Erstellt am 04. März 2016, 05:29

von Brigitte Lassmann-Moser

Familie Al-Tarboolee: „Wir wollen bleiben!“. Verein „Willkommen Mensch Zwettl“ bemüht sich sehr um die Integration von Asylwerbern in ihrer neuen Heimat.

Raid Al-Tarboolee mit seiner Tochter Dalia und seiner Frau Nadja Al-Lami sowie ihrer Betreuerin Gabi Koppensteiner (sitzend, v. l.), Fritz Haslinger, Waltraud Schnelzer und Tamer Henedy (stehend, v. l.) vom Verein »Willkommen Mensch Zwettl«.  |  NOEN, Foto: Brigitte Lassmann-Moser

„Sie ist wie ein Schlauchboot, das mich an einen sicheren Ort bringt!“ Das sagt Raid Al-Tarboolee über Gabi Koppensteiner vom Verein „Willkommen Mensch Zwettl“, die seine Familie, die aus dem Irak flüchten musste, seit ihrer Ankunft vor rund fünf Monaten in Zwettl betreut.

Gabi Koppensteiner ist seit Beginn an beim Verein, kümmerte sich anfangs um den Aufbau und die Organisation von Sachspenden, wollte sich dann aber direkt in die Betreuung einbringen, „weil hier meine Kompetenzen liegen“, so die Sozialarbeiterin. Also übernahm sie – gemeinsam mit Helga Ritscher, Heidi Hauer und Raphaela Nestler – die Betreuung der Familie Al-Tarboolee, als diese Ende September ins „Wichtelhaus“ in der Promenade einzog, das die Sparkasse zur Verfügung stellte und das vom Verein unter Mithilfe vieler adaptiert wurde.

„Ich will arbeiten wie alle anderen und Geld
verdienen wie alle anderen.“
Raid Al-Tarboolee

Die erste Zeit der Betreuung war eine sehr intensive, waren doch viele Behördenwege zu erledigen. Jetzt trifft man sich etwa einmal wöchentlich, um zu besprechen, ob und wo es Probleme gibt, was benötigt wird usw. „Die große Herausforderung bei der Integration ist es herauszufinden, welche Möglichkeiten es gibt, so lange das Asylverfahren noch im Laufen ist“, meint Gabi Koppensteiner.

Die Familie ist mittlerweile gut integriert: Tochter Dalia, die die 3. Klasse der Privatvolksschule besucht, geht tanzen, Eislaufen und schwimmen, Papa Raid arbeitet nicht nur 20 Stunden monatlich im Bauhof, sondern er hilft auch der Theatergruppe Zwettl beim Bühnenaufbau und spielt Fußball. Übrigens: Der Verein ist dringend auf der Suche nach einer Mannschaft, bei der Flüchtlinge mitspielen können, um die Integration zu fördern. „Bei der Betreuung ist es ganz wichtig, dass die Asylwerber nicht nur unter sich sind, damit keine Blase entsteht“, erklärt es Dolmetscher Tamer Henedy bildlich.

 „Dieses Land hat uns viel geholfen“

Von der Betreuung profitieren beide Seiten. Während für die irakische Familie Gabi Koppensteiner wie ein „Luftzug ist, der zum Kranken kommt und ihn heilt“, nimmt auch Koppensteiner selbst viel für sich mit – von der anderen Kultur bis zur arabischen Sprache. „Ich schätze es auch, dass wir gemeinsam Spaß haben können, das ist etwas sehr Wertvolles, dass wir trotz der schwierigen Situation das Unbeschwerte nicht verlieren“, beschreibt es Gabi Koppensteiner und schwärmt jetzt noch von der gemeinsamen Weihnachtsfeier, die ein sehr „schönes und berührendes Fest“ war, bei dem auch christliche Symbole ihren Platz fanden.

Die Familie fühlt sich in Zwettl recht wohl. Sie will nicht nur in der Stadt, sondern auch „Wichtlhaus“ bleiben, vorausgesetzt, die Sparkasse wird es weiterhin vermieten. Raid Al-Tarboolees größter Wunsch ist es, Arbeit zu finden. „Ich will arbeiten wie alle anderen und Geld verdienen wie alle anderen“, meint er. „Dieses Land hat uns viel geholfen und viel für uns getan. Wir wollen davon etwas zurückgeben, ob klein oder groß, Hauptsache, wir können irgendetwas zurückgeben!“

Positives überlagert negative Erlebnisse

„Die Leute sind unglaublich respektvoll und hilfsbereit“, erzählt Nadja Al-Lami, und ihr Mann, der sich darüber freut, dass er von alle gegrüßt wird, ergänzt: „Viele respektieren mich als Mensch, unabhängig von meiner Hautfarbe und meiner Religion“. Schwierig für die Familie ist es freilich manchmal, mit der unbegrenzten Freiheit, die es bei uns im Gegensatz zu ihrem Heimatland Irak gibt, umzugehen.

Das ist eine neue Erfahrung. Natürlich gibt es auch negative Erlebnisse, aber die lässt das viele Positive, das die Familie erfährt, „verschwinden“, wie Raid es sagt. Und natürlich gibt es auch Heimweh. Raid: „Man kann nicht einfach 45, 46 Jahre seines Lebens in den Müll schmeißen. Natürlich habe ich Heimweh. Meine ganze Familie ist noch dort!“

Die Betreuung endet übrigens nicht mit dem Abschluss des Asylverfahrens. „Es wäre sehr schön, wenn sich aus der Betreuungssituation eine Freundschaft ergibt. Wir vom Verein wollen den Flüchtlingen das Gefühl vermitteln, dass immer jemand für sie da ist, wenn es notwendig ist“, so Fritz Haslinger. Der Verein hat übrigens seit Anfang des Jahres im „Wichtlhaus“ nicht nur ein eigenes Büro, sondern mit Waltraud Schnelzer aus Gutenbrunn auch eine über das AMS geförderte Vollzeit-Sekretärin, die den Vereinsmitgliedern viele administrative Arbeiten abnimmt und damit eine wertvolle Unterstützung ist.