Erstellt am 10. Februar 2016, 05:48

Das Geheimnis der Uhr des Stiftsturmes. Stift Zwettler Turmuhr zeigt irritierende Zeit an. Stiftsbibliothekar Andreas Gamerith klärt jetzt auf.

Am Stiftsturm geht die Uhr anders - nämlich nach alter Tradition.  |  NOEN, Foto: Andreas Gamerith

So mancher wird sich schon über die „komische Uhrzeit“, die die Turmuhr des Stiftes anzeigt, irritiert gewesen sein. Eine Reisegruppe aus Zschopau in Deutschland machte über die NÖN anlässlich des Jahreswechsels darauf aufmerksam, dass „in Zwettl die Uhren anders gehen“. Im wahrsten Sinn des Wortes, wie jetzt Stiftsbibliothekar und -archivar Andreas Gamerith aufklärt.

Kaum sind fünf Minuten vergangen, zeigt die Uhr am Stiftsturm eine Stunde später an – der kleine Zeiger läuft im Stundentakt. „Ist es denn nun ein gut gehütetes Geheimnis der Mönche oder doch eher ein mechanisches Problem im Uhrenlaufwerk?“,fragte Jens Wagner in der NÖN.

Tradition lebt weiter

Die Turmuhr von Stift Zwettl gehört – mit dem berühmten Grazer Uhrturm – zu jenen wenigen Uhrwerken, die sich bei der Zeitanzeige an den frühesten Zeigeruhren orientieren – der kleine Zeiger zeigt hier die ,flüchtigen Minuten‘ an“, erklärt Gamerith. „Der große, wichtigere, deutet im Gegensatz dazu die Stunden weithin sichtbar an.“

Hier lebt noch jene Tradition weiter, aus der unsere modernen Zeigeruhren entstanden sind: Anfänglich besaßen nämlich, wie der Stiftsbibliothekar erläutert, alle Uhren nur einen Zeiger, den Stundenzeiger. „Erst mit der größeren Verbreitung von Uhrwerken seit der Zeit um 1600 setzte sich die noch heute gebräuchliche Zuweisung des Minuten- und Stundenzeigers durch“, so Gamerith.

Ein Rätsel bleibt 

Bemerkenswerterweise hatte der Baumeister des Stiftes, der Tiroler Joseph Munggenast, in seinem (nicht verwirklichten) Erstentwurf für die Errichtung des Zwettler Turmes nur einen einzigen Zeiger eingezeichnet. War für Stift Zwettl demnach vor Baubeginn tatsächlich an ein altmodisches Uhr-Modell gedacht worden?

„Was auch immer der umtriebige Bauherr Abt Melchior von Zaunagg damit im Schilde führte, einen einzigen Zeiger besaß die Zwettler Turmuhr nie. Denn aus den Verträgen mit dem Uhrmacher Johann Rußwurm (er lieferte 1723 die erste Uhr für den Turm) erfahren wir, dass je zwei Zeiger an allen vier Seiten angebracht werden sollten, ,welche mit guettem gold sollen und müessen gefasset werden‘, wie im Vertrag nachdrücklich vermerkt ist“, lässt Andreas Gamerith wissen.

„Warum man sich in Stift Zwettl an einer altertümlichen Form der Zeitanzeige orientierte, bleibt ein Rätsel – wie und in welcher Form die Zeit hier abgelesen werden soll, ist hingegen leicht erklärt.“