Erstellt am 11. Oktober 2016, 04:44

von Daniel Lohninger

Die Lehren aus dem Zugunfall. Feuerwehr fordert Notleitern und Plattformen in Tunneln. Zweite Alarmierungskette soll kürzere Wartezeit bringen.

Die Evakuierung erfolgte geradezu entspannt, geleitet von Feuerwehrkameraden gelangten die Passagiere des ICE über den etwa 70 Meter tiefen Notausstieg 4 am Rande der Ortschaft Obermiesting ins Freie und warteten auf die Busse des Schienenersatzverkehrs.  |  NOEN, Peter Nussbaumer

Geprobt wurde oft, vor zwei Wochen wurde es aber erstmals ernst: Im 3,3 Kilometer langen Stierschweiffeldtunnel bei Rassing krachte es auf der neuen Hochleistungsstrecke zwischen St. Pölten und Wien. 287 Menschen mussten aus dem Zug gerettet werden, zum Glück war kein Verletzter darunter.

Zum Thema

Artikel #24023238

Feuerwehren, Rotes Kreuz, Polizei sowie die Bezirkshauptmannschaft zogen jetzt Resümee und waren sich einig: Der Einsatz selbst und das Zusammenspiel der Einsatzkräfte liefen reibungslos ab, vor allem bei der Alarmierungskette gibt es aber Verbesserungsbedarf. Ganz offensichtlich sei die Ein-Mann-Einsatzleitung der ÖBB überfordert gewesen.

37 Minuten zwischen Unfall und Alarmierung

Geschlagene 37 Minuten dauerte es, bis der ÖBB-Notfallkoordinator die Feuerwehr alarmierte, nachdem der Zug im Tunnel zum Stillstand gekommen war. Wie viele Passagiere zu diesem Zeitpunkt im Zug sitzen, wusste außerhalb des Tunnels niemand. Der Feuerwehr-Einsatzleiter musste sich also auf Fahrgastzahl-Schätzungen verlassen, als er Rotes Kreuz, Polizei und fünf weitere Feuerwehren alarmierte. Bis zu 300 gab die ÖBB an. „Wir mussten davon ausgehen, dass wir uns auch um gehbehinderte Passagiere kümmern werden müssen“, erklärt Bezirksfeuerwehrkommandant Georg Schröder, der selbst vor Ort im Einsatz war.

Problematisch war auch, dass zwischen Alarmierung und Stromabschaltung auf der Bahnstrecke eine weitere Stunde verging, in der Einsatzkräfte und Passagiere warten mussten. Die ÖBB erklärten das damit, dass der Strombügel der ICE-Lok beim Unfall beschädigt wurde und erst mühsam eine Erdung aufgebaut werden musste. Auch im Zug selbst gibt es Optimierungsbedarf: Durch die Stromabschaltung mussten die Türen von den Feuerwehrleuten händisch geöffnet werden.

Da die Druckluft bald zu Ende ging, klappten die Auftrittsflächen der Waggons nicht mehr nach unten – rund ein Drittel der Fahrgäste musste aus dem Zug gehoben werden. Die einzige Notleiter an Bord wurde erst nach halbstündiger Suche gefunden. „Nicht auszudenken, was passiert, wenn der Tunnel verraucht gewesen und Panik ausgebrochen wäre“, sagt Schröder.

„Nicht auszudenken, was passiert, wenn der Tunnel verraucht gewesen und Panik ausgebrochen wäre.“

Georg Schröder, Bezirksfeuerwehr-Kommandant

Als erste Konsequenz aus dem Tunnel-Zwischenfall fordert die Feuerwehr, dass in den Tunnels der Hochleistungsstrecke bei jedem Portal Plattformen oder Notleitern angebracht werden. Zudem wurde vereinbart, dass die Feuerwehr künftig zum Zeitpunkt der Alarmierung durch die ÖBB sofort Rettungskräfte, Bezirkshauptmannschaft und Polizei verständigt. „Damit verlieren wir im Notfall keine kostbare Zeit“, erklärt Bezirkshauptmann Josef Kronister. Die Botschaft an die ÖBB: Es ist besser, einmal zu viel als einmal zu wenig zu alarmieren. Das sieht auch Bezirkspolizeikommandant Gerhard Pichler so: „Die ÖBB haben andere Erfordernisse als die Polizei. Für uns ist es wichtig, dass wir so rasch wie möglich mit den Erhebungen beginnen können.“

Bei den ÖBB betont man, dass die besprochenen Optimierungs-Möglichkeiten nichts an der Tatsache ändern, dass der Einsatz insgesamt sehr gut abgelaufen sei. Die ÖBB seien stolz auf die Mitarbeiter, „die mit ihrem Einsatz dafür gesorgt haben, dass der Vorfall so professionell, reibungslos und schnell abgehandelt und beendet werden konnte“, so ÖBB-Sprecher Christopher Seif.