„Den Routinecheck nicht aufschieben!“. Corona und wie man die Krise in den Griff bekommt, dazu nimmt Dr. Christoph Reisner, MSc, Präsident der Ärztekammer für Niederösterreich, Stellung.

Erstellt am 08. April 2021 (13:35)
Dr. Christoph Reisner, MSc, Präsident der Ärztekammer für Niederösterreich.
Rudi Rumple

Das vergangene Jahr war wohl eines der herausforderndsten der letzten Jahrzehnte. Wir alle, aber ganz besonders Ärztinnen und Ärzte, waren auf vielen Ebenen gefordert.

Wie blicken Sie auf mehr als ein Jahr Corona-Krise zurück?
Dr. Christoph Reisner, MSc: Die Ärzteschaft leistete und leistet in Zeiten der schweren Krise wichtige und unersetzliche Arbeit für die Bevölkerung, um die Versorgung der Patientinnen und Patienten aufrechterhalten zu können. Im niedergelassenen Bereich fehlte zu Beginn das Schutzmaterial, was die Situation noch weiter erschwerte. Zum Glück ist das im heurigen Jahr nicht mehr der Fall und Ärztinnen und Ärzte können gut geschützt arbeiten. Darüber hinaus sind die meisten von ihnen bereits geimpft, ein wichtiger Schritt im Hinblick auf die  Gesundheitsversorgung in Niederösterreich, denn nur so sind Ärztinnen und Ärzte bestmöglich vor dem Coronavirus geschützt und können weiterhin die Krankheiten ihrer Patientinnen und Patienten behandeln.

Wie beurteilen Sie die Impfstrategie des Bundes?
Reisner: Grundsätzlich positiv. Es ist richtig und wichtig, vulnerable Gruppen zuerst zu immunisieren. Jetzt sollten allerdings dringend Personen geimpft werden, die unser Alltagsleben aufrechterhalten. Dazu zählen Supermarktangestellte genauso wie Polizei oder Feuerwehr. Beginnen sollte man immer, egal in welcher Berufsgruppe, mit den älteren Personen. Erst wenn diese geimpft sind, sollten die Jüngeren an die Reihe kom-men.

Warum ist Impfen so wichtig?
Reisner: Impfungen sind prinzipiell für jede Einzelne und jeden Einzelnen sowie für das Umfeld wichtig, das ist nicht nur im Fall von COVID-19 so. Man schützt sich selbst vor einer Ansteckung mit einer potenziell tödlichen Erkrankung und verhindert auch weitere Übertragungen. Im Fall von Corona gilt, dass wir unser normales Leben erst zurückbekommen werden, wenn wir es geschafft haben, die Ansteckungen auf ein sehr niedriges Niveau zu reduzieren. Dazu kommt bei COVID-19 eine weitere Dimension zum Tragen. Denn jeder Lockdown, jede Ausreise- oder Einreisesperre schadet uns allen ökonomisch enorm. Das Wirtschaftsforschungsinstitut hat die Kosten des zweiten Lockdowns für die heimische Wirtschaft auf über 190 Millionen Euro täglich berechnet. Und auch Testen und Tracen sind nicht gratis – zwei Maßnahmen, die im Kampf gegen die Pandemie extrem wichtig sind. Ein PCR-Test kostet den Staat und damit seine Bürgerinnen und Bürger etwa 60 Euro, ein Antigentest kostet etwa 25 Euro.

Sie sprechen sich für das Impfen in Ordinationen aus. Warum ist das so wichtig?
Reisner: Einerseits, weil wir im flächenmäßig größten Bundesland die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte brauchen, um einen unkomplizierten Zugang zur Impfung sicherzustellen, und andererseits, weil die Patientinnen und Patienten Vertrauen zu ihrer Hausärztin bzw. ihrem Hausarzt haben. Als Hauptansprechpersonen in Gesundheitsfragen können Ärztinnen und Ärzte auch mögliche Ängste nehmen, im Vorfeld individuelle Fragen zu Impfung und Impfstoffen klären und ihre Patientinnen und Patienten zur COVID-19-Schutzimpfung motivieren.

Die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte Niederösterreichs waren von Beginn an bereit zu impfen und so konnte bereits Mitte Februar mit den ersten Impfungen in Niederösterreichs Ordinationen begonnen werden. Mit Stand Anfang April wurde in ca. 500 Ordinationen geimpft, 200 weitere Ordinationen stehen in den Startlöchern – und ich bin überzeugt, dass wir noch viele Interessenten unter den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten haben. Es sind also reichlich freie Kapazitäten vorhanden, leider mangelt es aber an Corona-Impfstoffen. Der schleppende Impfstart zu Beginn des Jahres wurde von manchen Menschen und auch von einzelnen Medien bedauerlicherweise fehlinterpretiert. Nicht die Hausärztinnen und Hausärzte waren das Nadelöhr oder gar überfordert mit den Corona-Schutzimpfungen, das Problem waren und sind die fehlenden Vakzine.

