Erstellt am 20. Mai 2016, 10:04

von René Denk

Kinder büchsen aus Heimen aus. Eltern erheben schwere Vorwürfe. Bezirkshauptmann: „Absolutes Hauptaugenmerk liegt auf Kindeswohl!“

Die Familie Zeger kam in die NÖN-Redaktion und erhob schwere Vorwürfe. Im Bild: Die Eltern Josef und Claudia Zeger mit dem ausgerissenen Sohn David und dem zweijährigen Patrick.  |  NOEN, Foto: René Denk
Über Kindesmisshandlungen und ständiges Ausreißen aus den Kinderbetreuungseinrichtungen klagen die Eltern Josef und Claudia Zeger. Ihnen wurden vor etwas mehr als drei Jahren ihre beiden Söhne David (heute 13 Jahre) und Matthias (12 Jahre) vom Jugendamt entzogen, schon damals wandte sich die Familie an die NÖN.

Die Kinder wurden in die sozialpädagogische Wohngemeinschaft für Kinder und Jugendliche (KIWOGE) nach Mistelbach gebracht. Mittlerweile wurde Matthias in eine Kinderbetreuungseinrichtung der SOS Kinderdörfer nach Wien gebracht, weil er laut Josef Zeger wegen seines auffälligen Verhaltens in Mistelbach nicht mehr tragbar gewesen wäre. Die Unterbringung in Wien von Matthias wäre von den Eltern immer schon erwünscht gewesen, da Matthias an einer schweren Nervenkrankheit und dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom ADS leide.

„Ich will bei meinen Eltern
sein und nicht in Mistelbach.“
Sohn David Zeger.

Rund zwei Jahre wurde gegen das Jugendamt Prozess geführt, die Eltern gaben sich geschlagen, weil sie sich den Rechtsanwalt nicht mehr leisten konnten und sie nun auch die Gerichtskosten bezahlen müssen. Alleine in Waidhofen wären Gerichtskosten von rund 20.000 Euro angefallen. Der Vater bezieht eine Invaliditätspension, da er selbst an einer psychischen Erkrankung leide. Er war 25 Jahre in einer Sicherheitsfirma tätig.

Schon vor drei Jahren sagte Josef Zeger, dass er seine Krankheit im Griff hätte. „Seit einem Jahr brauche ich keine Tabletten mehr. Ich habe auch eine therapeutische Behandlung hinter mir. Ich fühle mich jetzt wieder ganz normal, es geht mir gut“, betont Zeger heute.

Mittlerweile wurde den Zegers ein 14-tägiges Besuchsrecht vom Jugendamt eingeräumt. Noch im Vorjahr berichteten die Kinder - Josef Zeger nahm dazu ein Ton-Interview mit David und Matthias auf und stellte es auf youtube - dass sie in der Betreuungseinrichtung grob gepackt wurden (auch ein Polizeigriff soll angewandt worden sein).

In der NÖN-Redaktion bestätigt der wieder frisch ausgerissene David das. Warum er ausreißt? „Ich will bei meinen Eltern sein und nicht in Mistelbach“, erklärt der 13-Jährige gegenüber der NÖN.

Viel zu schwere Schultasche

Die Ausrisse häufen sich, Josef und Claudia Zeger werden dann von ihren Söhnen angerufen und holen diese ab. Sie bringen die Kinder wieder in die Betreuungseinrichtungen zurück. Claudia Zeger zeigt an David eine komplett schiefe Wirbelsäule. „David bekommt eine viel zu schwere Schultasche auf den Rücken geschnallt. Sie hat zehn Kilo, er wiegt aber nur 40 Kilo. Er klagt auch schon über Rückenschmerzen. Das ist viel zu schwer für ihn, aber dort sagen sie, er muss alles einpacken, denn sonst vergisst er wieder was“, prangert Claudia Zeger an.

Derzeit hat das Jugendamt eine Teilobsorge für die beiden Kinder. Bezirkshauptmann Günter Stöger will im laufenden Verfahren nichts kommentieren. Aber: „Unser absolutes Hauptaugenmerk liegt beim Kindeswohl. Diskussionen in der Öffentlichkeit schaden unseres Erachtens den Kindern nur. Ihnen soll es so gut wie möglich gehen.“ Der nächste Schritt des Jugendamtes ist, dass wieder eine Kinder- und Jugendpsychologin eingeschalten wird.

Die Kinder sagten im Gerichtsprozess der Zegers gegen das Jugendamt auch aus, dass sie von Josef Zeger misshandelt wurden. „Ich bin ein strenger Vater, aber ich habe meine Kinder nie geschlagen“, sagt Zeger. Die Kinder behaupten nun, dass sie in Mistelbach Geld und andere Annehmlichkeiten für ihre Falschaussage bekommen hätten und sie körperlich nie vom Vater verletzt wurden.

Josef Zeger droht nun lange Freiheitsstrafe

Die Staatsanwaltschaft hat nun gegen den Vater Anklage wegen „fortgesetzter Gewaltausübung“ gegen beide Kinder erhoben, bestätigt Staatsanwalt Franz Hütter. Der Strafrahmen dafür sei im Vergleich zu anderen Delikten relativ hoch, Josef Zeger droht eine Freiheitsstrafe zwischen fünf und 15 Jahren.
In der KIWOGE Mistelbach soll laut den Zegers vor Kurzem ein umfassender Personalwechsel stattgefunden haben. Nun wäre das Betreuungspersonal weit besser aufgestellt.

Marion Praschberger, Geschäftsführerin des Sozialreferats Kolping Österreich, die auch die KIWOGE in Mistelbach betreibt, erklärt im NÖN-Gespräch, dass die Vorwürfe der Eltern nicht haltbar seien.
„Fakt ist, dass wir die Kinder genauso behandelt haben, wie alle anderen auch. Wir haben vor Ort eine Leiterin, die unsere Qualitätskriterien einhält. Es dauert lange, bis ein Kind fremduntergebracht wird. Sollte das Gericht entscheiden, dass die Kinder wieder heim dürfen, dann ist das super. Uns obliegt diese Entscheidung auch gar nicht. Damals herrschte wirklich Gefahr in Verzug“, sagt Praschberger.

Einen 13-Jährigen könne und wolle man nicht einsperren. Wenn das Kind ausbüchsen will, dann tue es das auch. Es sei aber auch ganz normal, dass die Kinder immer heim wollen, egal, ob es ihnen dort besser oder schlechter geht. Da sei es oft auch egal, ob sie geschlagen werden. Sie bestätigt, dass David zwei Mal ausgerissen ist.

Vater Zeger sei manipulativ und wirke auf seine Kinder ein. Das Thema der schweren Schultasche sagt Praschberger nichts, sie will dem aber schnellstens nachgehen. Was allerdings stimmt: „Eine Mitarbeiterin hat damals gesagt, dass sie von David angegriffen wurde. Sie hat ihn fixiert. Diese Mitarbeiterin arbeitet jetzt nicht mehr in der KIWOGE."

Die Eltern Josef und Claudia Zeger haben vier Kinder. Neben David und Matthias, die ihnen vom Jugendamt entzogen wurden, leben noch der sechsjährige Alexander und der zweijährige Patrick bei ihnen.