Citylife anno 1868. Tratschen am Dommarkt, Entspannen im Kaiserwald oder mit dem Zug unterwegs nach Wien – vor 150 vertrieben sich die St. Pöltner die Zeit oft nicht anders als moderne Landeshauptstädter. Krieg und Wirtschaftskrise setzten dem schönen Stadtleben allerdings rasch ein Ende.

Erstellt am 15. Mai 2018 (08:45)
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1863 stellte die Firma Salzer ihre erste Papiermaschine auf. Die wurde 1929 dann wieder abmontiert, davor entstand noch dieses Bild.

Das „Voll- und Schwimmbade nächst dem Hammerpark“ half schon ab 1884 mit getrennten Badzeiten für Damen und Herren und eigenen „Badedienern“ gegen die sommerliche Hitze. Über die Eröffnung informierte damals der St. Pöltner Bote, der Vorläufer der Niederösterreichischen Nachrichten. Die rund 10.000 Einwohner bekamen alle Informationen über die älteste Stadt Österreichs zweimal wöchentlich geliefert.

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Bahnhof St. Pölten anno 1870

In der ersten Ausgabe vor 150 Jahren gab es nicht weniger Spannendes zu berichten als 2018. 1868 war St. Pölten bereits voll an Wien angebunden, in nur zweieinhalb Stunden ging‘s mit der Kaiserin- Elisabeth-Westbahn in die Bundeshauptstadt. Doch nicht nur für den Personenverkehr eröffnete die 1958 eingerichtete Westbahn neue Möglichkeiten: St. Pölten begann sich als Industriestadt zu etablieren. In Viehofen sperrte die Spitzenfabrik auf, eine Revolverfabrik, eine Seifenfabrik am Neugebäudeplatz und die Papierfabrik Salzer siedelten sich an.

Wenig später folgten Voith und Glanzstoff. Die Harlander Strickgarnerzeugung brachte ihre Produkte anfangs mit dem Hundeschlitten zum Bahnhof, bis 1910 die Straßenbahn bis Harland eröffnete.

In der Gründerzeit wuchs auch das Bildungsangebot mit einer Bürgerschule und dem Gymnasium. Errichtet wurde außerdem das Krankenhaus und die Sparkasse begann den Kaiserwald aufzuforsten. Ein besonderes Spektakel boten die Lichtspielhäuser ab 1916. Schon 1904 starteten im Schützenhaus im Hammerpark Vorführungen.

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Die Mitglieder des Schützenvereins der Handlungscommis zeigten sich 1876 modisch mit Fliege und Schnauzer.
 

Frische bäuerliche Produkte gab‘s derweil schon vor 150 Jahren jeden Donnerstag am Domplatz.

Der Aufschwung zeigte sich in der Einwohnerzahl: Lebten 1848 noch 4.500 St. Pöltner in der Stadt, waren es 1880 10.000 und 1922 schon 20.000. Dazwischen unterbrach der Erste Weltkrieg die positive Entwicklung der Stadt. 1919 macht es sich Bürgermeister Hubert Schnofl schließlich zur Aufgabe, die Lebensverhältnisse zu verbessern, was unter anderem in der Gründung einer Wohnbaugenossenschaft resultierte.

Die Wirtschaftskrise konnte aber nicht gestoppt werden, 1932 erreichte sie ihren traurigen Höhepunkt. Tausende Arbeitslose lebten in der Stadt, die doch noch 1922 mit der Verleihung des Statutarrechts große Hoffnungen als Stadt der Zukunft weckte. Diesem Ruf sollte sie jedoch erst später nachkommen.