Erstellt am 28. April 2016, 05:44

von Gabi Gröbl

Tschernobyl - Alltag und Medizin 1986. Medizinisch barg diese Zeit eine gewisse Spannung. Kaliumiodid - Medikamente wurden schlagartig bekannt und gekauft.

Rudolf Rucziczka teilt in einem Minsker Krankenhaus Hilfsgüter aus. Die oft abenteuerlichen Lieferungen erfolgten mit LKW und PKW. Foto:  |  NOEN, zVg

Peter Lechner, ärztlicher Direktor des Landesklinikums Tulln, berichtet über eine Bevorratung mit Kaliumiodid-Medikamenten nach dem Atom-Unfall. Lechner: „Es hat kein radioaktiver Fallout stattgefunden, daher haben wird es, Gott sein Dank, nicht gebraucht.“ Panik hat es in der Bevölkerung keine gegeben: „Das Gesundheitsministerium hat damals gute Aufklärungsarbeit geleistet.“ Statistisch konnte kein Anstieg durch radioaktive Strahlung begründete Krankheiten nachgewiesen werden.

In den letzten zehn Jahren nahmen Schilddrüsenerkrankungen allgemein zu. Lechner: „Es mag sein, dass die Menschen sensibler sind. Ich weiß nicht, ob man das Tschernobyl anlasten kann. Radioaktivität bekommen wir auch aus Fukushima.“

Nach dem Nuklear-Unfall haben sich zahlreiche Hilfsorganisationen gegründet, die vor allem Kinder zur Erholung ins Tullnerfeld einluden. Eine davon war und ist der Verein „Humanitäre Hilfe für Minsk“. Eine Aktion der Tullner HAK brachte ein paar Jahre nach dem Unfall Kinder aus Minsk für einen Erholungsaufenthalt nach Österreich. Familie Rucziczka nahm einen jungen Mann bei sich auf.

"Die Tropfen haben auf der Haut gebrannt"

Rudolf Rucziczka erzählt: „Wir haben daraufhin Kliniken in Minsk besucht, das war eine Katastrophe. Die Menschen haben von einem eigenartigen Niederschlag erzählt, die Tropfen haben auf der Haut gebrannt. Sie wussten nicht, was passiert ist. Dabei ist Minsk noch halbwegs glimpflich davon gekommen.“

Ab 1992 beschäftigten ihn unzählige Hilfslieferungen, Informationsfahrten und die Organisation von Ferienwochen für betroffene Kinder und die Vereinsgründung im Jahr 1994. Sein Tipp für alle Atomkraft-Befürworter: „Alle Atomfanatiker sollen eine Woche in einer Kinderkrebsklinik Dienst machen.“

Das heutige Team des Vereins arbeitet immer noch im Sinne seiner Idee, unterstützt Hilfsprojekte und organisiert die Ferienwochen der minsker Kinder.

Alltag in Tulln lief  weiter wie zuvor

Im Jahr des Reaktorunfalls war Hermann Kramer Stadtamtsdirektor in Tulln. Er erinnert sich, dass in sämtlichen Sandkisten der Sand ausgetauscht wurde: „Wir haben über die Medien einiges gehört. Im Alltag ist nichts besonders anders gewesen als sonst.“

"Wir müssen weiter denken. Wir sind für unsere Kinder und Kindeskinder verantwortlich. " Hermann Dam, Obmann Bezirksbauernkammer

Hermann Dam: „Die Politik ist weltweit leichtsinnig, es gibt immer noch Atomkraftwerke. Vor allem in der Nähe unserer Landesgrenzen. Natürliche Energie, Wind, Wasser, nachwachsende Rohstoffe sollten verstärkt werden. Wir müssen weiter denken. Wir sind für unsere Kinder und Kindeskinder verantwortlich.“