Erstellt am 24. November 2015, 04:48

von Doris Schleifer-Höderl

Barrierefreie Praxen: „Schikanen sind da vorprogrammiert“. Ärzte haben durchaus guten Willen, sehen aber gerade bei Altbauten unüberwindbare Hürden auftauchen.

Bezirksärztevertreter Christian Eglseer wird künftig barrierefrei. Die Stadtgemeinde hat sich bereit erklärt, durch die Erhöhung des Gehsteigs einen barrierefreien Zugang zu seiner Ordination zu schaffen. Foto: Schlemmer  |  NOEN, Daniela Schlemmer
Mit 1. Jänner 2016 sollen Arztpraxen barrierefrei sein. Dagegen haben die Mediziner im Bezirk – es gibt hier 103 Kassen- und 84 Wahlarztpraxen – grundsätzlich nichts einzuwenden. Allerdings tun sich vor allem bei alten Gebäuden doch große Hürden auf.

Flut von Auflagen erschwert Praxisgründung

„Ich bin seit 27 Jahren selbstständig und habe meine Ordination im 1. Stock eines Altbaus, wo es keine Chance für Adaptierungsarbeiten gibt, weil es die Bausubstanz nicht ermöglicht. Meine neun Assistentinnen und ich waren Patienten mit Handicap, die ohne Begleitperson kamen, schon in der Vergangenheit dabei behilflich, zu uns zu gelangen und wir werden es auch in Hinkunft sein“, sagt Zahnarzt Christian Reisinger aus Amstetten.

Fakt sei, dass diese Flut von Auflagen und Verordnungen vielen jungen Kollegen eine Praxisgründung noch zusätzlich erschwerten.

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Der Bezirksvertreter der Ärzte für Allgemeinmedizin, Rudolf Heschl aus Oed, hat gerade seine Ordination baulich erweitert, weil er eine Gemeinschaftspraxis mit seiner Tochter führt.

„Theoretisch klingt das alles ja gut und auch vernünftig. Aber da haben sich wieder einmal einige Schreibtischtäter etwas einfallen lassen, was in der Praxis nicht durchführbar und völlig weltfremd ist. Ich kann doch nicht kreuz und quer in der Ordination Handläufe für Sehbehinderte montieren oder um Unsummen ein absenkbares Pult für die Sprechstundenhilfe fertigen lassen, wegen vielleicht zwei oder drei Patienten, die im Rollstuhl kommen“, betont Heschl.

Bis dato habe es doch auch funktioniert sie angemessen zu betreuen, warum solle es dann nicht auch in Zukunft gehen?

Mit den Honoraren, die die Ärzte zurzeit stellen könnten, seien diese modischen Einrichtungsträume nicht erfüllbar. „Da darf man sich nicht wundern, wenn wir bald keinen Ärztenachwuchs mehr haben. Das tut sich doch kein Mensch an, abgesehen davon, dass er es sich gar nicht leisten kann!“, sagt Heschl erbost.

„Mehraufwand in Altbauten enorm“

Für Alexander David Lindemeier, Lungenfacharzt mit Ordinationen in Waidhofen an der Ybbs und St. Valentin, ist Barrierefreiheit zwar unumstritten, aber auch er sieht in der Praxis Probleme. „Bei Neubauprojekten lässt sich das ohne großen Mehraufwand umsetzen. Die nachträgliche Adaptierung von alten Immobilien gestaltet sich hingegen vielfach schwieriger und verursacht oft exorbitante Kosten, auf denen der Arzt letztlich sitzen bleibt.“

Zudem könne es ja durchaus sein, dass der Vermieter mit einer erheblichen Veränderung seines Gebäudes gar nicht einverstanden sei. Lindemeier ist vor allem die Zumutbarkeitsregelung im Gesetz viel zu schwammig formuliert. „Wer entscheidet denn bitte, auf Basis welcher Kriterien was für welchen Arzt zumutbar ist? Hier gehört der Ermessensspielraum der Behörden klar definiert, sonst sind Ungleichbehandlung, Schikane und Willkür vorprogrammiert.“

Er selbst habe, so Lindemeier, bei seinen beiden Ordinationen auf größtmögliche Barrierefreiheit Wert gelegt und aufwendige Adaptierungen vorgenommen. „Es ist aber unmöglich, in einem Altbau dieselbe Barrierfreiheit zu erreichen wie in einem Neubau.“

Für Bezirksärztevertreter Christian Eglseer aus Amstetten ist Barrierefreiheit eigentlich eine Selbverständlichkeit. Amstetten sei in dieser Beziehung aber durch den ehemaligen Bezirksrichter Karl Aigner, der selbst auf einen Rollstuhl angewiesen war, schon vor Jahrzehnten entsprechend sensibilisiert worden. „Auch ich habe in meiner Ordination 2001 bei einem Umbau alle technisch möglichen Barrierefreiheiten geschaffen. In Zukunft wird meine Praxis auch von der Straße aus stufenlos begehbar sein“, sagt Eglseer.

Haltet ihr ein Gesetz für notwendig? Sagt uns Eure Meinung und stimmt bei unserer Umfrage ab:


Das Gesetz:

  • Da ab 1. Jänner des kommenden Jahres alle Waren, Dienstleistungen und Informationen, die für die Öffentlichkeit bestimmt sind, barrierefrei erreichbar sein müssen, müssen auch Arztpraxen umgebaut beziehungsweise diesbezüglich adaptiert werden.

  • Bei der Adaptierung der Räumlichkeiten gilt in allen Gebäuden die sogenannte Zumutbarkeitsregelung. Diese berücksichtigt den Aufwand und die Kosten des Umbaus sowie die Finanzkraft. Selbst wenn völlige Barrierefreiheit nicht zumutbar ist, bleibt die Vorgabe, zumindest größtmögliche Barrierefreiheit herzustellen.

  • So muss in den Arztpraxen unter anderem das Pult für die Sprechstundenhilfe so absenkbar sein, dass Rollstuhlfahrer auf Augenhöhe mit ihr sprechen können. Zudem sind in der Ordination Handläufe zu installieren, die Sehbehinderten den Weg weisen, so die Ärztekammer Niederösterreich.