Erstellt am 09. Oktober 2015, 05:07

von Mario Kern

"Kritik ist sehr notwendig". Peter Cornelius vollführt im November einen "Zeitsprung" in der Landeshauptstadt. Der renommierte Musiker im NÖN-Gespräch über seine neue Tournee und seine Sicht der Welt.

Peter Cornelius sieht im „Zeitensprung“ die moderne Gesellschaft von einer kritischen Warte aus: „Wir sind keine Nation, wir sind eine Resignation.“  |  NOEN, Lipkovich

Seit mehr als vier Jahrzehnten steht Peter Cornelius auf der Bühne, hat etwa für sein Gitarrenspiel bei Enigmas „Return to Innocence“ sogar einen Grammy gewonnen. Seine aktuelle Tour „Zeitsprung“ führt ihn am 10. November ins VAZ.

NÖN: In welche Zeit werden Sie bei Ihrem Auftritt springen?
Peter Cornelius: In die Vergangenheit, in der meine ersten Songs und einige Hits entstanden sind. Aber auch in die Gegenwart. Und in die Zukunft, weil ich zum ersten Mal ein oder zwei Songs spielen werde, die erst im nächsten Jahr veröffentlicht werden.

Was hat sich in den letzten vierzig Jahren geändert?
In meinen jungen Jahren interessierten sich die Leute noch für das, was andere gemacht haben. Das Unschuldige von damals, das Herzliche ist verschwunden. Es ist eine sehr eindimensionale Welt geworden, in der wir heute leben.

Ist nicht gerade das ein guter Nährboden für die kritische Stimme der Kunst?
Die beste Zeit für kritische Töne ist, wenn es der Gesellschaft sehr gut geht. Das ist eigentlich eine sehr verlogene Einstellung. Wir leben in einem Nachkriegs-Entertainment-Klima, obwohl anderen Orts der Krieg voll im Gange ist. Wir sind an der Wand der Gummizelle angelangt. Dabei ist es ja so: Die Dinge wiederholen sich, aber nie genau deckungsgleich. Heute ist in Mode, nur keine Wellen zu schlagen. Ich schreibe aber Songs, die sich dagegen spreizen. Das leiste ich mir einfach.

"Wer kritisch ist, macht sich unbeliebt."

Wie notwendig sind kritische Stimmen?
Sehr notwendig. Klar ist aber: Wer kritisch ist, macht sich unbeliebt.

Was hat sich an der Kunst seit den 60ern geändert? 
Damals war man beliebt und angesehen, auch wenn man keinen Profit machte. Ob etwas künstlerisch gut ist, ist heute leider egal.

Sie singen „So hell kann eine Kerze nur leuchten, wenn sie an beiden Enden brennt.“ Hatten Sie jemals die Angst, auszubrennen?
Die Gefahr gibt es. Wie gut man in der Schlangengrube besteht, hängt davon ab, wie wenig Misstrauen man in sich trägt. Ich selbst war knapp dran. In den 80er Jahren war eine wahnsinnig erfolgreiche Zeit für mich. Ich hatte aber nie die Gelegenheit, das zu genießen. Ich wollte jedoch immer gut hinter mir abschneiden.

Das erfordert viel Disziplin.
Die hatte ich kaum. Ich bin sehr meinen Seelenzuständen ausgeliefert. „Reif für die Insel“ verdeutlicht das. Auch das Zu-Tode-verwaltet-Sein. Ich wollte stets Freigeist bleiben, mochte nie Einschränkungen.

Wie viel verraten diese Seelenzustände über einen selbst?
Man lernt natürlich sich selbst immer besser kennen. Und doch bleibt man sich selbst ein Rätsel.

"Die Gitarre meine zweite Stimme"

Was ist all ihren Werken zu eigen?
Alles, was ich je schrieb, ist Erlebtes, Beobachtetes, Erlittenes und Gedachtes. Mit viel Achtung vor der Lebensquelle.

Was macht Ihr Gitarrenspiel aus?
Zu allererst bin ich ein lauter Rhythm & Blues-Gitarrist. Und dann ist die Gitarre meine zweite Stimme. Das sind eigentlich zwei Erzähler, die meine Songs vortragen.