Erstellt am 21. September 2015, 07:42

von Mario Kern und Nadja Straubinger

Wirtschaftshof als bewährtes Notquartier. Bisher haben fast 700 Menschen in zwei Hallen übernachtet. Retter und Caritas sind von Hilfsbereitschaft der St. Pöltner begeistert.

Gemeinsames Engagement für die Flüchtlinge: Martin Haberl, Jürgen Pomberger, Christian Prusa und Leiter Erwin Sulzer vom Wirtschaftshof, ASBÖ-Obmann Günther Huber, Andreas Pfeiffer vom Roten Kreuz, ASBÖ-Einsatzleiter Robert Karner sowie Margarita Stern, Anita Thür, Josef Höchtl und Thomas Gattringer von der Caritas.Straubinger  |  NOEN

Hunderte Flüchtlinge haben mittlerweile am Wirtschaftshof eine temporäre Bleibe gefunden: Syrer, Afghanen, Iraker und Pakistani werden dort vom ASBÖ, Rotem Kreuz, der Caritas und dem Team des Wirtschaftshofes rund um die Uhr betreut. Hunderte Freiwillige sind auf Abruf bereit. Die NÖN berichtete online stets exklusiv und hat die Ereignisse der Vorwoche im Überblick:

Am Wochenende vor dem Eintreffen der ersten 340 Transit-Flüchtlinge hatte das Wirtschaftshof-Team zwei Hallen von Traktoren und Straßendienstfahrzeugen „befreit“ und so auf 1.500 Quadratmetern Platz geschaffen. Der ASBÖ stellte 300 Notbetten auf, das Rote Kreuz bereitete die Verpflegung vor, die Caritas übernahm die Koordination der Freiwilligen und die Verwaltung der Sachspenden. Binnen weniger Stunden wurden Bereiche mit Sanitäranlagen, ein Gebetsraum, ein Spielbereich und eine Versorgungsstation hochgezogen.
 

Am Montag trafen dann um 19.40 Uhr die Flüchtlinge in sechs Bussen aus Nickelsdorf ein. „Sie waren teilweise in schlechtem Zustand, unterernährt und mitgenommen“, berichtet Caritas-Sprecher Karl Lahmer. Nachdem sich die Menschen neues Gewand –dank der Sachspenden hunderter Privatpersonen – ausgesucht hatten, fanden die Flüchtlinge willkommene Rast auf den Notbetten.

„Wir haben eine Liste von 310 Menschen, die wir jederzeit anrufen und für den freiwilligen Dienst aktivieren können.“ Karl Lahmer, Caritas

47 Asylwerber – davon 14 Kinder – kamen am Dienstag um Mitternacht aus Traiskirchen. Weil das Erstaufnahmezentrum völlig überfüllt war, blieben sie über Nacht in St. Pölten.

Die Transit-Flüchtlinge fanden sich unterdessen immer besser zurecht. „Den Leuten geht es gut hier“, sagte ein freiwilliger Dolmetscher beim NÖN-Lokalaugenschein im Wirtschaftshof. „Diese Menschen wissen zu würdigen, wie gut sie hier behandelt werden.“

Dennoch sei die Unsicherheit unter den Flüchtlingen groß. In Ungarn hatten sie ihre Fingerabdrücke abgeben müssen und fürchteten deshalb, dass sie dorthin zurückgeschickt würden. Wiewohl die Helfer beruhigten, konnte ihnen niemand sagen, wann und wohin es weiter gehen würde.

Daher fuhren auch zahlreiche Menschen nicht mit, als am Mittwoch am frühen Nachmittag Busse aus Wien eintrafen: Nur 117 reisten weiter nach Oberösterreich. Fünf Menschen suchten in St. Pölten um Asyl an. Der Rest brach auf eigene Faust auf oder wurde von Familienangehörigen abgeholt: Ein Syrer etwa kam aus Deutschland, weil er gehört hatte, dass seine Mutter und seine Geschwister in St. Pölten untergebracht waren. Weil die Busse so kurzfristig kamen, waren einige Flüchtlinge noch in der Stadt unterwegs.

Eine achtköpfige Familie wollte noch ohne die Mutter, die im Universitätsklinikum versorgt wurde, abreisen. Das Rote Kreuz konnte die Frau Mutter aber im letzten Moment zur Familie bringen. Zwei Kinder wurden noch rechtzeitig am Bahnhof abgeholt.

Auf dem Spielplatz, den das Team um Stadtgärtner Robert Wotapek baute, konnten diese Kinder nicht mehr spielen, er wurde kurz danach fertig.

Acht Personen kamen in der Nacht von Freitag auf Samstag zum Wirtschaftshof. Sie wurden aus Wien gebracht und suchten in Österreich um Asyl an. Genauso 61 Personen, die am Samstag kurz vor 17 Uhr den Wirtschaftshof erreichten, und 130, die nur gut zwei Stunden später kamen. 17 weitere Personen folgten später.

Am Sonntag erreichten im Laufe des Tages 61 weitere Asylwerber den Wirtschaftshof. Insgesamt 277 Menschen hatten damit Sonntagabend dort ein Quartier. Wie lange sie bleiben und wo sie um Asyl ansuchen, stand bis Redaktionsschluss noch nicht fest.

Der Wirtschaftshof kann bis Ende Oktober als Quartier – für 350 Menschen gleichzeitig –  genutzt werden. Dann müssen wieder die Straßendienstfahrzeuge eingestellt werden.

Profis von hilfsbereiter Bevölkerung begeistert

Nach gut einer Woche vorbildlicher Arbeit am Wirtschaftshof ziehen die involvierten Teams eine kompetente und vor allem menschliche Bilanz.

„Wir haben eine Liste mit 310 Freiwilligen, die wir jederzeit anrufen können“, zeigt sich Karl Lahmer von der Caritas von der großen Hilfsbereitschaft der Bevölkerung überwältigt. 80 kamen am Wochenanfang zum Einsatz, dazu durchgehend bis zu vier hauptamtliche Caritas-Mitarbeiter, insgesamt waren es in der vergangenen Woche 50.

Das Rote Kreuz war mit insgesamt 35 Mitarbeitern im Einsatz. Gleichzeitig haben bis zu fünf Retter vor Ort Flüchtlinge betreut und medizinisch versorgt. „Es hat alles gut funktioniert, die Kooperation war vorbildlich“, zieht Rot-Kreuz-Bezirkskommandant Wolfgang Brückler zufrieden Bilanz.

Der Samariterbund St. Pölten war mit zehn bis 15 Personen im Einsatz. „In der ersten Nacht hatten wir einige Transporte ins Krankenhaus, sonst waren es kleinere Versorgungen“, berichtet Obmann-Stellvertreterin Anita Zinner.

Auch das Team um Wirtschaftshof-Leiter Erwin Sulzer war unermüdlich für die Menschen da: „Zumindest vier Mitarbeiter sind es ständig, auch in der Nacht. Wir helfen, wo wir können.“