Erstellt am 29. September 2015, 06:57

von Andreas Kössl

"Demokratie erkämpfen". Klaus Werner-Lobo plädierte bei "Wirtschaft 2050- Mission. Zukunft. Denken"; im Kristallsaal für einen kreativen Widerstand gegen das Wirtschaftsregime.

Vortragender Klaus Werner-Lobo (Mitte) mit den Organisatoren von »Wirtschaft 2050« Jürgen Tatzreiter und Anton Pichler.  |  NOEN, Andreas Kössl

500 internationale Konzerne nahmen die Journalisten Klaus Werner-Lobo und Hans Weiss 2001 für ihr „Schwarzbuch Markenfirmen“ unter die Lupe, um aufzuzeigen, dass deren Geschäftserfolge auf Ausbeutung beruhen. Vor über 200 interessierten Besuchern gab Werner-Lobo am Montag vergangener Woche im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Wirtschaft 2050 – Mission. Zukunft. Denken“ Einblicke in die Recherchearbeit daran.

So berichtete der nunmehrige Grün-Politiker etwa davon, wie es gelang nachzuweisen, dass der deutsche Bayer-Konzern mit dem Krieg im Kongo einen der größten Kriege seit dem zweiten Weltkrieg finanzierte. „Der Kongo ist eines der reichsten Länder der Welt, und dennoch sind 80 Prozent der Bevölkerung von Hunger bedroht“, so Werner-Lobo. Der Reichtum des Landes beruht auf großen Vorkommen des Metalls Tantal, welches für die Handyproduktion von zentraler Bedeutung ist.

Durch den Handyboom der Jahrtausendwende hat sich der Wert des Metalls verzehnfacht. Im Handel mit Tantal habe die UNO die Ursache für den Krieg im Kongo festgemacht, so Werner-Lobo. Indem er sich selbst als korrupter Rohstoffhändler ausgab und in den Kongo reiste, wies der Journalist nach, dass mit der Firma H.C. Starck eine 100-prozentige Tochter von Bayer der wichtigste Händler des begehrten Rohstoffs ist. Der deutsche Megakonzern bestritt das anfangs, musste sich schließlich aber doch der Macht des Faktischen beugen. Mittlerweile hat sich Bayer von H.C. Starck getrennt.

In weitere Folge machte Werner-Lobo im Kristallsaal wirtschaftspolitische Zusammenhänge durch pointierte Analogien verständlich. Geld arbeite nicht, wie das von den Banken suggeriert werde, so der Vortragende, sondern damit sich Geld vermehre, müssten andere Leute arbeiten. Der Reichtum Weniger fuße auf der Ausbeutung der Armen. Dabei kann im Grunde jedes Land die eigene Bevölkerung ernähren“, so Werner-Lobo und plädierte für eine Demokratisierung der Gesellschaft. „Wir müssen aufstehen und uns jeden Tag die Demokratie wieder aufs Neue erkämpfen.“

Gelingen könne dies aber nur im Verbund, so Werner-Lobo und verwies dabei auf die angesichts der derzeitigen Flüchtlingskrise herrschende Welle der Solitarität unter der österreichischen Zivilbevölkerung. Auch er sei mittlerweile zum „Schlepper“ geworden, indem er eine Flüchtlingsfamilie mit dem Auto aus Ungarn über die Grenze geholt habe. „Es macht glücklich zu helfen“, so Werner-Lobo und regte an, mit den Flüchtlingen in Kontakt zu treten, um sich selbst ein Bild zu machen und nicht auf Medienberichte angewiesen zu sein. „Dabei wird man feststellen, dass das Menschen wie wir sind, mit Hoffnungen, Träumen und Ängsten, die eine Perspektive haben wollen.“

Müssen noch an Demokratie basteln

In der an den Vortrag anschließenden Fragerunde ging es dann vom Freihandelsabkommen TTIP über die Sinnhaftigkeit des EU-Beitritts bis zur Demokratisierung der internationalen Finanzmärkte. All diese Wortmeldungen parierte Werner-Lobo schlagfertig. So stellte er den Wunsch eines Zuhörers, das westliche Wertesystem zu exportieren, mit den Worten „wir müssen noch ein bisschen an unserer Demokratie basteln, damit wir sie exportieren können“ in Frage. Des weiteren sprach sich Werner-Lobo für ein Ausländer-Wahlrecht aus. Auf den Einwand, dass dann auch türkische Erdogan-Anhänger in Österreich wählen gehen dürften, meinte er im Hinblick auf die große FPÖ-Anhängerschar: „Es gibt immer Depperte und weniger Depperte, das ist keine Frage des Reisepasses.“


Das weitere Programm 2015

Montag, 5. Oktober, 19 Uhr

Franz Fischler: „Die Rolle der krisengeschüttelten EU im Global Village“

Ort: Kristallsaal des Rothschildschlosses, im Anschluss Gedankenaustausch beim Buffet. Eintritt frei. Anmeldung unter www.wirtschaft2050.at wird erbeten.