Herbert Binder: Der 1. NÖN-Verlagsleiter im Interview

Erstellt am 04. November 2020 | 00:01
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Herbert Binder
Herbert Binder begann 1957 als Journalist bei der St. Pöltner Zeitung. Von 1963 bis 1970 war er Verlagsleiter, von 1970 bis 2002 Geschäftsführer des NÖ Pressehauses.
Foto: privat
Herbert Binder war der erste Verlagsleiter der NÖ Nachrichten. Im NÖN-Interview erinnert er sich an die Anfänge und sieht trotz steigenden Spardrucks gute Zukunftschancen.

NÖN: Sie haben 1957 als Ferialpraktikant in der Redaktion der St. Pöltner Zeitung begonnen und waren ein paar Jahre später Verlagsleiter der NÖN. Wie waren diese Anfänge?
Herbert Binder: Die St. Pöltner Zeitung war das Flaggschiff der damaligen „Pressvereinszeitungen“ im Most- und im Waldviertel. Die Nazis hatten 1938 den Katholischen Pressverein aufgelöst und enteignet. Die Zeitungen gingen lizenzmäßig nach dem Zweiten Weltkrieg an die Energiegesellschaft NEWAG und damit in die Verfügung von deren Generaldirektor Viktor Müllner und seiner Landes-ÖVP. Diese gründete nach dem Vorbild der St. Pöltner Zeitung im Wein- und im Industrieviertel eigene Zeitungen und verhinderte bis in die Mitte der Fünfzigerjahre, dass der Pressverein seine Zeitungen zurückerhielt. Das ist dann erst durch eine Vereinbarung zwischen Bundeskanzler Julius Raab und Bischofkoadjutor Franz König gelungen. Die ÖVP publizierte ab dann ihre Blätter in einem eigenen Verlag in der Osthälfte des Bundeslandes, der Pressverein seine in der Westhälfte. Aus ihnen erwuchsen später die NÖ Nachrichten.

Mit dem Kauf der Lilienfelder Bezirkszeitung 1963 wurde ein Sammelbegriff „NÖ Zeitungsring“ geschaffen. Warum?
Binder: Wir hatten damals mit Lilienfeld 13 Zeitungstitel unter einem Dach. Aber das Problem war, dass wir für überregionale Werbekunden noch immer nicht interessant genug waren. Ich wollte – zuerst als Direktionsassistent, später als Verlagsleiter – diese Kunden für uns gewinnen, und das ging nur unter einer Marke mit einem gewissen Bundeslandanspruch.

Aus diesem Zeitungsring wurde dann die NÖN. Sie gelten gemeinsam mit dem damaligen Chefredakteur Hans Ströbitzer und dem Werbeleiter Ingfried Huber als Vater der Marke.
Binder: Wir waren uns bald einig, dass eine Zeitung, die sich ausschließlich als Chronik der laufenden lokalen Ereignisse versteht, nicht nur in ökonomischer Hinsicht zu wenig ist, sondern vor allem auch in publizistischer. Hans Ströbitzer hat es verstanden, die zum Teil durchaus zögerliche Redaktion von seiner Vision zu überzeugen. Und mir ist zugute gekommen, dass ich schon journalistische Erfahrung in meinen kommerziellen Job mitgebracht hatte. Unsere kühne Absicht war jedenfalls, an die Tradition von Salzburger Nachrichten und Oberösterreichischen Nachrichten anzuschließen.

Das war eine mutige Ansage.
Binder: Durchaus. Erschienen sind die Niederösterreichischen Nachrichten zunächst ja nur im Most- und im Waldviertel. Durch gezielte, professionelle Neugründungen und Zukäufe von lokalen Blättern in den östlichen Landesvierteln gelang es uns, dass die NÖN ab Mitte der 80er-Jahre mit wöchentlich 28 Regionalausgaben niederösterreichweit erschien. Von 1960 bis 1981 vervierfachte sich die NÖN-Auflage auf damals 136.000 Exemplare pro Woche. Da war aber inzwischen auch schon Hans Peter Schmidtbauer als Verlagsleiter mit viel Kreativität und Dynamik mit ins Team gekommen.

Was waren die größten Herausforderungen beim Start?
Binder: Vor allem der Aufbau eines zeitgemäßen Vertriebsnetzes. Zeitungen unseres Typs waren ja traditionell Abo-Zeitungen. Das Abo forcierten wir mit bisher noch nie gekannten Preisausschreiben mit Hauptpreisen wie Autos, Schiffsreisen, einmal sogar einem Fertighaus. Für den Einzelverkauf fuhren wir bei Wind und Wetter übers Land und motivierten die Greißler, doch auch Zeitungen zu verkaufen, was damals weithin ein Novum war. 

Die NÖN war auch die federführende Kraft hinter der Initiative für eine eigene Landeshauptstadt.
Binder: Hans Ströbitzer war von diesem Gedanken schon in den 70er-Jahren beseelt. Er war es, der den damaligen Landeshauptmann Andreas Maurer von dieser Idee begeistert hat. Damals war die Zeit aber noch nicht reif, schon gar nicht für St. Pölten als Landeshauptstadt. Erst als Siegfried Ludwig Jahre später in einer für ihn wie für das Land delikaten Situation ein absolut verlässliches Positiv-Thema brauchte, hat er sich mit seinem Schritt in Richtung Landeshauptstadt einen Platz in der Geschichte Österreichs gesichert. Aber ohne die NÖN gäbe es keine Landeshauptstadt!

Wo sehen Sie heute den Platz der NÖN? Wäre Niederösterreich ohne sein Leitmedium denkbar?
Binder: Natürlich könnte Niederösterreich auch ohne eine NÖN leben. Von den Babenbergern bis vor 55 Jahren ist es auch ganz gut gegangen. Aber, Spaß beiseite: Die NÖN ist das wesentlichste Medium für den Identitätsaufbau und die weitere Entwicklung des Landesbewusstseins. Ihre Hauptaufgabe sehe ich heute in der Verwirklichung des Prinzips „Think Global Act Local“. Mit dem Ziel, das Globale, das Überregionale in allen Lebensbereichen für die Bürgerinnen und Bürger auf die lokale Relevanz herunterzubrechen. Die schier unübersehbare Flut an Nachrichten im Hinblick auf die Interessen der Leserinnen und Leser zu gewichten, zu bewerten und richtig einzuordnen. Die Schwierigkeit dabei ist, dass die Kosten einer lokalen Nachricht unendlich höher sind als die Wiedergabe einer Agenturmeldung über den neuesten Sager eines Herrn Trump.

Wie sieht es mit der Qualität aus?
Binder: In meiner Wahrnehmung ist die publizistische Qualität der NÖN in den vergangenen Jahren trotz des massiven Kostendrucks respektabel gestiegen. Das sieht man auch daran, dass APA, ORF und andere überregionale Medien die NÖN viel öfter zitieren als früher. Das sollte Mut machen!