Erstellt am 10. August 2016, 05:03

von Daniel Lohninger, Doris Firmkranz und Martin Gruber-Dorninger

Kein Geld zurück bei Wahlarzt?. SPÖ-Abgeordneter sorgt mit Vorschlag, den Kostenersatz für Wahlarztbesuche abzuschaffen für Verwunderung bei den Ärzten.

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Weg mit dem Kostenersatz für den Wahlarztbesuch! Mit dieser Forderung sorgt SP-Gesundheitssprecher Erwin Spindelberger für heftige Diskussionen, auch parteiintern. Die Ärzte des Bezirks Tulln sehen die Anregung mit gemischten Gefühlen. Einig ist man sich aber in einem Punkt: Ohne Wahlärzte wäre das Gesundheitssystem noch teurer.

„Es handelt sich bei dem Vorstoß gegen die Abrechnungsberechtigung für Wahlärzte um eine persönliche Initiative von Erwin Spindelberger, und nicht um Parteilinie der SPÖ, was sich auch in einer entsprechenden innerparteilichen Diskussion gezeigt hat“, sieht der Tullner Bezirksärztevertreter Karl Diehl die Diskussion noch gelassen. „Für mich, der ich zwar seit 25 Jahren Kassenarzt bin, aber vorher auch das Wahlarztdasein kennengelernt habe, ist die Idee nur insofern von positivem Interesse, als eine gezielte, wenngleich nicht schrankenlose Vergabe von zusätzlichen Kassenverträgen, vor allem in Mangelbereichen sicher zu begrüßen ist“, so Diehl weiter. Dies dürfe aber keinesfalls im Tausch gegen eine Abschaffung der wahlärztlichen Rückverrechnungsmöglichkeit gehen, „da diese eine höchst wertvolle Win-Win-Situation für alle Beteiligten darstellt“, ergänzt Diehl.

„Sollte dieser

Vorschlag in die Tat umgesetzt werden, dann können sich erst wieder nur die Reichen den Arzt ihres Vertrauens leisten.“

Bruno Brunner, Internist

Der Tullner Internist Bruno Brunner stellt klipp und klar fest: „Sollte dieser Vorschlag in die Tat umgesetzt werden, dann können sich erst wieder nur die Reichen den Arzt ihres Vertrauens leisten.“

Bernhard Angermayr, Leiter der Ärzte im Zentrum in St. Pölten – mit 32 Ärzten das größte Wahlarztzentrum Österreichs bestätigt, dass sehr viele Wahlarztrechnungen nicht eingereicht würden, da die Höhe der Refundierungen oftmals sehr gering seien. „Gut ein Drittel der Patienten beantragt gar nicht erst eine Refundierung“, so Angermayr.

Wahlärzte sind wichtige Ergänzung

Wahlärzte sind, laut Diehl, eine wichtige Ergänzung unseres Gesundheitssystems. „Sie verrechnen kassenkonform, obwohl sie nicht die Vorteile des vertragsärztlichen Daseins genießen und beispielsweise von den Sozialversicherungsträgern keinen Ordinationsbedarf beigestellt bekommen“, fährt Diehl fort, der Wahlärzte teilweise auch als wichtige Nischenanbieter sieht. „Dies abzuschaffen wäre ein Schlag gegen den bisher gut funktionierenden Kompromiss zwischen Steuerung der Zahl von Kassenverträgen einerseits und Freiheit der Niederlassung und der Wahl des Arztes oder der Ärztin des Vertrauens andererseits“, so Diehl weiter.

Der erfahrene Allgemeinmediziner und ehemaliger Stadtarzt Franz Bichler dazu: „Derzeit arbeiten in Niederösterreich etwa 3.400 Ärzte im niedergelassenen Bereich. Mehr als die Hälfte davon sind Wahlärzte.“ Die Kassenärzte würden jetzt schon etwa 100 Patienten pro Ordinationstag behandeln. „Das heißt, dass das Gesundheitssystem nur durch die Zusammenarbeit von Wahl- und Kassenärzten aufrechterhalten werden kann“, so Bichler. Eine Abschaffung der Kostenrückerstattung würde besonders einkommensschwache Patienten treffen. Die rückerstatteten Beträge seien insgesamt gering und es könnten nur wenige neue Kassenstellen damit finanziert werden.

Auch der Bezirksärztevertreter von St. Pölten, Andreas Barnath hat dazu eine Meinung: „Es ist auch die Vorstellung falsch, dass die Krankenkassen 80 Prozent der Wahlarztrechnung übernehmen. Tatsächlich sind es 80 Prozent des Kassentarifs, der bei etwa acht Euro brutto pro Arztbesuch liegt.“

Im Bezirk Tulln gibt es derzeit 45 Ordinationen der Gebietskrankenkassen und 118 Wahlarztordinationen.

Bei der NÖ Gebietskrankenkasse betont man, dass die Zahl der Kassenstellen in und um die Landeshauptstadt St. Pölten sehr wohl zugenommen habe. So gebe es heute 127 Ärzte mit Kassenverträgen – um neun mehr als vor zehn Jahren.

Die NÖGKK stehe aber zum Prinzip der Wahlfreiheit der Patienten. „Der Wahlarzt ist ein wesentlicher Bestandteil der ärztlichen Versorgung“, betont NÖGKK-Obmann Gerhard Hutter. 17 Millionen Euro seien im Vorjahr an Wahlarztrechnungen rückerstattet worden. „Würde die Refundierung abgeschafft, müssten alle Menschen zum Vertragsarzt gehen. Damit würden wir uns nichts ersparen – im Gegenteil“, führt Hutter aus Sicht der Krankenkassen aus.

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