Erstellt am 14. Oktober 2015, 04:42

von Christa Hochpöchler

„EU ist nur ein Dorf“. Franz Fischler, Präsident des Europäischen Forums Alpbach, war Gast in der Vortragsreihe „Wirtschaft 2050“.

Franz Fischler verstand es, das Publikum mit seinen Ansichten zu fesseln, auch bei der Diskussionsrunde kamen zahlreiche Besucher zu Wort und stellten interessante und gut überlegte Fragen.  |  NOEN, Foto: Christa Hochpöchler

Um die Rolle der krisengeschüttelten EU im „Global Village“ ging es beim Abschluss der diesjährigen Vortragsreihe „Wirtschaft 2050: Mission.Zukunft.Denken“. Auf Einladung des Projektteams, bestehend aus Jürgen Tatzreiter, Jakob Stockinger, Raphael Kößl und Anton Pichler, war Franz Fischler im Waidhofner Kristallsaal zu Gast. Franz Fischler war österreichischer Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft, später EU-Kommissar für Landwirtschaft. Als ehemaliger Präsident des Ökosozialen Forums war er einer der wichtigsten Unterstützer der Global-Marshall-Plan-Initiative. Zurzeit ist Franz Fischler Präsident des Europäischen Forums Alpbach.

Für den Zustand unseres Planeten fand Fischler gleich zu Beginn aufrüttelnde Worte: „Das Global Village droht unbewohnbar zu werden. Wir leben so, als ob wir die letzte Generation auf der Erde wären. Bereits jetzt würden wir schon 1,5 Planeten brauchen. Doch wie kommen wir zurück zu einer Welt im Gleichgewicht?“
Große Hoffnung setzt Fischler in die „Agenda 2030“.

56 % Verluste in der Lebensmittelkette

Mit 17 Zielen zu Mangelernährung, Klimawandel, Wasserknappheit, Armut etc. würden die Vereinten Nationen versuchen, unsere Welt gerechter und nachhaltiger machen. „Die Herausforderung ist, die passenden Werkzeuge und wirtschaftliche Konzepte zu finden sowie politische Entscheidungen herbeizuführen. Wir müssen kreativ sein, in die Wissenschaft investieren und uns selbst ändern. Mülltrennen alleine ist zu wenig!“ Fischler kritisierte damit auch das Konsumverhalten der Österreicher.

Vieles sei auch eine Frage der schlechten Verteilung. Es gibt 56 % Verluste in der Lebensmittelkette. Schon bei der Ernte gingen viele Produkte verloren, schlechte Lagerung und Schädlinge würden den Ertrag mindern. In Wien würden mehr Lebensmittel weggeworfen als Graz und Linz gemeinsam essen.

In den Supermärkten würden die Waren oft schon eine Woche vor dem Erreichen des Ablaufdatums entsorgt. „Hier gibt es Handlungsbedarf. Außerdem ist die Anzahl der Übergewichtigen weltweit zwei bis dreimal so groß wie die der Hungernden, die Folgekosten dafür könnten den Hunger der Welt leicht beenden.“

Ressourcenverbrauch auf Dauer nicht tragbar

Die Nachhaltigkeit würde Fischler als dringendste Aufgabe einstufen, diese werde jedoch in der Politik kaum behandelt. Billige Produkte gingen immer auf Kosten der Umwelt und der Arbeitsbedingungen. Zum Thema Klimawandel ist Fischler überzeugt, dass mit der bisherigen Klimapolitik das 2°-Ziel nicht erreichbar sei: „Die Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch geht zu langsam.“

Die Rolle Europas im Global Village sieht Fischler eher kritisch: „Europa ist nur eine Ortschaft im Global Village und es ist nach wie vor eine Baustelle. Die Bedeutung Europas geht zurück, von der Bevölkerungsanzahl und der Wirtschaftsleistung. Europa hat nicht das Patent, dass wir die Besten sind und die besten Ideen haben. Bildung ist der bessere Motor zur Entwicklung, sie zählt mehr als Geld.“ Neben sozialen Herausforderungen – Jugendarbeitslosigkeit, Überalterung, Zugang zu Bildung – sei auch die europäische Sicherheitsfrage unklar.

Aufhorchen lassen die Gedanken Fischlers über ein neues Wohlstandsverständnis: „Ist tatsächlich das Bruttosozialprodukt der allein selig machende Maßstab für unser Glück? Was ist uns unser sozialer Friede wert? Zählt nicht auch Lebensqualität und Bildung? Wir stehen an einer Kreuzung. Geld ist nicht der beste Maßstab.“ Für einen gelungenen Abschluss der Veranstaltung sorgte das Buffet der Hoflieferanten, bei dem die Besucher die vielen aufgeworfenen Fragen diskutierten.