Erstellt am 16. März 2016, 04:24

von Thomas Peischl

Keine Krankheit, kaum kriminell. In Michelhausen wurden Vorurteile widerlegt und Erfolgsbeispiele aus dem Bezirk und darüber hinaus zitiert.

Die Bürgermeister Rudi Friewald (Michelhausen), Peter Eisenschenk (Tulln) und Richard Hemmer (Bruck an der Leitha) sowie Theres Friewald-Hofbauer (Netzwerk Michelhausen), BHW-Geschäftsführer Hans Rupp, Christian Konrad (Flüchtlingskoordinator der Bundesregierung), NÖN-Chefredakteur Martin Gebhart, Landesrätin Barbara Schwarz, EU-Kommissar Johannes Hahn, BHW-Landesvorsitzender Karl Friewald, Generalsekretärin Angela Bergauer (Ring Österreichischer Bildungswerke), Direktor Josef Meisl (LFS Tulln) und der Geschäftsführer Martin Lammerhuber (Kultur.Region.Niederösterreich).  |  NOEN, Erich MARSCHIK

Eine Chance, sich aus kompetenter erster Hand über das Thema "Flucht und Integration" zu informieren, bot das Bildungs- und Heimatwerk in Michelhausen. Am Podium im Gemeindesaal moderierte NÖN-Chefredakteur Martin Gebhart eine Gesprächsrunde, der auch EU-Kommissar Johannes Hahn, der Flüchtlingskoordinator der Bundesregierung Christian Konrad und Landesrätin Barbara Schwarz angehörten.

„Österreich hat eine Tradition, ja die Fähigkeit mit Flüchtlingswellen umzugehen“, betonte Johannes Hahn. Das habe sich unter anderem 1956 bei der Revolution in Ungarn gezeigt: „Da sind wir mit 100.000en Flüchtlingen zurande gekommen.“ Natürlich handle es sich heute um eine „neue Qualität“, da mehrere Kulturen zusammenstoßen.

Auf den Einwurf von FPÖ-Gemeinderat Walter Högl (Michelhausen), dass in Österreich im Krieg auch nicht alle Menschen weggelaufen wären, konterte Hahn: „In der Regel wollen alle Menschen in ihrer Heimat bleiben.“ Er schilderte das erschütternde Beispiel einer Familie, die mit ansehen musste wie der Vater und andere Verwandte von Dschihadisten enthauptet wurden: „Und trotzdem wollen sie nach Syrien zurückkehren.“

2015 wurden in Österreich durch die Hilfe der Zivilbevölkerung 85.000 Menschen untergebracht und eine Riesentransitwelle ohne humanitäre Katastrophe bewältigt. Darauf wies Christian Konrad hin, aber: „Leider haben wir es nicht geschafft, sie sinnvoll in kleinen Einheiten unterzubringen. Das müssen wir noch auflösen.“ Konrad räumt mit Gerüchten auf: Die Menschen hätten keine Krankheiten eingeschleppt und die Kriminalität wäre auch nicht gestiegen, es gäbe nur einzelne Vorfälle.

Kleine Einheiten in Tulln bewähren sich

Dem schloss sich auch Bürgermeister Peter Eisenschenk an. In Tulln sind derzeit 150 Geflüchtete untergebracht, ein Drittel in privaten Quartieren, zwei Drittel in Containerquartieren. „Wir gehen einen anderen Weg, statt einem großen gibt es fünf kleine Standorte“, so Eisenschenk. Wichtig sei, dass Asylwerber nicht herumsitzen, das fördere Depressivität und Aggressivität. Darum gibt es in Tulln ein von Freiwilligen organisiertes Beschäftigungsprogramm.

Einen neuen Weg geht auch Josef Meisl, Direktor der landwirtschaftlichen Fachschule Tulln: In kleinem Rahmen werden Flüchtlingsschüler von etwa gleichaltrigen Mentoren betreut. „Und es ist eine Freude, zuzusehen – es funktioniert“, so Meisl.

Für Spannungspotenzial sorgt die Unterbringung von 50 jungen männlichen Asylwerbern in Mitterndorf (Katastrale von Michelhausen mit 100 Einwohnern). Flüchtlingskoordinator Konrad sagte zu, sich diesen Fall anzusehen.

„Wir haben die Verantwortung, das Problem mit Besonnenheit anzugehen. Niemand hat auf Anhieb die beste Lösung. Wer das behauptet, lügt.“ Landesrätin Barbara Schwarz

Theres Friewald-Hofbauer, Netzwerk Michelhausen, räumte ein: 50 Angehörige verschiedener Gruppen, deren Unterschiede auch den Konflikt in Syrien ausgelöst haben, auf engstem Raum in Acht-Bett-Zimmern zu betreuen, das sei nicht einfach. „Aber umso wichtiger ist Beschäftigung. Das ist auch eine Riesenchance für unsere Nachbargemeinden, unsere Gemeinde zu unterstützen.“

Auch Bürgermeister Rudi Friewald betonte, dass die Gemeinde das alles ohne Netzwerk Michelhausen nie bewältigt hätte und: „Jeder ist eingeladen, jeder hat die Chance mitzumachen.“