Frauenberatung: „Frauen tragen Hauptlast in Krise“ . Die Frauenberatung verzeichnet mehr Anfragen. Im Vordergrund stehen existenzielle Nöte.

Von Doris Schleifer-Höderl. Erstellt am 13. August 2020 (04:52)
Sonja Mille (links) im Beratungsgespräch. Corona hat das Frauenberatungsteam Mostviertel vor besondere Herausforderungen gestellt. Die Beratungsanfragen sind gestiegen. Auch jetzt im Sommer gibt es keinen spürbaren Rückgang.
Doris Schleifer-Höderl

„Zu Beginn der Krise hat große Verunsicherung bei den Frauen geherrscht“, berichtet Sonja Mille von der Frauenberatung Mostviertel. „Daher waren immer zwei Mitarbeiterinnen in der Beratungsstelle, die anderen beiden haben vom Home-Office aus telefonisch beraten. Erst seit Mai arbeitet das gesamte Team wieder mit allen Sicherheitsvorkehrungen in der Beratungsstelle.“

Die Klientinnen tragen nach wie vor, bis sie ins Beratungszimmer gebeten werden, Maske. Dort sind Plexiglasabtrennungen aufgestellt und die Schutzmaske kann abgenommen werden. „Das ist wichtig, denn bei einer fundierten Beratung ist es unerlässlich, Mimik und Emotion der Klientin wahrzunehmen“, erklärt Sonja Mille.

„Wir rechnen auch im Herbst und Winter mit einem weiteren Anstieg der Beratungen. Eigentlich ist kein Ende abzusehen.“Sonja Mille

Die vorrangigen Themen, mit denen sich Frauen an die Beratungsstelle in der ersten Phase von Corona wandten, betrafen akute Überforderung und existentielle Nöte. „Es muss klar angesprochen werden, dass es die Frauen waren, die die Hauptlast von Home-Schooling und Home-Office getragen haben! Beim Großteil hatte die ungestörte Home-Office-Zeit des Mannes Vorrang vor jener der Partnerin. Dies führte bei vielen Frauen zu Überforderung und Erschöpfungszuständen. Vor allem auch deshalb, weil viele 24 Stunden am Tag durch die Ausgangsbeschränkungen beisammen waren oder in Gesundheits- und Sozialbetreuungsberufen sowie im Lebensmittelhandel Tätige Außerordentliches leisteten und sich Frauen aufgrund tradierter Geschlechterzuschreibungen für das Wohl der Familie verantwortlich fühlen.“

Zu all diesen Belastungen kamen bei vielen Frauen existenzielle Ängste hinzu. Etwa bei Alleinerzieherinnen und Arbeitslosen. Mille berichtet von drei Frauen in Beratung, die absolut kein Geld mehr hatten. Sie unterstützte sie bei den Anträgen für den Corona-Familienhärtefonds. „Es war wirklich schlimm, weil sie erst im Juni Geld bekamen. Fakt ist, Corona verschlimmerte die Situation von Frauen, die bereits davor in prekären Situationen lebten, dahingehend, dass sie gar nichts mehr hatten“, erklärt Mille. Dass dies in einem Staat wie Österreich möglich ist, sei eigentlich nicht zu glauben.

Beziehung, Trennung, Scheidung, Gewalt

Obwohl sich die Situation allmählich ein wenig stabilisiert, hat die Frauenberatung Mostviertel nach wie vor mehr Anfragen als sonst in der Sommerzeit. Nun mehren sich die Beratungsanfragen zu den Themen Beziehung, Trennung, Scheidung und Gewalt. „Wir rechnen auch im Herbst und Winter mit einem weiteren Anstieg der Beratungen. Eigentlich ist kein Ende abzusehen und wir würden eine fünfte Mitarbeiterin benötigen, um die Flut an Anfragen bewältigen zu können“, führt Sonja Mille aus.

Von Frauenministerin Susanne Raab wünscht sich die Frauenberatung Mostviertel, die Corona-Krise auch als Chance zu nutzen, um die geschlechtliche Gleichstellung voranzutreiben. „In den letzten Monaten wurden gerade Frauen immer als sogenannte Systemerhalterinnen angepriesen – schlussendlich sind sie es auch. Aber was passiert nach Corona? Die Zeit ist gerade richtig, um die Leistungen von Frau nicht nur mit schönen Worten, sondern etwa auch mit gleichem Lohn für gleiche Arbeit zu bedenken.“