Frauenberatung: Zahl der Gewaltopfer steigt ständig an. Regionalstelle in Amstetten des Gewaltschutzzentrums NÖ hat im Vorjahr 127 Betroffene betreut – um 31 mehr als 2015.

Von Doris Schleifer-Höderl. Erstellt am 08. Februar 2017 (05:16)
NOEN, Doris
„Frei leben, ohne Gewalt, ist ein Menschenrecht“, so Michaela Egger und Marlies Leitner vom Gewaltschutzzentrum NÖ. „Es ist wichtig, dieses Thema immer wieder anzusprechen, um die Menschen noch mehr dafür zu sensibilisieren und noch genauer hinzuschauen.“Schleifer-Höderl

„Jede fünfte Frau ist im Laufe ihres Lebens von Gewalt betroffen – unabhängig von ihrem Alter, dem sozialen Status und der Nationalität“ – Das ist eine Tatsache, die die Leiterin des Gewaltschutzzentrums Niederösterreich, Marlies Leitner, empört und gegen die sie gemeinsam mit ihren Mitstreiterinnen seit Jahren öffentlich auftritt und ankämpft.

Im Bezirk Amstetten wurden 127 Betroffene betreut und es wurden 62 Betretungsverbote ausgesprochen. „Wir haben festgestellt, dass die Einführung des Gewaltschutzgesetzes am 1. Mai 1997 einiges bewirkt hat“, berichtet Leitner. „Vor allem im urbanen Bereich suchen sich immer mehr Frauen Hilfe. In den ländlichen Regionen, wo jeder jeden kennt, ist es für Frauen, die von Gewalt betroffen sind aber immer noch sehr schwierig, sich aus dieser Lebenslage zu lösen.“

Viele Hilfesuchende in urbanen Bereichen

Daher bedürfe es noch umfassenderer Informationen, um die Dunkelziffer zu minimieren und Vertrauen bei den Betroffenen zu schaffen, dass sie Anrecht auf ein gewaltfreies Leben haben.

Die steigende Zahl der Klienten führt man im Gewaltschutzzentrum darauf zurück, dass in der Öffentlichkeit mehr über häusliche Gewalt gesprochen wird als früher. „Fakt ist, dass nach wie vor 90 Prozent der Personen, die sich an das Gewaltschutzzentrum wenden, Frauen sind. Man kann durchaus sagen, dass Gewalt in sozialen Nahbeziehungen männlich ist“, sagt Leitner. Die Mehrzahl der hilfesuchenden Frauen ist zwischen 30 und 40 Jahre alt.

Eine intensivere Zusammenarbeit wünscht man sich im Gewaltschutzzentrum mit den Hausärzten. „Denn sie genießen das Vertrauen ihrer Patienten und kennen ihre Lebensumstände. Viele Frauen, denen Gewalt widerfährt, wenden sich an Ärzte und Krankenhäuser“, sagt Michaela Egger, ebenfalls Mitarbeiterin im Gewaltschutzzentrum. Sie ist davon überzeugt, dass man mithilfe der Mediziner häusliche Gewalt oft schon in den Anfangsstadien erkennen und den Betroffenen schneller helfen könnte.

Gewalt beginnt verbal und mit Demütigung

„Wobei Gewalt ja oft nicht gleich mit körperlichen Übergriffen beginnt, sondern viel früher mit verbalen Attacken, Demütigungen und Abwertungen. Häufig folgen dann Drohungen und letztlich physische Gewalt.“

Deutlich war 2016, dass sich vermehrt Asylwerberinnen an das Gewaltschutzzentrum wandten, die in ihrer neuen Heimat gewaltfrei leben wollen. „Bei dieser Gruppe rechnen wir auch mit einem weiteren Anstieg. Für uns ist es wichtig, darauf aufmerksam zu machen, dass Gewalt kein Kavaliersdelikt ist, sondern ein kriminelles Unrecht und dass frei leben ohne Gewalt ein Menschenrecht ist.“