Erstellt am 19. Januar 2016, 11:31

„Tag des Judentums" in Niederösterreich. „Mit dem ‚Tag des Judentums‘ drücken wir unser Interesse und unsere Neugierde am Judentum aus und wollen ins Gespräch kommen“, erklärte Johann Bruckner vom „Diözesankomitee Weltreligionen“ bei der Veranstaltung im St. Pöltner Bildungshaus St. Hippolyt.

Johann Bruckner vom Diözesankomitee Weltreligionen, Referent Theodor Much, Altestamentler Pater Gottfried Glassner, Angelika Beroun-Linhart, Vorsitzende des Katholischen Akademikerverbandes der Diözese St. Pölten, Maria Mayer-Schwingenschlögl vom Ausbildungsinstitut für Erwachsenenbildung (ABI).  |  NOEN, Wolfgang Zarl
Der Badener Theodor Much, Gründungsmitglied und Präsident der liberalen jüdischen Gemeinde Or Chadasch, skizzierte in seinem Vortrag die Anliegen des liberalen Judentums – und die Parallelen zum Christentum.
 
Much - 1942 in Tel Aviv geboren – betonte bei der „Tag des Judentums“-Veranstaltung im vollen Hiphaus Ecksteine, die Juden und Christen gleich seien: die Einzigartigkeit Gottes, die Frage der Umkehr und der Aufruf zur Gottes- und Nächstenliebe. Genauso betone das Alte Testament – Much nennt sie lieber Hebräische Bibel – die Fremdenliebe. Mit Blick auf die aktuelle Flüchtlingsthematik sei dieses Gebot aktuell und modern. Dem Judentum sei wie dem Christentum der Friedensaspekt zentral. „Wer einen Menschen rettet, rettet die ganze Welt“, leitet Much ein Zitat aus dem jüdischen Talmud ab. Weiters sei das Thema Auferstehung im Judentum wichtig, wenngleich es dazu unterschiedliche Auffassungen zum Christentum gebe.
 
Der wichtigste Unterschied seiner liberalen Richtung zur orthodoxen sei die Offenbarungstheologie. Muchs Gemeinde sehe die Tora und die Talmud nicht als wortwörtliche Überlieferung Gottes an Mose und verweist auf einige Schwierigkeiten in der Schrift. So gebe es etwa nicht einen, sondern zwei Schöpfungsberichte. Nach liberaler Tradition sei die Schrift nach und nach gewachsen und schließlich endgültig niedergeschrieben worden. Gott könne sich immer offenbaren und auch die Gesetze könnten und müssten sich mit der Zeit ändern: So wurden die Kapitalstrafen früh abgeschafft, das Opfer wurde durch das Gebet ersetzt und die biblische Tradition des Schuldenerlasses nach sieben Jahren geändert.

Much freut sich über Besuche in seiner Synagoge

Muchs in Wien beheimatete Or Chadasch-Gemeinde sei zwar noch klein und habe Schwierigkeiten in Österreich Fuß zu fassen, aber sie wachse und bestehe zur Hälfte aus Konvertiten. Er freue sich über Besuche und Begegnungen in seiner Synagoge im 2. Wiener Gemeindebezirk (Haidgasse). Der Dialog mit anderen Religionen sei ihm wichtig, dieser müsse aber „auf Augenhöhe“ stattfinden.

Mit den christlichen Kirchen gebe es gute Gespräche, schwieriger sei es dagegen mit dem orthodoxen Judentum, da diese etwa Konversionen nicht anerkennen würden. Inhaltlich gebe es zahlreiche Unterschiede: Frauen seien im liberalen Judentum in der Synagoge von den Männern nicht getrennt, Frauen würden im Scheidungsrecht nicht benachteiligt und würden vor Gericht gleichberechtigt sein. Weiters würde im Gottesdienst die Landessprache bevorzugt, musikalische Umrahmung sei üblich und im liberalen Judentum gebe es mehr Rabbinerinnen als Rabbiner.
 
Kritisch äußert er sich zum Dialog mit dem Islam, wo es viel Antisemitismus gebe.
 
Veranstalter des Abends waren das Diözesankomitee Weltreligionen, die Philosophisch-Theologische Hochschule St. Pölten, die Kirchlich Pädagogische Hochschule Wien/Krems, der Katholische Akademiker/innenverband und das Bildungshaus St. Hippolyt. Die Veranstaltung moderierte Johann Bruckner vom Diözesankomitee Weltreligionen. Ein Chor der Studierenden an der KPH Krems umrahmte die Veranstaltung musikalisch.

Seit 2000 Gedenktag im Kirchenjahr

Die Kirchen in Österreich feierten am 17. Jänner den „Tag des Judentums“. Das Christentum ist in seinem Selbstverständnis wesentlich mit dem Judentum verbunden; damit dies den Christen immer deutlicher bewusst wird, hat der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) im Jahr 2000 den „17. Jänner – Tag des Judentums“ als Gedenktag im Kirchenjahr eingeführt. Dabei sollen sich die Christen in besonderer Weise ihrer Weggemeinschaft mit dem Judentum bewusst werden und zugleich des von ihnen an jüdischen Menschen und ihrem Glauben begangenen Unrechts in der Geschichte gedenken.
 
Die Initiative zum „Tag des Judentums“ geht auf die Zweite Europäische Ökumenische Versammlung 1997 in Graz zurück. Auch in Italien, Polen und den Niederlanden wird der Tag des Judentums begangen. Das Datum für den Tag des Judentums ist bewusst gewählt: Den Geist dieses Tages sollen die Kirchen in die anschließende weltweite „Gebetswoche für die Einheit der Christen“ (18. bis 25. Jänner) weiter tragen. Denn bei allen Trennungen der Christenheit untereinander sei allen Kirchen gemeinsam, dass sie im Judentum verwurzelt sind, so die Veranstalter.

x  |  NOEN, Wolfgang Zarl


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