖN: St. Pöltens streitbarster Anwalt – wie gefällt Ihnen diese Bezeichnung?
Stefan Gloß: Das ist für mich nicht wichtig. Wichtiger ist für mich, komplexe Fälle zu lösen. Und es ist Freude und Genugtuung zugleich, wenn ich einem Klienten helfen kann. Als Leitsatz gilt für mich, dass jede Causa so gut ist wie der Klient. Mein wichtigster Beweggrund ist, die Menschen vor den Übergriffen des Staates zu schützen.

Einen Ihrer Fälle brachten Sie bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Ist die Causa mittlerweile geklärt?
Die Menschenrechtskonvention sieht vor, dass jeder Mensch wegen eines Deliktes nur einmal bestraft werden darf. Ich hatte aber einen Mandaten, der alkoholisiert einen tödlichen Unfall verursacht hatte. Dafür erhielt er eine Strafe der Bezirkshauptmannschaft und wurde vom Landesgericht zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten verurteilt. Der Oberste Gerichtshof bestätigte das Urteil, ich legte Beschwerde in Straßburg ein. 2005 bekam ich dort recht, die Republik wurde für schuldig befunden, gegen die Menschenrechtskonvention verstoßen zu haben. Der Fall landete wieder beim OGH, der das Urteil aufheben hätte müssen – was er aber in Folge einer Fehlinterpretation der Entscheidung aus Straßburg nicht machte. Der damalige Bundespräsident Thomas Klestil hat aber die Sache richtig erkannt und meinen Mandanten begnadigt. Kurz darauf änderte der OGH – im Sinne meiner Beschwerde – seine Judikatur.

Aufsehen erregt hat auch der Glanzstoff-Fall. Sie waren hier Rechtsvertreter eines Anrainers.
Die Geschichte geht zurück auf die Anfänge meiner Kanzlei. Damals kam ein Anrainer der Glanzstoff zu mir und sagte, dass ich etwas gegen den unerträglichen Gestank machen solle. Damals sagte ich: „Da sind wir beide zu klein.“ 2008 brannte die Glanzstoff ab, der Betrieb wurde eingestellt. Der Magistrat genehmigte die Fortführung des Betriebes, gegen den Bescheid habe ich dann im Auftrag des Vereines Pro St. Pölten Berufung eingelegt. Der Rest ist bekannt: Dem Rechtsmittel wurde stattgegeben, die Glanzstoff geschlossen. Ich bin also mit schuld daran, dass es die Glanzstoff nicht mehr gibt und es in St. Pölten nicht mehr stinkt.

1972 haben Sie Ihre eigene Kanzlei eröffnet. Was ist heute anders als es damals war?
Damals reichte eine Schreibmaschine, ein Telefon und eine Sekretärin, um eine Kanzlei eröffnen zu können. Das ginge heute kaum mehr. Geändert hat sich in dieser Zeit aber auch das Verhältnis der Anwaltschaft zum Gericht – das war früher persönlicher. Das hat seinen Grund auch darin, dass aus Gründen der Sparsamkeit vom Bund vielfach mündliche Verhandlungen abgeschafft wurden und jetzt oft ein Drei-Richter-Senat im stillen Kämmerlein ohne persönliche Aussprache zwischen Anwalt und Gericht entscheidet. Daran ändert auch nichts, dass der EuGH diese Praxis regelmäßig anprangert und auf die Notwendigkeit mündlicher Verhandlungen aufmerksam macht.

"Es ist alles eine Frage der Einteilung"

Sie sind 75 Jahre. Wie lange wollen Sie noch als Anwalt tätig sein?
Ich habe genug Zeit für tägliches Joggen, im Sommer mit dem Segelboot zu segeln, auf die Berge zu steigen, Skitouren zu machen, Rad zu fahren, Violine zu spielen sowie vier Fremdsprachen zu pflegen. Es ist alles eine Frage der Einteilung. Ich fühle mich gesund und die Lösung von rechtlichen Problemen gibt mir auch einen Lebensinhalt.

Beispielsweise die Causa Stockerhütte – macht so ein Fall Spaß?
Die Stockerhütte ist ein Hobby von mir, weil ich aus der Gegend stamme und 1949 den Bauernhof der Familie meines Mandaten brennen sah. Ich hatte damals Mitleid mit den Bewohnern und den Tieren.