Erstellt am 11. November 2015, 05:28

von Mario Kern

Hitlers Badewasser macht Theater. Die neue Bürgertheater-Produktion überSt. Pöltner Stadtgeschichten wurde beim Bürgergespräch präsentiert.

Beim von Landestheater-Intendantin Bettina Hering (Mitte) und Regisseurin Renate Aichinger (2. v. r.) initiierten mittlerweile siebenten Bürgergespräch brachten sich auch Stadtmuseumsleiter Thomas Pulle (r.) und Heinrich Wohlmeyer (2. v. l.) ein, im Bild mit Gemeinderat Helmut Eder.  |  NOEN, Mario Kern

Für die vergangene Bürgertheater-Produktion "Glanzstoff" hat das Landestheater einen Nestroy bekommen –  zusätzliche Motivation für das mittlerweile vierte Stück mit Bürger-Beteiligung, das bereits in den Startlöchern steht. Die „Stadtgeschichten“ greifen St. Pölten Sagen, Mythen und historische Kleinode auf.

Den Hintergrund der neuen Produktion haben Landestheater-Intendantin Bettina Hering und Bürgertheater-Leiterin Renate Aichinger beim Bürgergespräch im Stadtmuseum verraten: An mehreren Stationen wird die Innenstadt Schauplatz für skurrile und außergewöhnliche Geschichten –  literarisch aufbereit von sechs Autoren mit Bezug zu St. Pölten:

In einer Szene widmet sich Autor Bernhard Moshammer der zwiespältigen politischen Figur Wilhelm Voelkl, der um 1900 16. Bürgermeister St. Pöltens war. Er verhalf der Stadt durch die Schaffung des ersten E-Werks zu wirtschaftlichem Aufschwung, hatte aber auch Heinrich Wohlmeyers Großvater zum Duell gefordert: „Mein Großvater hat diese Forderung mit dem Hinweis auf seine religiöse Überzeugung ausgeschlagen“, verrät Wohlmeyer im Bürgergespräch.

Sagen, Mythen und historische Kleinode über St. Pölten

Schriftstellerin Cornelia Travnicek spürt in ihrem Beitrag dem Wirken Franz Pittners nach: Der weitgereiste St. Pöltner ließ 1896 in der Kremser Gasse das Grand Hotel Pittner errichten. Weil das aber laut Regulierungsplan zu weit in die Gasse hineinragte, verlegte er den Bau in die Grenzgasse. 1938 gastierte auch Adolf Hitler im Hotel und ließ sich als Vegetarier eine Karfiolsuppe schmecken. „Nach Hitlers Bad soll das Wasser in Flaschen abgefüllt worden sein“, erzählt Wohlmeyer.

Einem der ersten bekennenden homosexuellen Schriftsteller in Österreich, dem St. Pöltner Emile Mario Vacano – der als Transvestit auch als Kunstreiterin auftrat – spürt Autor Moritz Beichl nach.

Der bald 30-jährigen Geschichte St. Pöltens als Landeshauptstadt nimmt sich Michael Ziegelwagner an.

Literatin Zdenka Becker behandelt das Thema Migration. Renate Aichinger wird einen roten Faden um die Einzelgeschichten spinnen.

Eine erste Besprechung für Interessierte gibt es am Donnerstag, 19. November, ab 18 Uhr in der Theaterwerkstatt.
 


„Wir haben nach der Kooperation mit Felix Mitterer beschlossen, den Weg mit lebenden Autoren weiterzugehen.“ Bettina Hering, Landestheater

„Voelkl ist eine interessante Figur, wie fürs Theater gemacht. Er ist in der Stadt verankert wie alle historischen Persönlichkeiten: Mit einem Straßennamen, in diesem Fall dem Völkl-Platz.“ Stadtmuseums-Leiter Thomas Pulle

„Die Opposition beschuldigte Voelkl, seinen Dackel auf Stadt-Kosten erworben zu haben.“ Derselbe

„Mein Großvater meinte, St. Pölten sollte seine Stadtmauern behalten, sozusagen als Carcassonne Niederösterreichs fungieren.“ Heinrich Wohlmeyer

„Kein Mensch erinnert sich heute an ‚Ein Land ohne Hauptstadt ist wie ein Himmel ohne Sterne‘ oder ‚Ein Land ohne Hauptstadt ist wie ein Mostviertel ohne Most‘. Jeder kennt aber ‚Ein Land ohne Hauptstadt ist wie ein Gulasch ohne Saft‘.“ Thomas Pulle