Erstellt am 15. Februar 2017, 05:00

von Brigitte Lassmann-Moser

Dieter Holzer: "Maßnahmen gehen in richtige Richtung!". Wirtschaftskammerobmann Dieter Holzer über Erwartungen, Probleme, Anliegen und Schwerpunkte für die heimische Wirtschaft im heurigen Jahr.

Wirtschaftskammerobmann Dieter Holzer im NÖN-Gespräch.  |  NÖN-Archiv

Die NÖN sprach mit Wirtschaftskammerobmann Dieter Holzer über die derzeitige Lage in der heimischen Wirtschaft, deren Probleme und deren Wünsche.

NÖN: Wie ist die aktuelle Lage in der heimischen Wirtschaft und mit welchen Erwartungen gehen die Unternehmer ins Jahr 2017?

Dieter Holzer: In den letzten Wochen haben zwei Leitbetriebe der Zwettler Wirtschaft über ihre sehr erfolgreiche und zukunftsweisende Arbeit berichtet. Bei meinen Gesprächen mit Unternehmern in unserem Bezirk wird mir über eine gute bis sehr gute Auftragslage erzählt. Es gibt natürlich auch einzelne Branchen und Betriebe, die nicht so positiv gestimmt sind. Vom Arbeitsmarkt wird ebenfalls eine steigende Nachfrage nach Arbeitskräften erwartet. Fachkräfte werden von vielen Betrieben in mehreren Branchen gesucht und können oft nicht in ausreichender Zahl oder mit entsprechender Qualifizierung gefunden werden.

Bei den Neugründungen haben wir seit einigen Jahren eine steigende Tendenz. So konnten wir im letzten Jahr 209 neue Betriebe in unserem Bezirk begrüßen (2015 waren es 177, 2014 159). Bemerkenswert ist, dass bereits 58 % aller Unternehmen als EPUs (Einpersonenunternehmen) tätig sind. Wir – das sind die Mitarbeiter und Funktionäre der Wirtschaftskammer Zwettl – sehen uns als die Servicestelle für die mehr als 2.000 Unternehmer in unserem Bezirk.

Welche Probleme der Wirtschaft sind derzeit für unseren Bezirk von besonderer Relevanz? Leiden die Wirtschaftstreibenden nach wie vor unter der Bürokratie?

Die meisten Unternehmer sagen mir: „Lasst uns doch arbeiten“. Wir brauchen Gesetze, Verordnungen und Vorschriften, die in der Praxis umsetzbar und für den Normalbürger verständlich sind. Es muss z.B. doch möglich sein, Arbeitszeiten gemeinsam mit den Mitarbeitern festzulegen, umzusetzen und auch zu dokumentieren, um den Anforderungen gerecht zu werden. Wir haben z.B. im Vorjahr in unserer Branche neue Arbeitszeitregelungen im Rahmenkollektivvertrag festgelegt. Mehrere Juristen und Spezialisten waren daran beteiligt und ich dachte, wir hätten eine gute Lösung gefunden. In der Praxis stellte sich heraus, dass es sehr kompliziert und schwierig in der Umsetzung ist. Wenn ich zwei Wochen vorher Bescheid sagen muss, wenn eine Mitarbeiterin eine Stunde länger arbeiten soll, ist das sicher nicht praxistauglich.

Die Arbeitszeiten sind aber nur ein Beispiel von vielen bürokratischen Hürden, die es in unseren Unternehmen zu meistern gilt. Viel Zeit und Kraft geht dabei verloren, die sinnvoller in die Betreuung der Kunden und Mitarbeiter gesteckt werden sollte.

Fachkräfte und Lehrlinge werden in vielen Betrieben gesucht. Mitarbeiter mit entsprechender Qualifikation und Auftreten können oft nicht gefunden werden. Das ist jetzt schon eine große Herausforderung und schwächt die Expansionspläne mancher Unternehmen. Eine flächendeckende Maut für Lkw wäre eine ungeheure Benachteiligung für den ländlichen Raum und speziell für das ganze Waldviertel. Dadurch würden wir Betriebe und Arbeitsplätze verlieren.

Steigende Tendenz bei Unternehmensneugründungen im Bezirk Zwettl.  |  Symbolfoto/www.bilderbox.com

Welche infrastrukturellen Maßnahmen würde sich die Wirtschaft von der Politik wünschen?

Straße, Schiene und schnelles Internet sind wichtige Faktoren für die Standortentscheidungen der Unternehmer. Da geht es meines Erachtens grundsätzlich in die richtige Richtung. Unsere Forderung ist die schnellere Abwicklung dieser Infrastrukturmaßnahmen.

