Erstellt am 03. August 2017, 05:52

von Daniel Lohninger

Jakob Prandtauer in neuem Licht. Ende des Jahres erscheint die erste Monografie über den St. Pöltner Barock-Baumeister. Autorin gibt ersten Einblick.

Im Stift Melk hängt dieses Gemälde, das Jakob Prandtauer zeigt.  |  NOEN, Günter Prinesdom (©Stift Melk)

Wer weiß, wie die Karriere von Barock-Baumeister Jakob Prandtauer verlaufen wäre, hätten sich Propst Christoph Müller und der städtische Baumeister nicht zerkriegt. So aber stand der Propst des damaligen St. Pöltner Chorherrenstiftes am 30. Juni 1692 unter Zeitdruck, weil er zwar viel Arbeit, aber keinen Baumeister hatte – und holte den gebürtigen Tiroler an die Traisen.

Kennengelernt haben dürfte Müller den damals 32-jährigen Baumeister ohne Gewerbeberechtigung im Schloss Thalheim, wo Prandtauer unter anderem die Kapelle errichtete. Nur einen Monat nach dem Streit hat Prandtauer ein Haus im Klosterviertel und eine Kammerzofe von Schloss Thalheim als Frau. Neben der Ausbildung die Voraussetzungen, dass Prandtauer das Baumeister Gewerbe ausüben durfte.

Weigl beschreibt auch Alltag von Prandtauer

„Es ist naheliegend, dass der Propst hier nicht nur bei der Haussuche, sondern auch bei der Brautschau behilflich war“, meint Huberta Weigl. Seit mehr als zwanzig Jahren widmet sie sich dem Leben und Werk des des St. Pöltner Baumeisters. Ende des Jahres wird ihr 900-Seiten-Buch „Jakob Prandtauer. Das Werk des Klosterbaumeisters“ erscheinen. Die erste Monografie, die sich mit Prandtauer auseinandersetzt, wird auch neue Erkenntnisse beinhalten.

„Es ist gar nicht so leicht, Prandtauer in St. Pölten heute noch zu entdecken.“ Huberta Weigl

Weigl will nicht nur die Bauten in ein neues Licht rücken, sondern auch den Menschen Prandtauer greifbar machen. „Natürlich steht die kunsthistorische Betrachtung im Vordergrund. Aber eben nicht nur – ich mag, wenn es menschelt“, erklärt Weigl. Auf Baustellen sei es im Barock nicht anders zugegangen als heute: „Es wurde geschimpft, ums Geld gestritten und es gab Unfälle.“ Vieles davon ist dokumentiert. Deshalb enthält die Monografie neben einem 138 Nummern umfassenden Werkkatalog, Plänen, Briefen und Schriften auch Alltagsgeschichten.

Weigl analysierte beispielsweise Buchhaltungsunterlagen, die manche Erkenntnisse zutage förderten, die sie selbst überraschten. So lässt sich anhand der Bücher im Kasten-Amt, in denen auch die Kosten für die Verpflegung der Pferde niedergeschrieben wurden, belegen, dass die 30 Kilometer weite Reise von St. Pölten nach Melk mit der Kutsche damals je nach Wetterlage fünf bis sieben Stunden in Anspruch nahm. „Straßen im eigentlichen Sinne gab es nicht viele. Es waren unbefestigte Wege, auf denen man unterwegs war“, betont Weigl.

Prandtauer profitierte von "Bau-Boom"

Den Sitz seines Büros in St. Pölten sowie den Zeitpunkt seiner Übersiedlung sieht Weigl als wesentliche Faktoren für Prandtauers Erfolg. „In den Jahren nach der zweiten Türken-Belagerung gab es einen richtigen Bauboom in der Region. Und Prandtauer war von St. Pölten aus schneller bei den Baustellen, als er es von Wien aus gewesen wäre“, erklärt Weigl. Auftraggeber waren neben den St. Pöltner Chorherren, für die er unter anderem den Turmhelm des heutigen Doms, das Schloss Ochsenburg sowie den Schwaighof errichtete, bald schon andere Stifte – beispielsweise Herzogenburg, wo er den Auftrag für den Neubau erhielt.

Zuvor musste er allerdings den Pfarrhof in Haitzendorf umbauen. „Es zeigt sich das Muster, dass Baumeister damals nicht gleich ein großes Werk erhielten, sondern zuerst einmal ein kleineres. Ist das gelungen, gab es den Großauftrag“, so Weigl. Weitere Aufträge folgten – mit Stift Melk ab 1702 auch Prandtauers größter und bekanntester Bau. Auch hier musste er zuvor den Abt überzeugen – mit dem Bau der Pfarrkirche in Lassee.

Jakob Prandtauers ehemaliges Atelier in der Klostergasse: Eine Tafel erinnert hier noch an den Baumeister. Lohninger  |  NOEN, Jakob Prandtauers ehemaliges Atelier in der Klostergasse: Eine Tafel erinnert hier noch an den Baumeister.

Dutzende Helfer sorgten im Atelier in der Klostergasse dafür, dass er diese Großaufträge umsetzen konnte. In späteren Jahren leistete es sich Prandtauer sogar, die Aufträge für das Chorherrenstift kostenlos zu erledigen. Grund dafür dürfte gewesen sein, dass einer seiner drei Söhne – Franz Joseph – in den Orden eingetreten war.

Auf die Klosterbauten will Weigl den Barock-Baumeister aber nicht reduzieren: „Heute wird oft vergessen, dass er auch Schlösser, Paläste, Bürgerhäuser, Schüttkästen, ja sogar Brücken und Kasernen, errichtet hat.“ Gerade in St. Pölten habe Prandtauer viele Profanbauten gebaut und umgestaltet. „Es ist aber gar nicht so leicht, Prandtauer in St. Pölten heute noch zu entdecken“, meint Weigl.

Ein Beispiel ist sein Atelier in der Klostergasse, das im 19. Jahrhundert umgebaut wurde. Zudem sei nicht alles, wo Prandtauer draufsteht, tatsächlich von Prandtauer. So wurde die Prandtauerkirche nicht von ihm geplant, sondern von Martin Witwer, dem Ordensarchitekten der Karmelitinnen, und Matthias Steinl. Prandtauer war nur derjenige, der vor Ort die Bauausführung der Kirche des später aufgelösten Karmelitinnenklosters überwachte.

Huberta Weigl verfasste die erste umfassende Monografie über Jakob Prandtauer.  |  NOEN, privat

Jakob Prandtauer sei jedenfalls eine Ausnahmeerscheinung gewesen, ist Weigl sicher: „Er war bis zu seinem Tod ein exzellenter Künstler und zugleich ein wahnsinnig geschäftstüchtiger Unternehmer.“ Sein letzter Bau war der Pfarrhof in Aggsbach, wo er zwei Monate vor seinem Tod am 16. September 1726 noch auf der Baustelle stand.