Erstellt am 05. November 2015, 12:27

von Jutta Streimelweger

„Ich sah noch den Kaiser“. Älteste St. Pöltnerin / Leopoldine Hötzl feierte ihren 107. Geburtstag. Die Pottenbrunnerinerlebte beide Weltkriege, arbeitete immer hart und lebte ihr Leben lang bescheiden.

Leopoldine Hötzl (rechts) mit Tochter Hedwig und einem Bild, das die 107-Jährige beim Zitherspielen in der Jugend zeigt.  |  NOEN, Jutta Streimelweger

107 Jahre ist sie alt – ansehen würde man Leopoldine Hötzl ihr stolzes Alter nicht. Die Pottenbrunnerin wurde am 27. Oktober 1908 in Wien geboren, hat ein bewegtes Leben hinter sich. „Ich habe beide Weltkriege miterlebt, Krieg brauch ich keinen mehr“, erinnert sich Hötzl, die immer bescheiden lebte und mit Eifer bei jeder Arbeit war. Erinnern kann sie sich auch noch an Kaiser Franz Josef. „Ich sah ihn in der Hietzinger Hauptstraße immer im Fiaker vorbeifahren. Er war ein schöner Mann, hat immer gegrüßt, wenn er einen gesehen hat.“

„Je älter man wird, desto lieber ist man auf der Welt.“ Leopoldine Hötzl, älteste St. Pöltnerin

Von Wien ging es noch als Kind über Umwegen nach Traismauer. Leopoldine, genannt „Poldi“, war oft sich selbst überlassen, musste früh selbstständig werden, erzählt Tochter Hedwig: „Meine Mutter arbeitete hart. Mit viel Lerneifer hat sie die Pflichtschule absolviert, leider war ihr eine weitere Schulausbildung trotz Begabung nicht möglich.“ Mit 14 Jahren kam Hötzl in eine Knopffabrik: „Da hab ich dann im Akkord gearbeitet, bis es einmal Streik gab – dann war leider kein Platz mehr für mich“, erzählt die rüstige Rentnerin. In St. Pölten war die damals 17-Jährige am Herrenplatz und in der Kremser Gasse in Bürgerhäusern als „Mädchen für Alles“ tätig: „Da hab ich dann so einiges kochen gelernt.“

1938 lernte die Leopoldine in St. Pölten ihren späteren Gatten Friedrich, einen Schlossergesellen, der dann noch Meister werden sollte, kennen: „Er hat mich angelacht und ich ihn auch.“ 62 Jahre waren die beiden verheiratet. Noch vor Kriegsbeginn übersiedelte das Paar nach Pottenbrunn.

Friedrich musste im Zweiten Weltkrieg nach Russland, kehrte 1945 aus der Kriegsgefangenschaft heim. „Das war eine harte Zeit“, erinnert sich Hötzl. Sie arbeitete viel bei Landwirten in der Umgebung, radelte bei jedem Wetter nach St. Pölten, um später in der Konditorei Amler, in der Druckerei oder in der Kleidererzeugung zu arbeiten. Seit 15 Jahren ist die Pensionistin nun verwitwet, ihr Gatte verstarb im Alter von 94 Jahren. Die Tochter kümmert sich seit sieben Jahren täglich um die Mutter: „Bis knapp vor ihren 100. Geburtstag lebte sie noch alleine.“ Zwischendurch hatte sie Hilfe von der Caritas: „Die Schwestern haben so toll geholfen. Dafür bin ich wirklich dankbar.“

Handwerk und Musik waren für Hötzl wichtig

Die Pension war für die strebsame „Poldi“ keine Zeit zum Ausruhen: „Ich habe unglaublich gerne Teppiche geknüpft.“ Immer über den Winter entstand ein neues Werk – 40 an der Zahl. Mit 90 musste sie aufgrund ihres schlechter werdenden Sehvermögens aufhören.

Musikalisch ist sie auch: „Mit zwölf hab ich begonnen Zither zu spielen. Täglich hab ich zwei Stunden geübt.“ Oftmals packte sie ihr Instrument in den Rucksack und radelte in den nächsten Ort, um mit anderen Musik zu machen. Die Zither hat das Tochter-Mutter-Gespann jetzt wieder rausgeholt: „Gestimmt muss sie noch werden, dann werden wir versuchen, gemeinsam spielen.“ Mit Unterstützung von Tochter Hedwig hat Hötzl nun das 108. Lebensjahr in Angriff genommen: „Je älter man wird, desto lieber ist man auf der Welt.“