Kematen an der Ybbs

Erstellt am 15. Februar 2017, 06:11

von Andreas Kössl

Islamisches Mädchenheim in der Kritik. Antiwestliche Werte sollen im Islamischen Zentrum Kematen vermittelt werden. Die Betreiber dementierten das. Die Einrichtung ist bisher nicht negativ aufgefallen.

Seit 20 Jahren befindet sich in dem ehemaligen Gasthaus an der B121 in Kematen ein von der türkisch-islamischen „Süleymancilar“-Bewegung betriebenes Kinderwohnheim. Nun wurden schwere Vorwürfe laut.  |  NÖN

Ein Artikel des Wiener Migrationsmagazins „dasbiber“ über das Islamische Zentrum in Kematen sorgte vergangene Woche für großes Aufsehen.

Laut dem Magazin würde den in dem dortigen Wohnheim untergebrachten Mädchen von erzkonservativen Religionsgelehrten von der Umwelt abgeschottet ein antiwestliches Weltbild vermittelt. Zuerst schlug der Bericht in den sozialen Medien Wellen, kurz darauf widmeten sich ORF und Servus TV den Vorwürfen.

„Wir akzeptieren keine antidemokratischen oder antiwestlichen Einstellungen.“Murat Doymaz, Vizepräsident der Union Islamischer Kulturzentren in Österreich (UIKZ)

Ausgangspunkt des biber-Artikels war der Bericht eines Mannes, der Ende der 90er Jahre als Bub immer wieder seine Ferien in dem Wohnheim in Kematen verbracht und dort eine strenge religiöse Erziehung genossen hatte. Schon damals wurde das an der B121 gelegene ehemalige Gasthaus von der türkisch-islamischen „Süleymancilar“-Bewegung betrieben. Damals war es noch ein Bubenwohnheim.

In dem Artikel wirft der Mann der „Süleymancilar“-Bewegung Gehirnwäsche und die Vermittlung eines völlig verzerrten Weltbildes vor, nach dem Frauen zu meiden, der Westen der Feind und Juden böse seien.

Recherche vor Ort unter Vorwand

Die biber-Journalisten machten sich daraufhin auf, um vor Ort zu recherchieren. Mittlerweile befindet sich in dem Gebäude ein islamisches Mädchenwohnheim. Unter dem Vorwand, ihre kleine Schwester für das Heim anmelden zu wollen, erhielten die Journalisten Einblicke in das Kulturzentrum.

In ihren Schilderungen berichten sie von separaten Eingängen für Männer und Frauen sowie von Mädchen, die schon mit neun Jahren ein Kopftuch tragen müssten und streng religiös erzogen würden. Der Hodscha, der islamische Religionsgelehrte, der das Zentrum in Kematen betreut, habe der Journalistin nicht die Hand gegeben und nur ihren männlichen Begleiter direkt angesprochen.

Für die NÖN war der Mann nicht erreichbar. Zu Wort meldete sich jedoch Murat Doymaz, Vizepräsident der Union Islamischer Kulturzentren in Österreich (UIKZ), zu der die „Süleymancilar“-Bewegung gehört. Die UIKZ ist der drittgrößte Moscheedachverband Österreichs. Sie ist seit 40 Jahren in Österreich tätig und betreibt rund 26 Moscheen, aber auch islamische Bildungs- und Kinderbetreuungseinrichtungen.

Die in dem biber-Artikel erhobenen Vorwürfe weist Doymaz zurück: „Wir akzeptieren keine antidemokratischen oder antiwestlichen Einstellungen. Bei uns werden die Jugendlichen sicher nicht radikalisiert. Genau das Gegenteil ist der Fall. Durch unsere Einrichtungen sind wir eine wichtige Schnittstelle zur Bevölkerung.“

Anrainer: Bewohner seien sehr zurückgezogen

Vier Mädchen würden in dem Wohnheim in Kematen derzeit ständig wohnen, so Doymaz. In den Ferien seien es acht bis zehn Mädchen. „Den Kindern werden bei uns die Grundwerte des Islam beigebracht, wobei unsere Lerninhalte staatlich anerkannt sind“, so der UIKZ-Vizepräsident. Das alles passiere auf freiwilliger Basis.

Zwang gebe es auch hinsichtlich des Tragens eines Kopftuchs nicht. „Wir sehen das Kopftuchtragen ab einem gewissen Alter als Gebot, aber nicht als Pflicht“, so Doymaz. Was die separaten Eingänge betreffe, so seien diese nun mal üblich, um Männern und Frauen ein getrenntes Gebet zu ermöglichen, schließlich befinde sich in dem Gebäude ja auch eine Moschee.

NÖN

Dass die Kinder von der Außenwelt abgeschottet würden, möchte der UIKZ-Vizepräsident ebenfalls nicht gelten lassen. Er verweist darauf, dass diese die regionalen Schulen besuchen. Man habe nichts zu verbergen, die Moschee stehe jedem offen.

Von Anrainerseite heißt es, dass die Bewohner des Islamischen Kulturzentrums sehr zurückgezogen leben würden und nicht viel nach außen dringe. Pädagogen, die Mädchen aus dem Wohnheim unterrichten oder Einblicke gewinnen konnten, schätzen die Einrichtung in religiöser Hinsicht als doch sehr konservativ ein. Dem Leiter der Einrichtung wird zwar Dialogfähigkeit zugestanden, die Mädchen würden aber stets Kopftuch und lange Kleider tragen und seien sehr in sich gekehrt.

„Die Eltern sind sehr strenggläubig“

Bislang sei die Einrichtung noch nie negativ aufgefallen, sagt Kematens Bürgermeisterin Juliana Günther. Sowohl von den Anrainern als auch von den Schulen gebe es keine Beschwerden. „Die Eltern dieser Kinder sind sehr gläubig. Das muss man akzeptieren. Auch in der katholischen Kirche nehmen manche den Glauben strenger und andere lockerer“, so die Ortschefin. „Ich sehe da kein Problem, aber natürlich muss man immer ein wachsames Auge haben.“

Keinen Einschreitungsbedarf habe es bislang für die Polizei Kematen gegeben, sagt Kommandant Christoph Gruber. „Bisher wurden wir noch nie gerufen. Wir haben aber auch nicht viel Einblick, was da drinnen passiert.“

Für den Verfassungsschutz gilt die „Süleymancilar“ als unauffällig. „Es ist hier zwar eine konservative religiöse Erziehung erkennbar, strafrechtlich Relevantes gab es aber bislang nicht“, so der Leiter des Landesamtes für Verfassungsschutz, Roland Scherscher. „Solange nicht gehetzt oder für den Terrorismus rekrutiert wird, haben wir keinen Bedarf einzuschreiten.“