Erstellt am 19. April 2016, 00:14

von Carina Pürer

In Wiener Neustadt auf den Spuren der Vorfahren. Auf der Suche nach ihren Wurzeln setzte sich eine junge Britin mit dem Neustädter Historiker Werner Sulzgruber in Verbindung – mit Erfolg.

Die Greismanns und Dr. Sulzgruber.  |  NOEN, Pürer
Immer wieder einmal besuchen Nachkommen jüdischer Familien Wiener Neustadt, um jene Orte aufzusuchen, in denen ihre Vorfahren gelebt haben. Der Wiener Neustädter Historiker Werner Sulzgruber führt diese stets gerne durch die Stadt – so wie vor Kurzem die Nachkommen der jüdischen Familie Greismann.

Gerade einmal Ende Jänner erfährt eine junge Britin nach dem Tod ihrer Großmutter davon, dass diese in Niederösterreich aufgewachsen ist. Sie wird neugierig und stellt Nachforschungen zu einer ihr bislang unbekannten Stadt an. Von der Kultusgemeinde Wien wird ihr Sulzgrubers Name genannt. Sie setzt sich mit ihm in Verbindung – und steht nur wenige Wochen später gemeinsam mit ihrem Vater dort, wo ihre Vorfahren gelebt haben.

Die Greismanns sind die Nachkommen der sechsköpfigen, jüdischen Familie Greismann, die an verschiedenen Orten in Wiener Neustadt gewohnt haben – etwa in der Haidbrunngasse, der Pognergasse (damals noch im Bereich der Grazer Straße bestehend) und zuletzt in der Haggenmüllergasse. „Die Mobilität war damals eine ganz andere“, erklärt Sulzgruber, der die Greismanns an ebendiese Orte führte. „Ein wichtiges persönliches Erlebnis und eine emotionale, aber auch wissensreiche Erfahrung mit Antworten auf die Frage: Woher komme ich eigentlich?“, sagt Sulzgruber über das Treffen.

Zur Geschichte:

Zur jüdischen Familie Greismann zählten Vater Moritz Moses (*1885), seine Gattin Charlotte Sari (*1891) sowie die vier Kinder Berta Beila (*1912), Malvine Maler (*1913), Melinda Mimmi (*1917) und Lajos Lazar (*1919). Moritz Greismann hatte in seiner Heimat Polen eine berufliche Ausbildung im landwirtschaftlichen Bereich und der Weinproduktion erhalten.

Offenbar versuchte die Familie während des Ersten Weltkriegs,  in Ungarn eine Zukunft zu finden. 1921 kam Moritz mit seiner Familie vom ungarischen Szombathely (Steinamanger) nach Wiener Neustadt. Die Familie fand vorerst beim jüdischen Porzellanhändler Gewing in der Pognergasse 26 Quartier. Im Jänner 1922 zogen alle Familienmitglieder in die Petersgasse 2,  und nur rund ein halbes Jahr später, im August, in die Haidbrunngasse 4 um. Dort war der regional bekannte Großkaufmann Alois Koppel Unterstandsgeber. Moritz Greismann, selbst ein frommer Mann, war vermutlich für den streng orthodoxen Großkaufmann Koppel tätig.

1925 fand die Familie ein neues und dauerhaftes Zuhause: die Haggenmüllergasse 23. Man wohnte im ersten Stock des Gebäudes in Miete beim jüdischen Händler Max Tannenblatt. Mit viel beruflichem Fleiß konnte sich Moritz in den 1920er Jahren als Weinhändler beruflich selbstständig machen. In den 1930er-Jahren verdiente er dann den Lebensunterhalt nicht nur mit dem Handel mit Wein, sondern auch mit seiner Textilwarenratenhandlung.
 
Zurzeit des "Anschlusses" 1938 lebten Vater Moritz, Mutter Charlotte und die beiden Kinder Melinda und Lajos im gemeinsamen Haushalt. Die älteste Tochter Berta war bereits in Mattersburg verheiratet gewesen,  und Malvine, die Zweitälteste, lebte mit ihrem Ehemann in Wien.

Sohn Lajos musste das Staatsgymnasium am Babenbergerring in Wiener Neustadt im April 1938 verlassen und erhielt ein sogenanntes "Abgangszeugnis". Die Textilwarenratenhandlung der Greismanns in der Haggenmüllergasse wurde geschlossen und "arisiert".

Moritz wollte zwar mit seiner Familie ausreisen, aber wenn dies nicht möglich sein sollte, dann sollten wenigsten seine Kinder außer Landes kommen: über Italien per Schiff nach Palästina. Sohn Lajos konnte im Juni 1938 tatsächlich eine Chance nützen, nach Italien auszureisen. Vielleicht wurde der damals 18-Jährige, unterstützt von jüdischen Organisationen, nach Palästina vorausgeschickt.

Die in der "Ostmark" verbliebenen Familienmitglieder konnten nicht alle nachfolgen, sondern Großbritannien wurde zu einer weiteren Option, der Shoah zu entkommen. Letztlich vermochten Charlotte Greismann und alle vier Kinder nach Großbritannien oder Palästina zu fliehen. Nur Vater Moritz gelangte nicht ins lebensrettende Exil.