Erstellt am 24. Februar 2016, 05:29

von René Denk

Gyn-Debatte: Was ist Qualität?. Bürgerforum sammelte über 16.000 Unterschriften und hofft, dass die Politik den Willen der Region anerkennt.

16.114 Unterschriften übergaben Petra Kapinus, Bianca Mellan und Alexandra Weber symbolisch an den medizinischen Geschäftsführer der NÖ Landeskliniken-Holding Markus Klamminger.  |  NOEN, René Denk
Ein mit über 400 Menschen gefüllter Stadtsaal, harte Fronten und eine klare Botschaft der Waidhofner und Gmünder Region an die Landesregierung, die Landeskliniken Holding und Patientenanwalt Gerald Bachinger: Die Waidhofner Gynäkologie und Geburtshilfe soll weiterhin bestehen bleiben. So in wenigen Worten die Zusammenfassung der Podiumsdiskussion vom 19. Februar, zu dem das Bürgerforum für den Erhalt der Gynäkologie und Geburtshilfe einlud.



Die geladene Stimmung im Stadtsaal war von Beginn an spürbar. ÖVP-Landesrat Karl Wilfing, der medizinische Geschäftsführer der NÖ Landeskliniken-Holding Markus Klamminger, Niederösterreichs Patientenanwalt Gerald Bachinger und der Zwettler Gyn-Primarius Gerhard Wolfram stellten sich den Schließungsgegnern: dem ehemaligen Waidhofner Gyn-Primarius Johannes Burkl, dem Landtagsabgeordneten und Mediziner Herbert Machacek (Klub Frank), dem Gynäkologen Volker Korbei sowie Josef Baum (Verkehrsforum Waldviertel).

Politische Prominenz versammelte sich aber auch in den Reihen des Publikums: So waren auch SPÖ-Landesrat Maurice Androsch, Grüne-Landtagsklubobfrau Helga Krismer, FPÖ-Landtagsklubobmann Gottfried Waldhäusl sowie Bürgermeister Robert Altschach aus Waidhofen (ÖVP) oder Bürgermeister Gerald Matzinger (SPÖ) aus Groß Sieghars gekommen.

Standing Ovations für Ulrike Pecina

Die ehemalige Stationshebamme Ulrike Pecina warf in ihrer Eröffnungsrede die Frage auf, wie viele Babys in Zukunft in einem Krankenwagen wegen der langen Anfahrtszeiten in die Zwettler Gyn geboren werden. „Man sollte doch die Ängste und Sorgen der etwa 50.000 Wähler ernst nehmen“, appellierte sie an Wilfing und Bachinger, nicht diesen „Todesstoß“ zu unterzeichnen. Langer, heftiger Applaus und Standing Ovations waren die Folge.

Dann eröffnete Martin Hetzendorfer die Podiumsdiskussion, die sich vor allem mit medizinischer Qualität beschäftigte. So sollen Gyn-Abteilungen unter 300 Geburten an Qualität verlieren. Klamminger betonte, dass 95 Prozent der Waldviertler auch ohne der Waidhofner Gyn innerhalb von 45 Minuten die nächste Geburtshilfe-Abteilung erreichen würden. Landesrat Wilfing erörterte, dass man diese Entscheidung getroffen habe, um die Krankenhaus-Standorte auch langfristig absichern zu können. Dazu müsse man Schwerpunkte setzen.

Bachinger meinte, dass man unter Berücksichtigung aller Argumente die richtige Entscheidung treffe.
Machacek konterte, dass zwei Mediziner im Landtag vertreten seien, die nicht ohne Grund gegen den Beschluss gestimmt hätten. „Ich bin der Einzige neben dem Moderator, der hier keinerlei Interesse in irgendeine Richtung hat“, meinte Korbei.

„Die Schließung der Gynäkologie ist eindeutig ein Rückschritt. Die Empirie zeigt, dass die sicherste Geburtshilfe dann gegeben ist, wenn Schwerpunkt- und Peripheriespital gut zusammenarbeiten“, so Korbei. Altschach betonte, was auch vom Publikum immer wieder laut wurde: „Erstens: Für mich gehört die Gyn zur ärztlichen Grundversorgung. Und zweitens: Die Entfernungen sind einfach zu weit!“ Die Entfernung müsse man bei der Erhebung von Qualität auch berücksichtigen.

