Erstellt am 01. März 2016, 18:49

von Josef Kleinrath

Ex-Stadtchefin Dierdorf rechnete bei Feier ab. Es war eine sehr stimmungsvolle Feier, im Rahmen derer Ex-Stadtchefin austeilte und viel Herz zeigte.

Frisch von der Leber weg machte Dierdorf aus ihrem Herzen keine Mördergrube: Sie rechnete mit ihren Gegnern ab, vor allem aus dem eigenen Lager - und endete sehr persönlich.  |  NOEN, Foto: Franz Baldauf
Am vorigen Montag, nach Redaktionsschluss der vorwöchigen NÖN-Ausgabe, erhielt Traude Dierdorf die Ehrenbürgerschaftsurkunde von ÖVP-Bürgermeister Klaus Schneeberger überreicht. Die Laudatio auf Dierdorf von Schneeberger war mit Bedacht vorbereitet, jedes Wort war sorgsam gewählt – die NÖN berichtete. Nach Redaktionsschluss kam erst Dierdorfs Dankesrede. Und was kam, war zwar nicht zu erwarten. Aber wer Traude Dierdorf kennt, wusste, dass damit zu rechnen war.

Denn die einstige SPÖ-Stadtchefin war am Rednerpult authentischer denn je. „25 Jahre Kommunalpolitik hat mir sehr viele Freunde gebracht und hat mir sehr viel Freude gemacht“, erinnerte sie sich gerne an die Zeit zurück. Und sie betonte: „Ich bin nicht durch Ellbogentaktik in alle Funktionen gekommen sondern vor allem durch Fleiß.“ Bei vielen Abstimmungen habe sie die Nase vorne gehabt, „bei jeder Wahl konnte ich Zuwächse holen“.

"Habe keine Angst vorm schwarzen Mann gehabt“

Besonders gerne erinnere sie sich an eine Wahl zurück, wo zwei Konkurrenten gegen sie angetreten sind: „Ich habe doppelt so viele Stimmen gehabt als sie.“ Erfolge bei Gemeinderatswahlen seien besonders schön gewesen. Etwa 2000, als sie ihren Gegenkandidaten Klaus Schneeberger in die Schranken verwies. „Du bist als schwarzer Mann in der Rüstung angetreten“, rührte sie in mittlerweile gut verheilten Wunden jenes Mannes, der ihr gerade – nun als Bürgermeister – die Ehrenbürgerschaft der Stadt überreicht hatte, „aber ich habe keine Angst vorm schwarzen Mann gehabt.“

2005 habe wunderbar begonnen. Ein schöner Wahlkampf, ein wunderbares Ergebnis: „Davon können heute viele nur mehr träumen.“ Aber nach der Wahl habe sie gespürt: „Da ist was nicht in Ordnung, da gibt es Intrigen.“ Da seien Menschen am Werk, die es nicht gut meinten: „Da ging meine Gesundheit den Berg hinunter, ich spürte, dass da was im Busch war.“ Belastend nicht nur deshalb, weil bei ihr schon einmal Krebs diagnostiziert worden sei.

Dann stellte sie klar: „Mittlerweile weiß ich ja, wer aller dabei war. Irgendwo erfährt man später ja immer alles.“ Es sei wie bei einem Schachbrett gewesen: „Ich war die erste, die fallen musste.“ Und sie gestand ein: „Wenn mir jemand so etwas antut, dann kann ich nicht mehr freundlich sein. Ich kann verzeihen, aber nicht vergessen.“ Und sie erzählte auch freimütig und ehrlich, dass es ihr gar nicht gut nach dem Abschied gegangen sei: „Von 1.000 auf 0, man wird nicht mehr beachtet.“

„2015 war kein gutes Jahr für mich!“

Und sie erinnert sich an ihre Nachfolger in ihrer Partei: „Sie haben sich mit 26 Mandaten von mir austoben können. Aber sie haben sie nicht halten können.“ Die Zeit sei eine Berg- und Talfahrt für sie gewesen. Höhen seien etwa die Ehrung von Landeshauptmann Erwin Pröll gewesen, oder die Benennung des Stadtheims nach ihr. Aber dass viele Errungenschaften aus ihrer Zeit weg sind, „das tut schon sehr weh“. Wie ihr überhaupt das Jahr 2015 kein Gutes gewesen sei. „Politisch, denn als Sozialdemokratin kann man damit keine Freude haben“, spricht sie die Wende in der Stadt an, dazu der Verkauf des Stadtheimes, wobei sie einschränkte: „Das schaut jetzt schon ein bisserl besser aus, als es am Anfang kolportiert wurde.“

Und dann kam diese so persönliche, so einfühlsame und auch starke Traude Dierdorf zum Vorschein: „Ende Juli erhielt ich wieder die Diagnose: Krebs. Ich hatte einen Tumor im Fuß. Zum Glück habe ich einen wunderbaren Schwiegersohn, den Dr. Schmid, und ich habe den wunderbaren Primar Weidinger, der die Therapie geplant hat. Morgen sehen wir uns ja wieder.“

"Mein Schwiegersohn hat immer
gesagt: Du schaffst das“

Und sie erzählte von der Strahlentherapie, von der 20. Chemotherapie am Tag nach der Ehrung, dass nur mehr vier fehlen würden. „Mein Schwiegersohn hat immer gesagt: Du schaffst das.“

Daran schloss sie ihren persönlichen Dank, an die Familie, an die Ärzte, an die Schwestern auf ihrer Station, an die Mitarbeiter: „Es war ja auch nicht immer leicht mit mir.“ Und auch Wünsche hatte die Ehrenbürgerin zur Hand: „Ich wünsche mir, dass es wieder mehr menschelt in der Stadt. Dass die Stadt wieder liebens- und lebenswerter wird. Sie hat ja sehr gelitten in den letzten Jahren.“

Und sie hoffe, dass sie sich wieder mehr einbringen könne: „Bisher war es immer so, dass wieder etwas gekommen ist, wenn ich dachte, es geht wieder. Ich hoffe, dass ich mich endlich ganz auskurieren kann.“ Danach bedankte sich Dierdorf bei Schneeberger für die Ausrichtung der Feier, beim Gemeinderat für die Einstimmigkeit des Beschlusses und schloss: „Ich wünsche der Stadt alles erdenklich Gute.“ Und erhielt für die Abrechnung mit Herz Standing Ovations.