Kematen an der Ybbs

Erstellt am 18. August 2016, 06:23

von Daniela Führer

MBA Polymers entwickelte Recycling-Weltneuheit. In Kematen wurde eine neue Recycling-Anlage gebaut, die erstmals PC/ABS wiederverwerten kann. 300 Tonnen wurden schon produziert.

Im April wurde die neue Recycling-Anlage in Kematen gebaut, mit der nun reinstes PC/ABS aus Abfall wiederverwertet werden kann.  |  NOEN

Es sind Berge an zerkleinertem Schrott, eine wilde Mischung aus Teilen von Schläuchen, Plastik oder Elek-tronikartikeln wie Taschenrechnern, PlayStations und TV-Geräten. Genau hier, in diesen Bergen an gesammeltem E-Schrott, beginnt der Recyclingprozess bei der Firma MBA Polymers Kunststoffverarbeitung GmbH in Kematen.

Mit Bergen von Abfall beginnt der Recycling-Prozess bei der MBA Polymers Kunststoffverwertung GmbH in Kematen. „Wir können nun hochreines PC/ABS hier in Kematen aus diesem Abfall verwerten, das ist völlig neu weltweit“, freuen sich Chris Slijkhuis, zuständig für E-Waste-Recycling und Öffentlichkeitsarbeit in der Müller-Guttenbrunn-Gruppe, und Arthur Schwesig, Leiter der Abteilung Forschung & Entwicklung bei MBA Polymers Austria.  |  NOEN, Schlemmer

„Ich vergleiche es gerne mit einer Mondlandung. Man weiß nicht, was einen erwartet in diesen Abfallbergen. Daraus wieder hochreine Stoffe zu gewinnen, das ist unglaublich schwierig“, veranschaulicht Arthur Schwesig, Leiter der Abteilung Forschung & Entwicklung.

Er ist, wie er selbst sagt, ein leidenschaftlicher Recycler. Daher ist er auf die neueste Innovation, eine Weltneuheit, entwickelt im hauseigenen MBA-Polymers-Forschungslabor, besonders stolz, ebenso auf die Leistung der Mitarbeiter in Zusammenarbeit mit einem Netzwerk bestehend aus über 200 Forschern und Technikern von Japan bis in die USA, deren Know-how in Kematen am Innovationsknotenpunkt bei MBA Polymers zusammenläuft.

„Im April haben wir eine neue Recycling-Anlage gebaut, mit der wir reinstes PC/ABS aus Abfall wiederverwerten können. Seit Mai befinden wir uns damit in der Start-up-Phase. 300 Tonnen an PC/ABS haben wir bereits produziert“, informiert der Wissenschaftler.

„Alles, was wir an Rohstoffen einsetzen, müssen wir auch sauber wiederverwerten, sonst ersticken wir.“

Arthur Schwesig, Forschung & Entwicklung bei MBA Polymers

Bislang konnte der technische Kunststoff PC/ABS (Polycarbonate/Acrylnitril Butadien Styrol) – etwa in CDs oder DVDs enthalten – nicht recycelt werden. Stattdessen wurde dieser in Verbrennungsanlagen vernichtet, ein Vorgang, der in etwa viermal schädlicher für Umwelt und Ökosystem ist als dessen Recycling. „Mit unserer neuen Anlage können wir jetzt aus Elektro-Altgeräten hochwertige technische Kunststoffe für neue Geräte herstellen“, erklärt Chris Slijkhuis, zuständig für E-Waste- Recycling und Öffentlichkeitsarbeit in der Müller-Guttenbrunn-Gruppe.

PC/ABS hat den Vorteil, dass es extrem fest, aber leicht zu verarbeiten, hitzebeständig und schlagzäh bei niedrigen Temperaturen ist. Die ersten „Green Products“, die aus dem Kematner umweltfreundlichen PC/ABS geschaffen werden, sind beispielsweise Kaffeemaschinen namhafter Hersteller.

Die Wiederverwertung des Kunststoffmaterials aus E-Schrott ist ein Meilenstein, dem aber noch viele weitere folgen müssen, erklärt Arthur Schwesig: „Wir leben und wirtschaften in einer Eierschale. Alles, was wir an Rohstoffen einsetzen, müssen wir auch sauber rückgewinnen, sonst ersticken wir in dieser Eierschale, in unserer Atmosphäre.“

„Das Mostviertel ist das globale Zentrum des Kunststoffrecyclings“

E-Schrott wird auch immer mehr – durch E-Autos oder funktionelle Kleidung, die verstärkt mit Elektronik versehen wird. „Aber es gibt keinen Ansatz, wie wir all diesen erzeugten E-Schrott in einer Kreislaufwirtschaft vollständig wiederverwerten können. Da gibt es noch riesige Forschungsaufgaben zu lösen“, sagt Schwesig.

Mit der weltweit neuen Recycling-Technologie aus dem Hause MBA wurde nun ein weiterer Schritt in Richtung Kreislaufwirtschaft gesetzt. Dennoch müssen noch rund 50 Prozent des E-Abfalls verbrannt werden, da es an Recycling-Technologien für die weiteren Kunststoffarten – insgesamt über 20 – fehlt. Daher wird am Standort in Kematen bereits weiter an Innovationen getüftelt, erhebliche Geldmittel fließen hier jährlich in die Forschung und Entwicklung.

„Das Mostviertel ist das globale Zentrum des Kunststoffrecyclings. Unser Standort hier ist ideal mit den Firmen Metran, Mügu und IFE in unmittelbarer Nähe. Außerdem arbeiten wir mit vielen Universitäten der Umgebung zusammen. Nur leider ist es gar nicht so einfach, qualifizierte Leute ins Mostviertel zu bringen. Dabei arbeiten wir ja hier inmitten eines wunderbaren Erholungsraumes“, wirbt er um Wissenschaftler, die bei der Müller-Guttenbrunn Gruppe mitarbeiten wollen. Er selbst lebt übrigens in Randegg und genießt dort die Natur, für die er sich Tag für Tag einsetzt, um sie noch besser zu schützen – mittels Recycling.