Fall Fritzl: Als die ganze Welt nach Amstetten blickte. Vater hielt Tochter 24 Jahre im Keller fest und zeugte sieben Kinder mit ihr. NÖN-Team stand 2008 vor größter journalistischer Herausforderung. Ein Rückblick.

Von Hermann Knapp. Erstellt am 09. November 2020 (03:54)
NÖN

An jenem 27. April des Jahres 2008 war das Mostviertel in Feierlaune. Viele Menschen waren am „Tag des Mostes“ unterwegs, um die Baumblüte und die regionalen Schmankerln zu genießen. In der NÖN-Redaktion lief der normale Sonntagsbetrieb: Endredaktion für die nächste Ausgabe. Doch gegen 11 Uhr langte ein kurzes, brisantes E-Mail ein. Inhalt: Der Amstettner Josef Fritzl habe seine Tochter jahrelang in einem Verlies im Keller seines Hauses eingesperrt und mit ihr sieben Kinder gezeugt.

Damit war es mit der Routine vorbei. Eine rasche Gegenrecherche bei der Polizei bestätigte die Information. Um 15 Uhr gab das Landespolizeikommando in einer Pressekonferenz im Hotel Exel erste Fakten bekannt. Da waren die lokalen Medien, aber auch schon österreichische Tageszeitungen vertreten.

Am Abend brach dann die Welt über Amstetten herein. Auch in der NÖN-Redaktion liefen die Telefone heiß. Kollegen aus vielen Ländern wollten Informationen über Amstetten, CNN fragte sogar wegen eines Interviews nach. Doch daran war zu diesem Zeitpunkt nicht zu denken. Es galt, die wenigen Stunden bis zum Redaktionsschluss zu nutzen, um möglichst viele Fakten und Hintergrundinformationen zum Fall Fritzl zu sammeln. Jeder verfügbare Mitarbeiter in Amstetten wurde mobilisiert, um die Chronologie des unfassbaren Verbrechens für die Leser aufzuarbeiten. Dazu gehörten ein kurzes Interview mit dem behandelnden Arzt ebenso wie erste Reaktionen der Nachbarn, von ehemaligen Mietern im Haus des Täters und natürlich der politisch Verantwortlichen in Stadt und Bezirk.

„Ich bin zutiefst erschüttert. Es ist einfach unfassbar, was da passiert ist“, brachte der damalige Stadtchef Herbert Katzengruber die Stimmung in Amstetten auf den Punkt. Auch ihn hatte die Nachricht in gemütlicher Runde beim Mostheurigen erreicht.

Die NÖN-Redaktion machte die Nacht zum Tag und füllte für die aktuelle Ausgabe vier Seiten mit allen verfügbaren Fakten zum Fall. Doch damit war es längst nicht getan. Am Montagmorgen wurde in Absprache mit der Chefredaktion beschlossen, noch eine zwölfseitige Sonderausgabe nachzuschießen. Denn immer neue Details des abscheulichen Verbrechens wurden bekannt. Die Polizei gab auch erste Bilder des Kellerverlieses frei, in dem die Tochter 24 Jahre lang festgehalten worden war und mit mehreren Kindern ihr Dasein gefristet hatte.

Am Montagnachmittag wurde bekannt gegeben, dass der Vater ein Geständnis abgelegt hatte. Der Raum im Hotel Exel war zu klein, um die Journalisten und Fernsehteams aus aller Welt aufnehmen zu können. Staunend beobachtete der NÖN-Redakteur, dass es beim Gerangel um den besten Standort für die Kameras fast zu Handgreiflichkeiten kam.

Während die Pressekonferenz lief, waren NÖN-Mitarbeiter in der Stadt unterwegs, um Passanten zu befragen. Die Betroffenheit war groß. „Für einen normalen Menschen liegt dieses Verbrechen außerhalb jeder Vorstellungskraft. Dass so etwas in einer ruhigen Stadt wie Amstetten passiert, ist wirklich schrecklich“, erklärte ein Pensionist.

Verwurzeltsein in der Region als Trumpf

Das NÖN-Team spielte in diesen Stunden gegenüber den Journalisten aus aller Welt seinen größten Trumpf aus: das Verwurzeltsein in der Region. So gelang es etwa, eine ehemalige Klassenkameradin der Tochter aus der Hauptschule ausfindig zu machen, die sogar noch ein Klassenfoto hatte, ebenso eine ehemalige Arbeitskollegin. Im Archiv wurde ein Foto ausgegraben, das vom Täter und seiner Frau anlässlich der goldenen Hochzeit geschossen worden war. Exklusiv führte die NÖN auch ein Interview mit dem Direktor des Landesklinikums Mauer, wo die Familie untergebracht und vor den Reportern aus aller Welt abgeschirmt wurde. Und natürlich kam der damalige Bezirkshauptmann Hans Heinz Lenze zu Wort, der sich gegen Vorwürfe zur Wehr setzen musste, die Behörde sei zu spät eingeschritten. „Es gab in keinem Akt ein Anzeichen dafür, dass etwas nicht gestimmt hätte. Herr F. hat ein perfektes Doppelleben geführt“, sagte er.

Etwa zwei Wochen dauerte Amstettens Belagerung, dann zog die Journalisten-Karawane weiter – zum nächsten Kriminalfall, zur nächsten Sensation, irgendwo in der Welt.

Der Keller wurde inzwischen mit Beton verfüllt, das Haus umgebaut und mit neuen Mietern belebt, die Tochter und ihre Kinder haben fern von Amstetten in ein neues Leben gefunden, und der Täter sitzt seine gerechte Strafe ab. Amstetten ist eine florierende, wachsende Metropole im Mostviertel – eine Stadt, die nach vorne schaut.

Draußen in der Welt fällt vielen Menschen aber immer noch zuerst der Kriminalfall Fritzl ein, wenn der Name Amstetten fällt.