Erstellt am 10. März 2016, 05:24

Landflucht gerade bei jungen Frauen. Frauenberatung setzte sich intensiv mit der Situation der Frauen im Waldviertel auseinander.

Lilian Kaufman bei einem MINT-Workshop (Matheamtik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) des FIT-Zentrums der Frauenberatung Waldviertel. Junge Frauen sollen hier für technisch-naturwissenschaftliche Berufskarrieren begeistert werden. Mittlerweile studiert Lilian sehr erfolgreich Naturwissenschaften an der BOKU Wien  |  NOEN, Frauenberatung Waldviertel

Anlässlich des Internationalen Frauentages am 8. März im Oberen Waldviertel hat sich die Frauenberatung Waldviertel mit der Situation der Frauen im Waldviertel beschäftigt. Demographische Zahlen weisen nämlich darauf hin, dass vor allem die jungen Bewohnerinnen hier keine Rahmenbedingungen vorfinden, um zu bleiben. Josef Baum, Ökonom und Wirtschaftsgeograf an der Uni Wien, vergleicht diese Entwicklung drastisch mit „chinesischen Verhältnissen“.

Die Großstadt bietet bessere Möglichkeiten

„Das Ungleichgewicht der Geschlechter ist tatsächlich in allen vier Bezirken signifikant“, erklärt Martha Weber von der Frauenberatung, die jede Menge Zahlenmaterial zum Thema gesammelt und ausgewertet hat. „Die überdurchschnittlich hohe Abwanderung jüngerer Frauen hat noch gravierendere Auswirkungen auf die regionale Entwicklung als die Abwanderung insgesamt.

Studien belegen, dass die Landflucht junger Frauen einen Abwärtstrend beschleunigt – nicht nur weil sie als Partnerinnen und Mütter fehlen, sondern weil Frauen für den sozialen Zusammenhalt und innovative Entwicklungen eine zentrale Rolle spielen und ihre mentale Vitalität und Wendigkeit wesentlich zur Bewältigung des sozialen Wandels beiträgt.“

Viele Gründe für Phänomen

Wieso aber gehen von den Jungen deutlich mehr Frauen als Männer aus dem Oberen Waldviertel weg? Das gute Bildungsniveau, fehlende Arbeitsangebote für höher qualifizierte Frauen, ihre größere Mobilitätsbereitschaft und ihre Präferenz für urbane Lebensweisen, die Frauen mehr Entfaltungsmöglichkeit bieten, erklären, so Weber, zusammengefasst dieses Phänomen.

„Waldviertlerinnen wollen zukunftsfähige, arbeitsmarktkompatible Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten und infrastrukturelle Rahmenbedingungen, die heutigen und sehr diversen weibliche Lebenswirklichkeiten entsprechen und Frauen in der Alltagsbewältigung nicht behindern.“

Am Land sind traditionelle Rollenbilder besonders verfestigt und Frauen nach wie vor hauptzuständig für Kinder-, Kranken- und Altenbetreuung. Dadurch sind sie beispielsweise mehr als Männer auf funktionierende öffentliche Verkehrsverbindungen angewiesen. Sie sind mehr als Männer davon betroffen, welche Betreuungseinrichtungen – in ausreichender Zahl, Qualität und Erreichbarkeit – ihnen Erwerbstätigkeit ermöglicht, bei zunehmend stärker geforderter Mobilität und Flexibilität am Arbeitsmarkt.

Junge Altersklasse betroffen

Es sind aber keineswegs nur Mütter, die unzureichende Rahmenbedingungen fürs Bleiben vorfinden. Schon in der Altersklasse der 15- bis 19-Jährigen verlassen Frauen und Mädchen die Region. „Für ein Studium gibt es keine Alternative, aber schon das im Waldviertel stark geschlechtertypisierte ausgeprägte berufliche wie schulische Ausbildungsangebot leistet einen wesentlichen Beitrag zur weiblichen Landflucht“, erklärt Martha Weber. „Burschen mit technischen Lehr- oder Schulausbildungen finden hier mehr und attraktivere Arbeitsplätze als Mädchen mit Büro- oder Tourismusqualifikationen. Und Mädchen wird es nicht leicht gemacht, von dieser geschlechtsspezifischen Berufswahl abzuweichen.“

Hinsichtlich Ausbildungsniveau haben auch im Waldviertel die Frauen längst aufgeholt und die Männer überholt. Schon in der Altersklasse der 35- bis 54-Jährigen ist beispielsweise der Akademikerinnenanteil höher als bei den Männern und die Jüngeren (25 bis 34 Jahre) haben ihren Vorsprung noch ausgebaut. Im Einkommen schlägt sich das allerdings nicht nieder.

Einkommensschere besonders in Waidhofen und Horn

Besonders hoch ist die geschlechtsspezifische Einkommensschere in den Bezirken Waidhofen und Horn. Dass Gmünd diesbezüglich als wesentlich geschlechtergerechter auffällt, ist allerdings wenig erfreulich angesichts des insgesamt mit Abstand geringsten Medianeinkommens in der Region. Weber: „Das Fehlen ausbildungsadäquater und angemessen entlohnter Erwerbsmöglichkeiten für Frauen ist wesentlich mitverantwortlich, dass sie ihre Heimat früh verlassen und wenige von ihnen wiederkommen.“

Frauen sind weder in wirtschaftlichen noch in kommunal- und regionalpolitischen Gremien angemessen vertreten. Ein Rückkehr ins Waldviertel ist oft mit Einkommenseinbußen verbunden. So kehrte etwa eine junge, gut ausgebildete Zwettlerin aus Wien zurück („wegen der Liebe“), obwohl sie es sehr genossen habe, in der Großstadt zu leben und zu arbeiten, wie sie betont.

Dass sie jetzt schlechter verdiene, sei schon bedauerlich, aber das gute Arbeitsklima und „ein sehr sozial eingestellter Chef“ seien ihr wichtiger. Glück habe sie, dass sie für ihren zweijährigen Sohn im „Apfelbäumchen“, einer privat initiierten Kindergruppe, einen Betreuungsplatz gefunden habe, der ihren Bedürfnissen und Ansprüchen genüge.