Erstellt am 03. Mai 2016, 08:31

von Josef Kleinrath

Bub (9) musste heim ins Kriegsgebiet. Fremdenpolizei holte geflüchtete Familie mit Kind ab und setzte es in ein Flugzeug nach Armenien.

Narek (2.v.l.) war auch im Mike-Cup-Team der VS Pestalozzi gut integriert.  |  NOEN, NÖN

Das traf Schüler wie Lehrer in der Volksschule Pestalozzi wie ein Keulenschlag. Narek Harutyunyan wurde vorige Woche frühmorgens von der Fremdenpolizei samt seiner Familie zu Hause abgeholt und nach Armenien abgeschoben.

War am Wochenbeginn für den jungen Burschen, der sich so gut in Wiener Neustadt eingelebt und integriert hat, noch alles eitel Wonne, ist er am Donnerstag mit seiner Familie in einem „Frontex“-Flieger zurück nach Armenien gesessen.

Offenbar war eine größere Abschiebung von armenischen Staatsbürgern, deren Asylverfahren rechtskräftig negativ beschieden ist, durchgezogen worden.

Alle völlig überrascht gewesen

Verstehen kann das kaum jemand. „Das Kind wird in der Früh aus dem Bett geholt und darf nicht einmal mehr seine Schulsachen holen, nach 15 Minuten werden alle weggebracht“, kann eine Lehrerin die Vorgangsweise überhaupt nicht verstehen.

Und auch beim Fußballverein HW herrscht verständnisloses Kopfschütteln. „Wir sind von der Abschiebung völlig überrascht gewesen“, ist eine Funktionärin betroffen, „wir wussten, dass ein Asylverfahren läuft, aber nicht, dass die Familie vor der Abschiebung steht.“

Dabei wären gerade Narek und seine Familie „ein Paradebeispiel für gelungene Integration“, so die Trainerin: „Narek spricht perfekt Deutsch, war bei jedem Training und hat deshalb am Donnerstag allen gefehlt.

Der Vater war immer engagiert dabei, die Mutter hat uns bei allen Veranstaltungen einen Kuchen gebracht.“

Musterbeispiel für gelungene Integration

Der Junge, der seit rund fünf Jahren in Wiener Neustadt ist, hat sogar so gut Deutsch gesprochen, dass er in der bilingualen Volksschule Pestalozzi neben Englisch sogar am Freigegenstand Italienisch teilgenommen hat – zuletzt am Montag voriger Woche.

Seitens des Innenministeriums erklärt Sprecher Karl-Heinz Grundböck: Über Individualfälle gebe es aus Datenschutzgründen keine konkreten Informationen.

Generell sei man bemüht, Asylverfahren rasch abzuwickeln. Manchmal dauere das wegen der Einzelfallprüfung und der Instanzenzüge auch länger.

Er versicherte, dass auch in diesem Fall versucht worden sei, alle Möglichkeiten, wie etwa eine freiwillige Rückkehr, in Erwägung zu ziehen. „Erst wenn das nicht in Anspruch genommen wird, kommt es zu einer zwangsweisen Abschiebung“, erklärt Grundböck.

Erörtert sei vom Bundesverwaltungsgericht in jedem auch der Grad der Integration der betreffenden Familie worden. Und wie in jedem Fall sei auch hier überprüft worden, ob eine Rückführung in das betreffende Land eine Gefahr für die Personen bedeutet.