Ein Meilenstein wird in diesem Jahr in unserem Bezirk mit der Eröffnung der Umfahrung von Zwettl gesetzt. Wir erwarten weniger Stauzeiten. Das heißt Zeit- und Kosteneinsparung für die Betriebe, aber auch für alle Bürger. Als nächster Schritt ist der Ausbau der B 36 Richtung Vitis vorgesehen. Mittelfristig wird von der Wirtschaft eine Schnellverbindung in das Waldviertel erwartet. Bei der Franz-Josef-Bahn wurde im Vorjahr ein Entwicklungsplan für die nächsten Jahre vorgestellt.

Im Bereich schnelles Internet gibt es im Waldviertel zwei der vier Pilotregionen in Niederösterreich, wo ein rascher Ausbau erwartet wird. In unserem Bezirk sind meines Wissens nach für alle Kleinregionen und damit alle Gemeinden die Grobplanungen abgeschlossen, sodass bei entsprechendem Bedarf Mitverlegungen durchgeführt werden können.

Welche Schwerpunkte hat sich die Wirtschaftskammer für 2017 gesetzt?

Wichtig ist die Erhaltung der Betriebe und damit natürlich auch der Arbeitsplätze in unserem Bezirk. Neugründungen und die Schaffung neuer Arbeitsplätze sind ebenfalls Ziele. Es muss deutlich gemacht werden, dass die meisten Arbeitsplätze von Betrieben geschaffen werden. Dazu muss das entsprechende Umfeld vorhanden sein. Da gibt es sicher noch einiges zu tun, damit wir im Waldviertel und ganz Österreich erfolgreich in die Zukunft schauen können. In der letzten Zeit wurden da einige richtige Schritte gesetzt, zum Beispiel mit dem Handwerkerbonus, der Investitionszuwachsprämie und einer, wenn auch geringfügigen Senkung der Lohnnebenkosten.

Wir beschäftigen uns gerade mit der Flexibilisierung der Arbeitszeit und wollen dabei die Vorteile für Mitarbeiter und Betriebe klarstellen. 12/60/2 sind aber Maximalwerte, die genutzt werden sollen, wenn beide Teile es wollen. Wenn es sinnvoll und notwendig ist, soll pro Tag 12 Stunden und pro Woche 60 Stunden gearbeitet werden können. Das soll über zwei Jahre hinweg zu den Standardwerten ausgeglichen werden können. Wie das genau erfolgt, soll in den Betrieben zwischen Mitarbeitern und Unternehmensleitung vereinbart und durch kollektivvertragliche Rahmen (aber bitte nicht kompliziert) geregelt werden.

Die Schwerpunkte der Wirtschaftskammer NÖ sind heuer Jugend und Wirtschaft, Digitalisierung, Unternehmensimage und Standort Niederösterreich. Die duale Ausbildung = Lehre in Österreich ist ein Vorzeigekonzept, das in der ganzen Welt hochgeschätzt wird. Praxisnähe und hohe Qualität sorgen für niedrige Jugendarbeitslosigkeit und sichern dem Nachwuchs an Fachkräften in unseren Betrieben sichere Arbeitsplätze. Bei den Euroskills/ Europameisterschaften 2016 in Göteborg wurde die österreichische Mannschaft mit weitem Abstand Europameister. Wir sind auch weltweit im Spitzenfeld zu suchen. Das ist doch eine gute Gelegenheit, um stolz auf unsere Jugend und die Ausbildungsbetriebe zu sein. Gratulation und Danke an unsere fast 200 Ausbildungsbetriebe, die im Bezirk über 500 Lehrlinge ausbilden.

Die Digitalisierung ist und wird eine Herausforderung für alle. Es gilt, die Chancen die dabei für unsere Betriebe, Mitarbeiter und Kunden entstehen, zu nutzen. Beim Zukunftskongress 2016 in der Wirtschaftskammer Niederösterreich wurden die von hochrangigen Fachleuten einige Wege zu einer positiven Entwicklung aufgezeigt. Es gilt offen für Neuigkeiten zu sein, Mut zur Veränderung zu haben und die Bereitschaft zu lernen und sich weiterzubilden.

Und was hat die Bezirksstelle Zwettl ihren Mitgliedern heuer zu bieten?

In der Wirtschaftskammer Zwettl werden wir in diesem Jahr mehrere interessante Seminare und Kurse anbieten. Wir laden unsere Unternehmer und deren Mitarbeiter ein, diese Möglichkeiten hier vor Ort zu nutzen. Wir wollen den Jugendlichen und den Eltern deutlich machen, welche großen Chancen sie durch die Lehre haben. Eine fundierte Fachausbildung ist eine hervorragende Grundlage für einen sicheren Arbeitsplatz. Wir werden uns ebenfalls mit der Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Gemeinden beschäftigen.