Erstellt am 22. Juni 2016, 05:05

von Beate Steiner

Greißler-Legende lässt die Rollbalken runter. Mit Juli schließt Lilly Gruber ihr Geschäft in der Handel-Mazzetti-Straße - zum Bedauern ihrer Kunden.

Lilly Gruber in ihrem persönlichen Refugium. Hierhin zieht sich die Geschäftsfrau zum Kraft tanken zurück.  |  NOEN, Beate Steiner
"Wir gehen schnell zur Lilly." Das ist ein geflügelter Satz rund um die Handel-Mazzetti-Straße. Die Lilly, das ist Ludmilla „Lilly“ Gruber, die 43 Jahre lang hier ihr kleines Lebensmittelgeschäft offen gehalten hat. Ab 1. Juli ist der Rollbalken zu, „Frau Gruber“ schließt.

Ein trauriger Anlass für die Kunden der energiegeladenen Händlerin. „Als ich den Zettel mit der Information rausgehängt hab‘, hat jemand daruntergeschrieben ‚Wir haben das nicht erlaubt‘“, lacht die jung gebliebene 66-Jährige. Obwohl ein weinendes Auge ihren Entschluss begleitet: „Ich hab das sehr gern gemacht. Vor einem Dreivierteljahr konnte ich mir das noch nicht vorstellen“, erzählt Lilly Gruber. Aber bürokratische Auflagen – Stichwort: Registrierkassa – hätten sie bewogen, in Pension zu gehen.

Seit über vier Jahrzehnte steht Lilly Gruber Montag bis Samstag um halb vier Uhr morgens auf, zu einem 14- bis 15-Stunden-Arbeitstag. Einkaufen, Lieferungen entgegennehmen, Waren einräumen, dutzende Brote und Semmerl liebevoll herrichten – ganz individuell für ihre Kunden, von denen sie weiß, was ihnen schmeckt. Mit selbst gerührtem Eiaufstrich und selbst gebratenem Fleisch.

Ab 6.15 Uhr ist das Geschäft geöffnet, dann kommen schon die ersten Kunden. Viele holen sich ihr Frühstück, bevor sie in die Arbeit fahren, viele Gemeindearbeiter und Lkw-Fahrer ihre geschmackvolle Jause. Dann liefert Lilly Gruber noch Jausenbrote aus, zum Beispiel ins Leiner-Zentrallager. Die Jausenleute müssen ab dem Sommer auf die köstlichen Brote und Weckerl verzichten: „Sie tun mir schon leid“, bedauert Lilly Gruber. Aber: „Alles Schöne geht einmal zu Ende, ich möchte das jetzt abschließen.“

Persönliche Betreuung als Erfolgsgeheimnis

Begonnen hat die Geschäftsfrau im Mai 1973. „Mit dem letzten Monatsgehalt von meiner Anstellung hab ich das Geschäft aufgemacht“, erinnert sich Lilly Gruber. Nebenbei hat sie noch bei Vereinsfesten gejobbt und auf dem Voith-Platz ausgeschenkt. Und sie hat natürlich viele Stammkunden gewonnen, obwohl schon viele Anrainer nur dann gekommen sind, wenn sie im Supermarkt etwas vergessen haben. Gepunktet hat „die Lilly“ mit ihrer herzlichen Art und mit persönlicher Betreuung. Zum Beispiel der etwas verwirrten Senioren, die zehn Mal am Tag Brot und Milch holten. „Da hab‘ ich mit den Angehörigen ausgemacht, dass sie Verpacktes wieder zurückbringen können.“

Ihr Leben als Pensionistin wird Lilly Gruber mit Reisen, Lesen und auch mit ihren drei Enkelkindern gestalten: „Ich bin da, wenn sie mich brauchen.“ Aber zunächst fiebert die bekennende Fußballfanatikerin vor dem Bildschirm mit den Österreichern mit. Und sie freut sich auf das Abschlussfest mit ihren Kunden am 1. Juli.