Gast wollte Bekenntnis mit Augenkontakt

Josef Baum verwies auf sein 17-seitiges Memorandum, und auf rund 50 wissenschaftliche Studien, die dem Anliegen der Region Recht geben würden. Er verglich die Auflassung der Station mit einem Dammbruch für die Region. Ähnliche Bedenken hatte auch Waldviertel-Akademie Obmann Ernst Wurz, der die Abwärtsspirale der Region damit drastisch beschleunigt sieht.

„I bin da Michel“, meldete sich ein junger Mann aus dem Publikum, ging nach vor, stellte sich vor den Landesrat und meinte: „Ich will sie nur bitten, mir in die Augen zu schauen und zu sagen, dass sie diese Entscheidung reinen Gewissens treffen. Wenn sie das tun, gehe ich sofort und sie hören von mir keine Widerworte mehr!“ Nach kurzer Stille griff Moderator Hetzendorfer ein. „Ich glaube nicht, dass es in Ordnung ist, jemanden etwas aufzuzwingen“, sagt er, worauf der Mann die Bühne wieder verließ.

Am Schluss konnte das Bürgerforum mit Petra Kapinus an der Spitze die mittlerweile über 16.000 Unterschriften symbolisch übergeben. Sie hofft weiterhin auf ein Gespräch mit Landeshauptmann Erwin Pröll. Sie will weiterkämpfen: „Über 16.000 Unterschriften sollten doch Gehör finden!“


Starke Wortmeldungen

„Meine Tochter hatte eine Plazenta-Ablösung und dadurch starke Blutungen. In Waidhofen konnte in nur 25 Minuten ein Kaiserschnitt gemacht werden. Hätte man sie nach Zwettl bringen müssen, hätten beide keine Chance gehabt.“
Die ehemalige Waidhofner Stationshebamme Ulrike Pecina.

„Wenn ich ein Spital ökonomisch führen will, ist das ungefähr so, wie wenn ich die Feuerwehr nach Auslastung führen will. Was glauben sie, was ihnen die FF-Männer sagen würden, wenn sie sagen: Burschen, es hat jetzt fünf Jahre nicht gebrannt, wir schaffen euch ab!“
Gynäkologe Volker Korbei.

„Wir wollen Qualität sichern, Schwerpunkte setzen, Regionen stärken. Wenn ich von Regionen spreche, dann meine ich Waldviertel, Weinviertel, usw. Wir wollen breite Versorgung garantieren, aber auch Spitzenmedizin ermöglichen.“
ÖVP-Landesrat Karl Wilfing.

„Eine Gynäkologie kann man nicht mit anderen Abteilungen vergleichen. Wenn derart viele Menschen dagegen sind, dann muss die Politik sagen: Das wollen’s nicht, dann kriegen‘s es nicht! Ich bin selten mit Waldhäusl einer Meinung, aber hier gehen wir d’accord.“
Grüne-Klubobfrau Helga Krismer.

„Es gibt sicher einen finanziellen Grund, da eine Geburtshilfestation relativ teuer ist. Ich weigere mich gegen ein System, wo es heißt: Es ist vielleicht sicherer, wir machen gleich einen Kaiserschnitt, bevor sie noch einige Male die weite Strecke hin- und herfahren müssen!“
Der ehemalige Waidhofner Gyn-Primarius Johannes Burkl.

„Der Kunde sagt, was Qualität ist!“
Wortmeldung aus dem Publikum.

„Normalerweise wird den Politikern der Vorwurf gemacht, dass sie erst im Nachhinein handeln. Ich bin sehr froh, dass hier vorbeugend gehandelt wird.“
Patientenanwalt Bachinger zur Frage, ob und wie viele Fälle es gegeben hat, wo die medizinische Qualität der Gyn nicht in Ordnung war.