Bleiberecht für Schüler gefordert. Initiative will, dass Jugendliche in Ausbildung nicht abgeschoben werden.

Von Hermann Knapp. Erstellt am 10. März 2020 (04:16)
Bei der Pressekonferenz. Vorne von links Hans Müller, Ester Steininger, Sr. Elvira Reuberger und Elisabeth Ortner sowie Direktor Leopold Dirnberger (hinten 2. von rechts) mit zwei jungen Männern, die bereits einen positiven Bescheid haben sowie Unterstützern der Aktion.
Knapp

 „Wir wollen, dass alle jungen Asylwerber, die keinen positiven oder einen negativen Bescheid erhalten haben, nicht vor dem nahenden Ende ihrer Ausbildung abgeschoben werden – und auch nicht danach. Österreich investiert Geld in sie und daher sollten sie die Möglichkeit bekommen, das, was sie gelernt haben, der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen“, brachte gleich zu Beginn der Pressekonferenz der Initiative AiA (Initiative für AsylwerberInnen in Ausbildung) am Mittwochvormittag der Direktor der Wirtschaftsschule der Franziskanerinnen von Amstetten ihre Forderungen auf den Punkt.

Auslösendes Moment für die Gründung der Initiative im Dezember 2019 war, dass zwei Schüler der Wirtschaftsschule vor der bevorstehenden Abschiebung untertauchten. Beide hätten die besten Voraussetzungen gehabt, ihre Ausbildung erfolgreich abzuschließen.

Sr. Elvira Reuberger, Stellvertreterin der Generaloberin der Franziskanerinnen, betonte, dass es dem Orden seit seiner Gründung im Jahr 1723 immer darum gegangen sei, junge Menschen, die Hilfe brauchten, zu unterstützen. „Heute sind das diese Jugendlichen, die auf der Flucht sind.“

Zum Höhepunkt der Flüchtlingswelle im Jahr 2015, als in Mauer und Waldheim die Containerdörfer entstanden, hat die Schule eigene Übergangsklassen für Asylwerber eingerichtet. „Das war unser Beitrag, um den heimatlosen jungen Leuten eine Chance auf eine gute Ausbildung und auf eine sinnvolle Zukunft zu geben“, sagt Sr. Reuberger. Bildung sei wichtig, damit die Asylwerber die Qualifikation erreichten, später einen Beitrag zum Gemeinwohl leisten zu können. „Wir fordern daher, dass die gesetzlichen Rahmenbedingungen rasch und gezielt auf den Weg gebracht oder den Erfordernissen angepasst werden“, sagt die Franziskanerin.

Sr. Reuberger gibt auch zu bedenken, dass Flüchtlinge, die in Österreich eine katholische Privatschule besucht hätten, bei einer Abschiebung Gefahr liefen, in ihren Heimatländern wegen Glaubensabfall verfolgt zu werden.

Schulärztin: Enorme Belastung für Schüler

Schulärztin Ester Steininger weist auf die psychische Belastung hin, unter der die betroffenen Schüler stehen. „Diese Jugendlichen sind von den Erlebnissen in ihren Heimatländern und der Flucht traumatisiert, viele haben auch ihre Familie oder Mitglieder davon verloren. Und nun müssen sie sich in einer fremden Umgebung eingewöhnen, eine fremde Sprache lernen und auch noch eine Schulleistung erbringen.“

All das wäre, so Steininger, mehr als genug, hinzu käme dann aber noch die Ungewissheit einer drohenden Abschiebung, die sie ja bei Freunden und Bekannten erleben müssten. „Das alles macht krank. Die jugendlichen Asylwerber leiden ausnahmslos unter Schlafstörungen, Kopfschmerzen und Bauchschmerzen. Ich habe aber auch schon Depressionen und Suizidgefährdung diagnostiziert“, sagt die Schulärztin.

Auch Elisabeth Ortner, Lehrerin an der Wirtschaftsfachschule, weiß, wie belastend die Ungewissheit bezüglich Asylbescheid für die jungen Leute ist. „Ich erlebe das ja mit und sehe, wie nervös sie sind, wenn der nächste Brief mit der Aufforderung zu einem Interview kommt. Sie können dann schlecht schlafen und sich natürlich auch in der Schule nicht so gut konzentrieren.“

Derzeit bangen an der Schule 16 Jugendliche darum, ob sie bleiben dürfen. Sie alle haben in erster Instanz einen negativen Bescheid bekommen und warten nun seit Jahren auf ein neuerliches Verfahren.

Für Ortner ist es völlig unverständlich, dass man gut ausgebildete Asylwerber abschieben will, statt sie zum Beispiel in Mangelberufen wie Pflege oder Gastronomie auszubilden und gleichzeitig Pläne schmiedet, Menschen aus Marokko nach Österreich zu holen und eine Pflegeausbildung zu geben. „Wie kann es sein, dass ein junger syrisch/libanesischer Mann, ein ehemaliger Schüler, der seit 2014 bei uns ist, eine abgeschlossene Heimhilfeausbildung hat und eine Beschäftigungszusage der Volkshilfe St. Pölten, nun abgeschoben werden soll? Damit schaden wir uns doch nur selbst.“ Sie fordert in solchen Fällen die Rot-Weiß-Rot-Karte.

Ganz genauso sieht das Hans Müller, Obmannstellvertreter des Vereins „Vielfalt nutzen in Ybbs“, der sich ebenfalls seit Jahren für Asylwerber und ihre Integration engagiert. „Wir brauchen ein modernes Bleiberecht, eine praktikable und pragmatische Lösung für junge Menschen, die vielversprechend sind, die eine Leistung bringen und die sich in unsere Gesellschaft integrieren und engagieren wollen.“

Zu Wort meldete sich bei der Pressekonferenz auch Sr. Hildegund Kammerhofer und gab zu bedenken: „Wenn wir unsere Stimme für diese jungen Menschen nicht erheben, wer soll für sie sprechen?“ Und sie warnte weiters: „Gut ausgebildete, arbeitswillige Jugendliche, die abgeschoben werden, werden keine guten Friedensbotschafter sein!“
Die AiA verschickt dieser Tage Briefe mit ihren Forderungen an Politik und andere Organisationen.

Umfrage beendet

  • Asyl: Soll es Bleiberecht für Schüler in Ausbildung geben?