Erstellt am 25. September 2015, 12:01

Arlt-Symposium: Inklusion als Ziel. Inklusion ist für die Soziale Arbeit zu einem Arbeitsprinzip geworden, das alle Lebensbereiche umfasst. Das Arlt-Symposium 2015 griff das Thema auf, setzte sich mit den Konsequenzen für die Organisation Sozialer Arbeit auseinander und ging auch auf Fragen zur aktuellen Flüchtlingssituation ein.

 |  NOEN, FH St. Pölten / Mario Ingerle

Anlässlich des 60. Geburtstags von Tom Schmid präsentierten Peter Pantucek-Eisenbacher, Monika Vyslouzil und Johannes Pflegerl eine Festschrift
 
„Die Entwicklung der letzten Monate löste bei vielen Menschen Ängste aus. Dem steht jedoch ein großes Potential an Menschlichkeit gegenüber, an freiwilligem Engagement für das Gemeinwohl“, nahm Peter Pantucek-Eisenbacher, Leiter des Departments Soziales der FH St. Pölten, in seinem Eröffnungsvortrag Stellung zur Flüchtlingsfrage.

„Die Soziale Arbeit kann viel dazu beitragen, ankommenden Menschen einen Platz in der Gesellschaft zu geben. Sie muss für einen Staat kämpfen, der alle Menschen schützt, die auf ihn angewiesen sind. Es werde eine der großen Aufgabe sein, dieses Potenzial zu organisieren und dauerhaft für die Gestaltung unserer Gesellschaft zu nutzen, so Pantucek-Eisenbacher.
 
„Das kann nur gelingen, wenn es auch neue Formen der Organisation und der Selbstorganisation gibt. Wir am Department Soziales der FH St. Pölten beschäftigen uns seit einiger Zeit mit Fragen der Partizipation und mit demokratischer Selbstorganisation. Daher verfolgen wir diese Entwicklung mit größter Aufmerksamkeit, wir lernen“, sagt Pantucek-Eisenbacher, der im vergangenen Jahr an einem EU-finanzierten Projekt der Deutschen Bundesarbeitsgemeinschaft psychosozialer Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer zur Ermittlung von Inklusions-Chancen von Flüchtlingen mitgearbeitet hat.

Zivilgesellschaft und Betroffene

Soziale Inklusion in der Definition des Ilse Arlt Instituts für soziale Inklusionsforschung der FH St. Pölten beschreibt die Möglichkeit des Nutzens und Mitgestaltens der gesellschaftlichen und sozialen Prozesse als Grundlage für eine selbstbestimmte Lebensführung. Wie dies gelingen kann und welche Konsequenzen das für die Soziale Arbeit hat, diskutierten vergangene Woche internationale ExpertInnen beim 5. Symposium des Ilse Arlt Instituts für Soziale Inklusionsforschung der FH St. Pölten.
 
Die Rolle sozialer Dienste zwischen Zivilgesellschaft und Betroffenen zeigte FH-Dozent Tom Schmid von der FH St. Pölten in seiner Keynote. Soziale Dienste sind laut Schmid die Träger sozialpolitischer Innovation und erbringen wesentliche Teile der öffentlichen Daseinsvorsorge. Sie werden in der Regel von Vereinen betrieben, die von zivilgesellschaftlich engagierten Personen geleitet werden, und stehen nicht im Eigentum der NutzerInnen dieser Dienstleistungen.
 
Diese zivilgesellschaftliche Daseinsvorsorge „für andere“ kommt Schmid zufolge in Konflikt mit den Forderungen nach Partizipation, Eigenverantwortung und Selbstbestimmung durch die Betroffenen. Eine mögliche Lösung des Dilemmas wäre, die Trägerschaft sozialer Dienste von zivilgesellschaftlichen Vereinen in das Eigentum der Betroffenen zu übertragen. Schmid präsentierte dafür notwendige Rahmenbedingungen und zu erwartende Effekte.

Inklusion und Selbstbestimmung

In der dritten Keynote zeigte Marion Sigot von der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, was Inklusion und Selbstbestimmung aus der Perspektive der NutzerInnen von Institutionen aus Sicht von Behinderten bedeutet.
 
Mit der Ratifizierung der UN-Konvention für Menschen mit Behinderungen im Jahr 2008 hat sich auch Österreich als Vertragsstaat zur Inklusion, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen in allen Lebensbereichen bekannt. Auch Institutionen im sozialpädagogischen Handlungsfeld verankern Inklusion und Selbstbestimmung in ihren Leitlinien bzw. beanspruchen zunehmend für sich, dies für ihre NutzerInnen umzusetzen.
 
In ihrem Beitrag thematisierte Sigot auf Basis von Ergebnissen aus einem partizipativen Forschungsprojekt mit Frauen mit Lernschwierigkeiten die Perspektiven der Nutzerinnen von Institutionen. Dabei werde deutlich, dass Lebenszusammenhänge, die aus der Außensicht durch weitgehende Selbstbestimmungsmöglichkeiten gekennzeichnet und inklusiv ausgerichtet sind, für betroffene Personen selbst im Alltag fremdbestimmende Elemente beinhalten können.

Posters, Workshops und Film zu Praxis und persönlicher Erfahrung

Am Nachmittag konnten die TeilnehmerInnen der Tagung ihre Erfahrungen zu verschiedenen Feldern der Sozialarbeit in Workshops austauschen. Themen waren Lehr-Lern-Wirkstatt, KlientInnenbetreuung, selbstbestimmtes Leben und politische Teilhabe, Inklusion in Kindergärten, Inclusions-Chart und soziale Genossenschaften.
 
Ein Workshop widmete sich den Erfahrungen von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Gezeigt wurde der Kinofilm „Wellentäler“, den Studierende der Studiengänge Medientechnik und Soziale Arbeit der FH St. Pölten produziert haben. Bei einer Postersession stellten Studierende des Studiengangs „Organisationsentwicklung und Inklusion“ der Hochschule Neubrandenburg ihre Arbeiten vor.
 
Eine abschließende Podiumsdiskussion widmete sich der Rolle von "Inklusiven Organisationen". DiskutantInnen waren Anna Durstberger (Caritas St. Pölten), Peter Pantucek-Eisenbacher (FH St. Pölten), Marion Sigot (Alpen-Adria-Universität Klagenfurt) sowie Steffi Kraehmer und Anke S. Kampmeier von der Hochschule Neubrandenburg.
 
Am Ende der Veranstaltung präsentierten Peter Pantucek-Eisenbacher, Monika Vyslouzil und Johannes Pflegerl die von Ihnen herausgegebene Festschrift zum 60. Geburtstag von Tom Schmid. Das Buch „Sozialpolitische Interventionen versammelt Beiträge zahlreicher WegbegleiterInnen Schmids, darunter Sozialminister Rudolf Hundstorfer, Erich Fenninger von der Volkshilfe Niederösterreich, Maria Anastasiadis (Karl-Franzens-Universität Graz), Gertraud Pantucek (FH Joanneum Graz, FH St. Pölten), Jana Mali (Universität Ljubljana), Bernhard Rupp (Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften Krems, AKNÖ).
 
Das diesjährige Arlt-Symposium war Teil der Summer School des Studiengangs „Organisationsentwicklung und Inklusion“ der Hochschule Neubrandenburg und entstand in Zusammenarbeit mit der FH St. Pölten. Die TeilnehmerInnen der Summer School setzten sich weitere zwei Tage mit der Praxis und der Rechtslage zum Thema in Österreich auseinander.