Gerade zu Beginn der Pandemie wurden viele Untersuchungen aufgeschoben oder gar nicht durchgeführt. Was raten Sie Patienten mit Beschwerden?
Reisner: Während des ersten Lockdowns haben viele Patientinnen und Patienten Kontroll- oder Vorsorgeuntersuchungen aus Angst vor einer SARS-CoV-2-Infektion verschoben oder sogar abgesagt. Es gibt aber abseits von COVID-19 viele weitere Krankheiten, die erhebliche Schäden nach sich ziehen können, wenn Therapien ausgesetzt oder Untersuchungen abgesagt werden. Diese vermeintlichen Vorsichtsmaßnahmen bedeuten eine große Gefahr für die Gesundheit der Menschen.

Wir werden, so wie es aussieht, noch längere Zeit mit der Corona-Pandemie und parallel mit den vielen anderen Krankheiten unserer Gesellschaft leben müssen. Es ist daher absolut notwendig, dass in allen Fachgebieten Routineuntersuchungen wie vor Corona-Zeiten durchgeführt werden. Dazu zählen beispielsweise Blutzuckerkontrollen, Diabeteseinstellungen, gynäkologische oder urologische Untersuchungen, aber auch Augenkontrollen.
Kein einziges Fachgebiet darf ausgeschlossen werden, es sei denn, der behandelnde Arzt oder die behandelnde Ärztin rät im Einzelfall zu etwas anderem. Die Gefahr einer schwerwiegenden Folgeerkrankung, zu spät behandelte Schlaganfälle, Herzinfarkte oder Karzinome, müssen, so gut es geht, verhindert werden.

Haben Sie dazu konkrete Beispiele?
Reisner: Einige Fallgeschichten von Patientinnen und Patienten, die während des ersten Lockdowns Arztbesuche aufgeschoben haben, haben wir in unserem Patientenmagazin Sprechstunde, das unter www.arztnoe.at/sprechstunde gelesen werden kann, vorgestellt.
Ein junger sportlicher Mann hat zum Beispiel seinen gebrochenen Gips selbst geklebt, statt sein verletztes Bein im Krankenhaus neu eingipsen zu lassen – aus Angst sich anzustecken. Eine gefährliche Aktion, da das gebrochene Sprunggelenk so nicht gestützt wurde. Glücklicherweise entschloss sich der 22-Jährige letztendlich doch noch, ein Spital aufzusuchen. In einem anderen Fall hat eine 27-jährige Frau aus Angst vor COVID-19 ihre Schlaganfallsymptome verdrängt und lieber auf eine Migräne geschoben. Eine weitere Niederösterreicherin hat ihre Lungenschmerzen und ihre Atemlosigkeit übergangen.

Beiden Patientinnen geht es – nachdem sie sich spät, aber doch in ärztliche Behandlung begeben haben – heute zum Glück wieder gut, aber es hätte auch böse ausgehen können.

Was geben Sie unseren Lesern mit auf den Weg?
Reisner: Ich möchte hier die Gelegenheit nutzen und an alle Menschen appellieren, Arzttermine und Untersuchungen nicht aufzuschieben. Wichtig ist es, nicht unangemeldet die Ärztin bzw. den Arzt in der Ordination aufzusuchen und sich beim Arztbesuch an die Regeln zu halten, die aufgrund der COVID-19-Pandemie notwendig sind. Aktuell ist es notwendig, eine FFP2-Maske zu tragen und bei der Anmeldung und im Wartezimmer einen Abstand von mindestens zwei Metern zu anderen Personen einzuhalten. Auch die Hygieneregeln, wie häufiges Händewaschen mit heißem Wasser und Seife sowie Niesen und Husten in die Armbeuge, sollten weiter beachtet werden. Die Corona-Pandemie hält uns jetzt schon länger als ein Jahr in Atem und vermutlich wird es noch dauern, bis endgültig Entwarnung gegeben werden kann. Wenn wir alle unser Bestes geben, sei es nun als Ärztin oder Arzt in der Ordination oder im Krankenhaus, als Arbeitskraft in der Pflege oder im Supermarkt oder einfach als Mensch, indem wir die Corona-Regeln einhalten, um uns und andere nicht zu gefährden, werden wir den Weg aus der Krise in absehbarer Zeit schaffen.

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